ohne Namen in dieser Welt , ohne Erinnerung und ohne Vorschau . « Einhart strich der Blonden die goldnen Haare aus der Stirn und sah , daß sie leuchtende Augen gewann . Und sie aßen und lachten miteinander und plauderten und tranken . Unterdessen das Leben der losen , frechen Weiber am Tische in der Ecke mit Weihnachtsliedern , lautem Geschwätz und schrillem Gelächter unter dem Lichterbaume fortging . Einhart versank immer mehr in Stummheit . Er begann das Mädchen neben sich , die arglos alles wie ein Fest hinnahm , anzusehen und anzulächeln . Und er vergaß , wie er mit der Jungen in seinen Bodenraum zärtlich heimgekommen , und sie ihn im Halblicht seiner kleinen Lampe geküßt und gestreichelt hatte , bald in der Wärme ihrer weichen Umarmungen den Sinn aller Feierstunden und aller ihrer herkömmlichen Deutung . 14 Frau Rehorsts Traum war in ganz jäher Weise im Herzen ausgeträumt . Als Tag und Stunde kam , wo Einhart sie in der Dämmerung gewöhnlich besuchen kam , sah sie bleich und erschöpft aus , weil sie einen Kampf gekämpft und alles heiße , heftige Drängen ihres Blutes in einem bestimmten Entschluß zur Ruhe gebracht . Der Feiertagsfrieden lag im Hause . Das rührige Fest des Bescherungsabends war verklungen . Frau Rehorst hatte ausdrücklich gewünscht , daß der eigentliche Feiertag zu einer stillen Freude der Zurückgezogenheit werden möchte , und zu einem Sichbesinnen oder auch Sichverlieren in fernen , fremden , schönen Dingen . In Frau Rehorsts Zimmer lagen tausenderlei Kunstmappen und neue Literatur jetzt herum . Sie las mit großer Leidenschaft noch , und hatte auch Herrn Rehorst und den Kindern heute ausdrücklich gesagt , daß sie nach all der Einkaufshast und den Beschenkungsunruhen endlich wieder einmal in die Gefilde der Träume eingehen wollte , ungestört . Herr Rehorst ängstigte sich im geheimen noch ein wenig . Die melancholische Erregung von Frau Rehorst am Weihnachtsabend hatte ihn erschreckt , zumal in der Familie von Frau Rehorst einige an derartigen Anwandlungen nervöser Gebrechlichkeit krankten . So hatte er Frau Rehorst nur am Nachmittag auf die Stirn geküßt , und ehe er sich selber in seine Arbeitsräume zurückzog , den Kindern leise und ausdrücklich gesagt , daß im Hause jeder Laut vermieden werden müßte . Die Kinder waren im Schlitten aufs Land gefahren . So saß Frau Rehorst bleich und in der eigentümlichen Schwäche , in der große Herzensentschließungen das Gemüt zurücklassen , und versuchte vergeblich in einem der Eindrücke zu haften , die sie dem Auge jetzt darbot . » Es ist wunderlich , « dachte sie , » daß wir nur Stärke und Ruhe gewinnen , wenn wir entsagen . Dann gewinnen wir uns selbst wieder . Sonst verbrennen wir unsre Kerze und verzehren unsre Hoffnung . « Sie hatte allerhand Bücher , köstliche , in Pergamentbänden mit goldnen Leisten und Blumen aufgeschlagen , und in jedes mit äußerem Blick hineingelesen . Und nichts hatte sie wirklich auch nur mit einem Hauche in ihre verzehrte Seele genommen . Alles trieb nur ein leeres Spiel draußen in den Vorhöfen des Lebens , wo die Eindrücke noch nicht wiedergeboren sind , keine Seele haben und keine Sprache reden . Auch Bilder besah sie . Den Millet ' schen Reiter im fliegenden Mantel am einsamen , sturmumschrieenen Heideteiche hatte sie angesehen und flüchtig eine Tröstung empfunden und eine selige Ausschau , daß da auch einer nun Heimat und das Geliebte verlassen in eigener Bestimmung und mit sicheren Blicken , von Gewalten umheult und umrissen neu ins Ungewisse sich verlierend . So war auch ihr jetzt zu Mute . Sie saß bleich und verloren lange in ihrem Lehnsessel zurückgebogen und lauschte heimlich in die tiefe Feiertagsstille , die draußen und drinnen herrschte . Dann beschloß sie an dem Tage niemand mehr bei sich einzulassen . » Wer auch kommen möge . Ich bin nicht zu Haus , « sagte sie dem Diener , der auf ihr Klingeln eingetreten . Sie hatte sich am Schreibtisch niedergelassen und begann jetzt in ein Tagebuch einige Notizen zu machen . Sie hatte sich ein dunkles , glattfließendes Sammetkleid angetan , das in weichem Schwunge um sie lag , und trug einen breiten Silberschmuck mit feinen Gehängen um die Spitzen am Halse . Ihre Arme lagen weiß in dem Dunkel der Seidenbehänge , die durchbrochen waren . Sie sann . Sie versuchte einiges aufzuschreiben , von dem , was vorgegangen und noch vorging . » Rehorst ist die Himmelsgüte selber . Und ein Mensch ohne Mißtrauen . Wie war er geduldig ! Und wie sinnlos kann mein Herz sich gebärden ! « schrieb sie . Dann horchte sie . Es schienen durch den Garten Schritte zu stapfen . Sie war gleich aufgesprungen und hatte hinausgesehen . Aber es war auf dem Trottoir drüben außerhalb der Gitter . Sodaß sich Frau Rehorst zurück zum Schreibtisch niedersetzte . Das Bild ihres Vaters , der auch ein reicher Fabrikant gewesen , stand vor ihr in einer feinen Miniature , und das Bild ihrer Mutter , das sie lange anstarrte . Sie dachte an ihre Mädchenzeit . » Ach ja , « schrieb sie dann , » es gibt Menschen , die sehr , sehr lange herumirren und immer mit heiterem Gesicht , und die erst finden mit Leiden . Ich mußte längst eine Mutter sein , ehe ich begreifen lernte - und verstehen - und heiß begehren und verschweigen und verstummen und weinen und doch leben . « Sie weinte eine helle Träne , erhob sich , überwand sich , schloß das Buch in ein Geheimfach zurück und sah in den Silberspiegel , um sich die Träne zu nehmen und sorglich mit der feinen Spitze Kühlung ins Auge zu wehen . Aber sie lief dann wie hochgerichtet sogleich an die Tür . Jetzt war Einhart draußen . Ein Ton hatte sie erreicht , unbegreiflich , durch alle möglichen Räume . Sie klingelte . Sie riß die Tür ein wenig hastig auf und rief hinaus : » Nein ... nein nein