mit solcher Ruhe vor , daß Albrecht ein wenig von der Fassung wieder gewann , die er fast ganz verloren hatte . Sie hatten Platz genommen : Klotilde auf dem verschlissenen Sofa , er ihr zur Seite auf einem der brüchigen Stühle , und das Mahl konnte seinen Anfang nehmen . Ein Mahl , das einen Gourmand hätte zur Verzweiflung treiben müssen . Die Gerichte , welche der Mann im fettglänzenden Frack , eine unsaubere Serviette unter dem Arm , mit bedächtiger Langsamkeit in endlosen Zwischenräumen auftrug , erwiesen sich als ungenießbar , die Weine waren von der schlechtesten Sorte . Aber die beiden am Tisch hatten wichtigeres zu thun , als auf Speise und Trank zu achten : der Kellner mochte nach den ersten Gängen die unberührten Schüsseln nur wieder hinaustragen , was seinen Gleichmut keineswegs zu erschüttern schien . Klotilde machte diese Bemerkung lachend ; es war das erste Mal an diesem Abend , daß sie eine Spur von Heiterkeit zeigte . Wie sollte sie auch wohl heiter sein , wenn sie an ihre Lage denke , die mit jedem Tage prekärer werde ! Seit der bekannten Scene der verunglückten Rekognoscierung habe Adele die kurioseste Miene angenommen : halb unheilschwanende Kassandra , halb barmherzige Samariterin ; zu Stephanie wage sie schon gar nicht mehr zu gehen , aus Furcht , es könne zu einer neuen Handschlagsforderung kommen ; Bekannte habe sie seit acht Tagen keine gesehen , da ihr Mann sich weigere , Gesellschaften mit ihr zu besuchen , und sie keine Lust habe , ihr Strohwitwentum durch die Welt spazieren zu führen . Auch müsse es binnen kurzem in dem Verhältnisse mit ihrem Manne zu einer Katastrophe kommen ; daß es so bleibe , wie jetzt , sei einfach eine Unmöglichkeit . Sie trage sich seit zwei Tagen mit dem Plane , unter irgend einem Vorwande ihre Eltern auf dem Gute zu besuchen , und wäre es auch nur , den Beobachtungen zu entgehen , denen sie in Berlin ausgesetzt sei , wo ihre Bekannten nach Hunderten zählten , die jetzt jedenfalls nichts eifriger hätten , als das Zerwürfnis mit ihrem Gatten zu kommentieren . Und wäre es nur das ! aber sie habe die feste Überzeugung , daß sie bewacht werde . Gestern bereits zum zweitenmale , als sie ihren Brief von der Post holte , habe sie dicht hinter sich jenes Individium bemerkt , das in der Nationalgalerie so eifrig die Zeichnungen studierte . Dann sei sie zu Gerson gefahren und wahrhaftig , als sie nach einer halben Stunde das Geschäft verlassen , da stehe der Mensch wieder an einem der Schaufenster , scheinbar in Betrachtung der dort ausgestellten Roben-Stoffe versunken . Das könne kein Zufall sein . Und zu allem Unglück müsse sie nun noch seinen letzten Brief - den , in welchem er ihr die Einzelheiten der heutigen Zusammenkunft mitgeteilt - verlieren . Gestern abend habe sie ihn noch gehabt , das wisse sie bestimmt . Eine Stunde später , als sie ihn vor dem Zubettgehen verbrennen wollte - wie sie es mit allen seinen Briefen gethan - sei er verschwunden gewesen und geblieben , trotzdem sie die halbe Nacht nach ihm gesucht . Es sei ihr völlig rätselhaft . Sie zittere vor der Möglichkeit , er könne doch wieder auftauchen und in die Hände ihrer Kammerjungfer fallen , der sie gar nicht mehr traue . Sie traue überhaupt keinem Menschen mehr . Das alles kam über ihre Lippen so gewandt und zierlich , - die graziöse Form hätte Albrecht entzücken können , wäre der Inhalt nicht so unerfreulich gewesen . Und dann , in seiner Erwartung , sie werde schließlich auf das eine , was sie als endgültige Befreiung aus diesem Elend ersehne , wenigstens hindeuten , fand er sich getäuscht . Sie nippte , als sie ihr Klagelied beendet , an dem miserablen Sekt , der längst das letzte seiner spärlichen Schaumbläschen hatte aufsteigen lassen , und erklärte , nach Hause zu müssen . Das konnte Albrecht nicht zugeben . Hatte sie ihm ihr Leid geklagt , er durfte erwarten , daß er das seine , wahrlich nicht minder große , ihr klagen durfte : die Ruhelosigkeit , die ihn peinigte im Bunde mit der fürchterlichen Sehnsucht ; die mehr als menschliche Aufgabe , das Herz übervoll von solchen Empfindungen , den Kopf zerwüstet von so verzweifelten Gedanken , ruhig erscheinen zu müssen , als sei nichts geschehen ; scheinbar harmlos dahinleben zu müssen an der Seite seiner verratenen , ungeliebten , aber in ihrer Bravheit verehrungswürdigen Frau , zwischen den ihn umspielenden ahnungslosen Kindern . Und an bösesten Zufällen fehle es auch ihm nicht : eben zu dieser Stunde sei etwas geschehen , habe er etwas geschehen lassen müssen , das ihn aller Wahrscheinlichkeit nach um Amt und Brot bringen werde . Er hatte innig bewegt , zuletzt leidenschaftlich , mit Thränen in den Augen , gesprochen ; aber den Eindruck , den seine Rede auf die geliebte Frau machen sollte , hatte er entschieden verfehlt . Ihr Ausdruck war immer düsterer geworden ; immer finsterer hatten sich die Brauen über den gesenkten Lidern einander genähert ; immer ungeduldiger hatte es um die zusammengepreßten Lippen gezuckt . Und nun , als er geendet , brach es mit einer Heftigkeit hervor , die ihn um so mehr erschreckte , als sie sich augenscheinlich Mühe gab , die vornehme Dame nicht zu vergessen . Ja , mein Bester , das alles hättest Du doch voraussehen können , als Du mir die Ehre erwiesest , mich zu lieben ; hättest an Deine brave Frau und die ahnungslosen Kinder denken sollen , bevor Du Dich in eine Leidenschaft stürztest , die Dir jetzt , wie es scheint , über dem Kopf zusammenschlägt . Jedenfalls , meine ich , bin ich die letzte , der Du mit Deinen Klagen kommen durftest . Ich leide ohnehin schon genug und meine , ich hätte es Dir deutlich genug zu verstehen gegeben . Ja , mein Lieber ,