. « » Hältst du diese Vorsichtsmaßregel heut für notwendig , Halef ? « » Vorsicht ist stets notwendig ; das mußt du dir merken , Effendi . Selbst dann , wenn gar keine Veranlassung dazu vorzuliegen scheint , ist Vorsicht immer besser als Unvorsichtigkeit . Besonders auf einer Reise , wie die unserige ist , kann man nie wissen , was die nächste Minute bringen wird . « Wir hatten einen Augenblick angehalten ; unser Trupp war beisammen , und so konnten alle diese seine Worte hören . Es machte ihn nicht wenig stolz , jetzt einmal Prediger der Bedachtsamkeit sein zu können , und so fuhr er in belehrendem und sehr nachdrücklichem Tone fort : » Die Tapferkeit ist die erste und vorzüglichste Eigenschaft , welche ein Krieger besitzen muß ; gleich nach ihr aber ist die Vorsicht nötig . Ein nur tapferer Mann kann sehr leicht tollkühn werden , und ein nur vorsichtiger kommt leicht in die Gefahr , daß man ihn der Feigheit zeiht . Ist aber die Tapferkeit mit der Vorsicht gepaart , so können Unbesonnenheiten ebenso wenig wie Bezweifelungen des Mutes vorkommen . Die Tapferkeit ist nur im Kampfe , die Vorsicht aber zu jeder Zeit und an allen Orten nötig , zum Beispiel jetzt und hier . Wir wissen , daß die wenigen Mekkaner nach dem Bir Hilu geritten sind und daß der ihnen vierfach überlegene Basch Nazyr ihnen nachgeritten ist ; wir sind überzeugt , daß sie vollständig ohnmächtig gegen ihn sind und noch weniger uns zu schaden vermögen ; darum könnten wir den geraden Weg nach dem Brunnen getrost beibehalten . Ich schlage aber trotzdem vor , dies nicht zu thun , denn ich habe bereits gesagt , daß man auf einem solchen Ritte niemals weiß , was der nächste Augenblick bringen wird . Es können ja schon andere Leute am Brunnen gewesen sein , in welchem Falle sich das Zusammentreffen des Persers mit dem Liebling des Großscherifs gewiß ganz anders abgespielt hätte , als wir bisher angenommen haben . Wir müssen also vorsichtig sein und , ehe wir uns am Brunnen zeigen , zunächst zu erfahren suchen , wie es dort steht . Darum werden wir nicht direkt hinreiten , sondern uns ihm von einer andern Seite vorsichtig nähern . Sehen wir dann ein , daß dies nicht nötig gewesen wäre , so ist das um so besser ; wir haben für den Verlust einer Viertelstunde das Bewußtsein eingetauscht , vorsichtig und also klug und weise gewesen zu sein . Nach welcher Seite reiten wir ab , rechts oder links , Sihdi ? « » Der Führer kennt die Gegend ; also mag er entscheiden , « antwortete ich . Der Ben Harb hielt es für geraten , den Umweg nach Osten zu machen , weil es dort die größere Anzahl hoher Felsen gab und wir also mehr Deckung hatten , als auf dem westlichen Bogen . Es zeigte sich dann , daß diese Wahl die richtige gewesen war , und daß wir allerdings sehr wohlgethan hatten , vorsichtig zu sein . Wir ritten südöstlich , teils über offene Flächen , teils an wie senkrecht aus dem Boden emporgetriebenen Felsengruppen vorbei , bis der Führer annahm , daß der Brunnen nun fast westlich von uns liege . Eben wollten wir in diese Richtung einbiegen , nachdem wir eine wirre Steinaufhäufung passiert hatten , als der uns jetzt voranreitende Ben Harb sein Pferd wendete und uns aufforderte : » Zurück , schnell hinter die Felsen ! Es kommen Reiter ! « » Wie viele ? « fragte Halef , als wir diesem Rufe Folge geleistet hatten und nun von den Nahenden nicht gesehen werden konnten . » Es sind nur drei , « lautete die Antwort . » So brauchen wir uns doch nicht zu fürchten . Warum hältst du uns also zurück ? « » Weil du von der Vorsicht gesprochen hast . « » Drei Personen , und wir sind über fünfzig , da brauchen wir doch nicht vorsichtig zu sein ! « » Es handelt sich nicht um die Zahl der Personen , « warf ich ein . » Woher kommen sie ? « » Aus Westen , « belehrte mich der Führer . » Also vom Brunnen . Gehören sie zu den Leuten des Persers ? « » Nein , Soldaten sind sie nicht . « » So haben wir allerdings Grund , zurückhaltend zu sein . Wie nahe sind sie uns ? « » Nur zwei Minuten , dann sind sie da . « » Wir drei reiten ihnen entgegen , du , Hadschi Halef und ich . Die andern bleiben hier und folgen uns nur dann , wenn sie schießen hören . Ihre Fragen beantwortest du . Sag , was du willst , nur nicht , was wir sind , woher wir kommen und wohin wir wollen . Vorwärts ! « Wir bogen um die Steine und sahen die Reiter in einer Entfernung von vielleicht zweihundert Metern vor uns . Sie stutzten ; wir ahmten das nach ; dann ritten wir gegenseitig in sehr langsamem Schritte aufeinander zu . Da sagte der Führer im Tone der Ueberraschung : » Maschallah ! Den langen Bedawi92 in der Mitte kenne ich . Es ist Tawil , der Scheik der Beni Khalid . « » Kennt er dich ? « fragte ich . » Nein . Ich habe ihn nur einmal gesehen , er mich aber nicht . « » Wie ist sein Charakter ? « » Roh , grausam , rachsüchtig , aber ohne Falsch ; er ist stolz darauf , nie eine Lüge zu sagen . « » So werden wir bald mit ihm fertig sein ! « » Denke das nicht , sondern nimm dich in acht , Sihdi ! Er ist jedenfalls nicht allein in dieser Gegend . Furcht kennt er nicht . Er ist ehrlich wie der Löwe , welcher durch sein Brüllen anzeigt , daß er kommt ; aber gleich nach dem