dauernd ? Oder war es immer nur wie staunendes Erkennen und rasches Auseinandermüssen ? Müde bin ich , müde wie von unzähligen Existenzen . Möchte tief schlafen . Aber traumlos , von nichts mehr wissen . Ach , dass zwischen dem Gehendürfen und Wiederkehrenmüssen doch eine lange Zeit tiefer Ruhe läge ! Wie langsam doch die Stunden schleichen in den langen , qualvollen Nächten . Das fortwährende Grübeln , ob es nicht zu verhindern gewesen wäre , wenn ich dort geblieben wäre . Jetzt weiss ich , warum wir fort sollten : ich sollte gerettet werden , denn ihm ahnte wohl schon damals vieles . Aber was sollen Welt und Leben ohne Dich ? Und wenn Du es tausendmal nicht willst - Du ziehst mich Dir doch nach . Unsichtbare , unzerreissbare Fäden ketten uns aneinander seit Uranfangszeiten . Und ich folge Dir , weiss schon oft kaum , ob ich noch hier bin . Das ist der einzige Trost . Seitdem ich von Dir getrennt bin , lebe ich ja nur scheinbar hier , eigentlich ganz wo anders . Bei Dir . In jener Stadt wo wir während Deines Lebens zusammen waren und in noch ferneren weiteren Landen . Überall , wo Du hier auf Erden geweilt , haben Dich meine Gedanken begleitet , auf allen Reisen waren sie mit Dir - ich habe durch die Sehnsucht so ganz bei Dir gelebt , dass ich Orte kenne , in denen ich nie gewesen . Endlose Ebenen habe ich mit Dir durchzogen , wilde Felsenpässe habe ich neben Dir überschritten , steile Berge sind wir zusammen emporgeklommen , im Dunkel sagenhafter Tempel habe ich mit Dir gestanden , mit Dir uraltem Weisheitsspruch gelauscht . - Das war mein eigentliches Leben , dort bei Dir war stets mein wahres Ich . Nun bist Du noch viel weiter fortgezogen zu allerfernsten Stätten . Aber auch dahin folg ich Dir . Ich muss Dir durch alle Zeiten schon so gefolgt sein , seit es Leben und Willen gab . Und geht Dein Weg durch die Weltenräume , zu anderen Erden , Monden und Sonnen , durch tiefe Nacht und weiss glühende Helle - ich folge Dir - ich kann nicht anders ! Mich dünkt , als läg ich hier seit vielen Wochen . Und es sollen doch nur wenige Tage sein . Raum und Zeit verschwimmen für mich . Die Minuten enthalten so endloses Leid , so verzehrende Sehnsucht , dass ich sie mühsam wie Ewigkeiten durchlebe . Vergangenes scheint so nahe , dass ich mit der Hand danach greife ... aber die Hand selbst verschwimmt ... das Fussende des Bettes schiebt sich in unendliche Weiten ... ich sehe den eigenen Leib nicht mehr ... er ist zur ganzen Welt geworden ... und schmerzt ... schmerzt vom ganzen Weltenweh . Ich kann die Feder kaum halten .... alles verwirrt sich ... und alles schmerzt .... immer ärger . Kälte ... Finsternis . Ich kämpfe gegen das Dunkel ... das Grauen . Ich will , will , will - bei klarem Bewusstsein sterben . Keine Angst - keine Verzerrungen .... der Abgrund ... das Entsetzen ! .... aber doch .... Freude ! .... Freude ! ... zu Dir . Warum haben sie mich noch einmal geweckt ? Warum die Qual noch verlängert ? Ist es denn noch nicht genug ? Ich schlief schon ... hielt Deine Hand ... es schien ... vollbracht ... und nun ? ... ich finde Dich nicht mehr ... wo ... wo war es doch ? ... warten ... immer wieder warten ... und dann ? ... nichts ? ... Nachwort Meine Schwester , die die vorstehenden Briefe geschrieben , unser Freund , der sie empfangen sollte , ruhen nun beide . Sie hier am Strande des Atlantischen Ozeans , er in der fernen chinesischen Erde . Als wir im Mai 1900 von Berlin zurückgekehrt waren , wo mein seit Jahren rettungslos geisteskranker Schwager gestorben war , hatte ich gehofft , dass das Leben meiner Schwester nun vielleicht doch noch nach dem schweren , drückenden Tag einen versöhnenden Abend bringen könne . Es schien mir , als lebe sie auf , sich selbst dessen kaum bewusst . Aber während der entsetzlichen Wochen , in denen die ganze Welt über das Schicksal der in Peking Eingeschlossenen in qualvoller Ungewissheit bangte , verzehrte sie sich in Angst um unsern Freund ; und als dann die Nachricht seines Todes eintraf , nachdem wir schon alles für gerettet und gewonnen gehalten hatten , erlosch ihr Leben nach wenigen Tagen . Ich bin dann später nach China gereist . In Peking wurden mir die Briefe meiner Schwester ausgehändigt . Unser Freund hat sie nicht mehr erhalten . Er hatte sich seine ganze Korrespondenz nach Schanghai adressieren lassen ; denn seiner ursprünglichen Absicht nach wollte er nach seiner weiten Forschungsreise dorthin kommen , um von diesem Hafen aus dann die Heimreise anzutreten . Unterwegs aber änderte er seine Route und beschloss , nach Peking zurückzukehren , wo er unmittelbar vor Beginn der Gesandtschafts-Belagerung eintraf . Er erwartete dort all seine Briefe zu finden , die er sich unterwegs telegraphisch von Schanghai nach Peking bestellt hatte ; aber der Bote , den er mit diesem Telegramm vom Innern Chinas aus nach der nächsten viele Tagereisen entfernten Telegraphenstation gesandt hatte , muss wohl in den schon damals herrschenden Unruhen sein Ziel nicht erreicht haben . Sicher ist , dass sein Telegramm nie in Schanghai angekommen ist und in Peking keine Briefschaften für ihn lagen . Er meldete sich gleich als Freiwilliger und ward in der Verteidigung des Suwangfu verwandt , wo die dreitausend geflüchteten chinesischen Christen ein Unterkommen gefunden hatten . Seine Kenntnis des Chinesischen und der Einfluss , den er immer auf die Eingeborenen zu gewinnen wusste , liessen ihn dort besonders nützlich erscheinen . Viel ist mir von seiner Ruhe und völligen Unerschrockenheit erzählt worden aus jenen Wochen , in denen die Menschen Gelegenheit fanden , ihren Wert zu zeigen . Er ist ein Opfer der