sich eine merkwürdige geistige Anstrengung zeigte , wie er redete , denn er holte mit schwerer Arbeit die Gedanken herauf und drückte sie mit Mühe in Worten aus , und deshalb sprach er sehr langsam und eindringlich ; alle aber folgten ihm mit eigner großer Anstrengung . Was er sagte , hatte eigentlich mit der Marxschen Theorie wenig zu tun ; es kam aber seine Herzenssehnsucht heraus und die Herzenssehnsucht der Hunderte von Arbeitern , die ihm lauschten , denn er meinte , die Arbeiter seien heute von der Bildung abgeschnitten und müßten sich die Bildung erwerben , dann seien sie die Herren der Welt , und jeder von diesen Männern dachte bei seinen Worten , daß er die Bildung haben wolle , und malte sich ein Gedankenbild zukünftigen Lebens der Menschheit , wo alles Leid verstummte , Haß , Neid und Unterdrückung verschwand und die Menschen in gegenseitiger herzlicher Freundschaft lebten und sich bildeten . Wie der Vortrag beendet war und einige aus der Versammlung nacheinander auf die Stufe traten und ihre beistimmende oder abweichende Meinung sagten , sprachen Hans und Karl weiter mit den Männern , die an ihrem Tische saßen . Der eine war erst vor kurzem aus dem Osten nach Berlin gekommen , nachdem er zu Hause eine mehrjährige Gefängnisstrafe abgebüßt hatte wegen Geheimbündelei . Der erzählte seinen Prozeß und stellte seine Sache so dar , daß er mit seinen Freunden , die das Gesetz wohl kannten , keinerlei Geheimbund gehabt , indem sich sich immer nur freundschaftlich zu Ausflügen oder Zusammenkünften getroffen hatten . Dann fuhr er fort , daß er zuerst der Meinung gewesen , er sei ungerecht verurteilt , nicht , daß die Richter gegen ihn besonders etwas gehabt hätten , aber sie seien durch ihre Klassenvorurteile verblendet ; dann aber habe er sich die Sache weiter bedacht und sich im Geiste auf den Standpunkt des Richters gestellt , denn wenn einmal ein Gesetz sei , und wenn es auch ungerecht ist , so müsse doch der Richter danach entscheiden , und da habe er sich denn gesagt , daß er und seine Freunde eigentlich nur eine Umgehung des Gesetzes begangen hätten , denn alles , was das Verbot des Geheimbundes bezwecke , hätten sie doch getan und sich nur gehütet , die äußeren Formen eines Vereins anzunehmen , und das habe der Richter wohl eingesehen , und darum müsse er sich jetzt selber sagen , daß er gerecht verurteilt sei , und wenn er selbst Richter gewesen wäre , so hätte er auch nicht anders gekonnt . Über diese Worte entstand eine Meinungsverschiedenheit , indem einige sagten , wenn kein wirklicher Verein mit Satzungen und Vorsitzenden und festen Versammlungen gewesen sei , so wären sie in unrechtmäßiger Weise bestraft , und es könnten ja dann alle andern Menschen auch verurteilt werden , weil doch jeder einen Kreis von Bekannten habe , die mit ihm einer Gesinnung seien ; die andern aber schlossen sich der Meinung des Erzählers an , den sie Jordan nannten , und sagten , Recht müsse sein , und wenn sie selbst erst die politische Macht errungen hätten , was wohl schon in zehn oder zwanzig Jahren sein könne , so müßten die Gegner auch den Gesetzen gehorchen , die sie selbst dann geben würden ; zwar würden diese freilich auf keine Unterdrückung ausgehen , und deshalb würden auch die Gegner wohl willig sich ihnen fügen . Sie fragten auch Jordan nach dem Aufenthalt in seinem Gefängnis , denn es war eine Nachricht durch die Zeitungen gegangen , daß er und seine Freunde sehr viel hatten erdulden müssen . Da streifte Jordan seine Ärmel hoch , zog die Manschette ab und wies an seinem mageren Arm einen geröteten Streifen um den Knöchel , denn man hatte ihnen Ketten angelegt ; aber wie die Zuhörer Ausrufe machten , erzählte er , daß das Tragen der Ketten nicht so schlimm sei , wie man sich vorstelle , denn man habe ja ohnehin nicht viel Bewegung ; nur müsse man immer Vorkehrungen treffen , daß die Haut nicht durch das Eisen gescheuert werde , denn solche Wunden heilten sehr langsam und seien schmerzhafter wie manche gefährliche Verletzung . Und wie einige darauf wieder über den Leiter der Gefängnisse schalten , daß er sie unnützerweise mit diesen Ketten gequält habe , entschuldigte er von neuem , indem er sagte , man habe sie erst nach einem Fluchtversuch von zweien unter ihnen geschlossen , und wenn er selbst auch die Ketten für ein sehr wenig wirksames Mittel gegen die Flucht halte , so sei doch der Leiter der Anstalt andrer Meinung gewesen und habe gedacht , daß er auf diese Art weitere Fluchtversuche unmöglich mache . Der Erzähler schloß dann , indem er auseinandersetzte , ein jeder Mensch stehe auf seinem Posten , den er ausfüllen müsse , und anders könne er nicht , und er selbst glaube , daß unter den niederen Gefängnisbeamten mancher sei , der ihre Meinungen teile , aber er müsse doch seine Pflicht tun . Und deshalb kämpfen ja auch sie , er und die andern , nicht gegen die Menschen , sondern gegen die Verhältnisse , und man müsse auch nicht glauben , daß es in den höheren Ständen nur lauter rohe und gefühllose Menschen gäbe , vielmehr lebe da mancher , der selbst in großer Bedrängnis sei . Dieser Jordan war ein langer und hagerer Mann , dem man in seinem kummervollen Gesicht deutlich seine früheren Leiden ansah , und sprach langsam und gemessen und mit einer kindlichen Wichtigkeit . Die Zuhörer schienen alle recht ernst geworden ; als aber ein neuer sich zwischen sie setzte , wurden plötzlich alle heiter und begrüßten den lachend , denn auch der hatte zwar erst vor kurzem das Gefängnis verlassen , wohin er wegen einer Majestätsbeleidigung gekommen , aber sie fingen an , ihn zu necken , und erzählten , er sei bis über beide Ohren verliebt in ein Mädchen , die ganz außerordentlich zielbewußt war , denn so nannten