! Du trugst sie an deinem Eli-lama-Tage ; das war anmaßend ! Und nun willst du sie sogar an deinem Auferstehungstage tragen ! Wie würde das wohl sein ? ! Diese vermeintliche Auferstehung würde sich in eine Leichenschändung verwandeln ! Ich sah hier in deinem Manuskripte angestrichene Stellen . Du sprichst da von dem Himmelreiche , sprichst von der Seligkeit ! Wußtest du denn , ob grad dein Himmelreich auch jedem andern wohlgefallen werde ? War es dir unbekannt , wer die sind , die von Christus in seiner Bergpredigt seliggepriesen werden ? Du aber wolltest Thoren selig machen , die grad das Gegenteil von dem thun , was der Meister fordert ! Wie erhaben groß war jener Geist , um den sich nach zweitausend Jahren noch alle hohen , edlen Geister sammeln , um an ihm emporzuschauen . Wo steckt der deinige ? Zu Christi Füßen wohl ? Ich suche ihn zwar da , finde ihn aber nicht . Steckt er vielleicht in des Erlösers Schatten ? Ich warne dich ! Er mag zum Lichte kommen ! Und nun höre das letzte : Wie hoch , wie hoch denkst du von diesem deinem Geiste ! Er , der vor bloßen Schemen voller Angst die Flucht ergriff , er soll jetzt auferstehen , seinen Zufluchtsort verlassen , sich hier aus seiner Gruft hervorwagen , und zwar zum Schrecken und Entsetzen derer , vor denen er so ganz besinnungslos entfloh ? Du sprichst von deiner Geisterhand . Du sollst von mir erfahren , was du von dieser Hand zu hoffen hast ! Da , schau ! « Ich schlug das letzte Blatt des Buches um und gab es ihm . Er sah die neuen Zeilen . » Ein Gedicht ! « sagte er . » Meine Antwort auf das deinige , « erklärte ich . » Wann schriebst du es ? « » Als du am Fenster standest . Laß es mich hören , laut ! « Er las : » Ich kam zu dir mit meinem Sonnenschein ; Du aber wolltest mich und ihn nicht haben , Du glaubtest ja , ein großer Geist zu sein , Und warfst um dich mit dieses Geistes Gaben . Du hieltest für die Ewigkeit geschrieben , Was Menschenhand für Menschenaugen schreibt , Und bist doch selbst ein Manuskript geblieben , Das ungedruckt im Kasten liegen bleibt ! Ich kam zu dir mit meinem Sonnenlicht ; Du aber glaubtest , eignes Licht zu strahlen . Es glimmte wohl , doch leuchtete es nicht , Und teuer war die Lampe zu bezahlen . Du wolltest alle Welt im Nu entflammen Für dich und deine Thorenseligkeit ; Da aber fiel der Docht in sich zusammen , Und nun umfängt dich selbst die Dunkelheit ! Nun komme ich mit all dem Sonnenglanz , In dem vor ihrem Herrn die Geister beten . Ich will zum allerletztenmal , doch ganz , In meiner Klarheit Fülle , zu dir treten , Begreifst du nun auch jetzt das große Wunder , Das doch so einfach ist , noch immer nicht , So gehst du wie der Docht im Lämpchen unter , Denn deinem Geist fehlt jede Spur von Licht ! « Er hatte die Vorlesung in jenem hohen Tone begonnen , den , wie er glaubte , das Metrum mit sich brachte . Dieser Ton war laut und vorwurfsvoll . Aber schon nach den ersten Zeilen begann er zu sinken . Die Sätze folgten sich langsamer , weil der Gedanke sich sträubte , so schnell mitzukommen . Es traten sogar kurze Pausen ein . Das Gesicht des Ustad wurde ernster und immer ernster . Als er zu Ende war , las er das Gedicht noch einmal leise durch . Nun war ich hochgespannt auf das , was er jetzt thun werde . Er sah mich gar nicht an . Er sagte nichts , kein Wort . Er drehte sich langsam um und ging wieder nach dem Fenster . Ich blieb stehen , still , erwartungsvoll . Still war es auch in meinem Innern . Kein Gedanke kam ; kein Gefühl bewegte sich . Mein Herz klopfte . Ich hörte es . Gab es jemand in mir , der stumm betete ? Da verließ der Ustad das Fenster . Ist es möglich , daß sich ein Gesicht in so kurzer Zeit so sehr verändern kann ? Das seinige war wie verklärt . Seine Augen strahlten . Er blieb vor mir stehen und riß das letzte Blatt langsam und sorgfältig , um es nicht zu verletzen , aus dem Manuskripte . Dann warf er das letztere weit hinter sich , so daß es an die Wand zu den alten Zeitungen zu liegen kam , und rief im frohesten Tone aus : » Hier hast du es , Effendi , alles , alles ! Den Leidensweg , die Biographie und vor allen Dingen auch die Rechtfertigung , die ich keinem einzigen Menschen hier auf Erden schuldig bin ! Verbrenne es , sobald du kannst , dort mit den Zeitungs-Makulaturen ! Ich habe dich endlich , endlich nun begriffen : Wenn mich die Menschheit aus den Thoren stößt , Um mich , den Menschen , an das Kreuz zu schlagen , So wurde ich von meiner Schuld erlöst ; Sie aber hat die ihre noch zu tragen ! « Nun richtete er seine Gestalt hoch auf . Auf seiner Stirn drohte plötzlich der heiligste , unerbittlichste Ernst . Aus seinen Augen flammten Zornesstrahlen und seine Stimme klang in ihrer tiefsten Tiefe , als er fortfuhr : » Hatte ich meinen Leidensweg zu gehen , oder hatte ich meine Feinde aufzufordern , sich um ihre eigenen Balken , nicht aber um meine Splitter zu bekümmern ? Von welchem Monarchen oder von welchem Herrgott waren sie beauftragt , über mich zu Gericht zu sitzen ? Standen sie etwa als erhabene Geister in unermeßlicher Ferne über mir ? Nein ! Denn dann hätten sie gar nicht auf mich geachtet ! Sie waren Dochte , grad wie ich