- sie errötete brennend , » und es hier nicht gar so nüchtern aussähe « er fuhr sich über den kahlen Schädel , » dann würde ich jetzt wohl sagen : Johanne , nehmen Sie mich mit nach Sienenthal und - na , fort damit « . Er erhob sich und schritt wieder auf und nieder . » Wenn Sie die Einsamkeit so lieben , warum bleiben Sie hier wohnen ? « fragte sie . » Warum gehen Sie nicht hin , wo es still und ländlich ist ? « » Ja , die Frage , die spricht ein Kindermund leicht aus , aber sie beantworten kann kein Weiser . Warum sieht man oft ein , daß man wie ein Lump handelt , und ändert sich doch nicht . Warum erkennt man , daß dies oder jenes der Gesundheit Gift sei - man lebt höllisch gerne - und fährt doch ruhig fort , das Gift zu genießen . Warum ? Wer weiß es ? Wenn ich Ihnen gestehe , daß mir diese Caféhausabende mit ihrem ewig gleichen , nichtssagenden Geschwätz , ihrer ewig gleichen geistigen Langenweile unentbehrlich sind , daß mir diese staubigen , menschendurchwühlten Straßen mit ihrem ohrenzerreißenden Getöse täglich zu durchbummeln , unerläßliche Gewohnheit ist , würden Sie mich auslachen . Und doch ists so . Ich brauche diese dicke , von tausend Gerüchen , von Qualm und Staub und fremdem Odem geschwängerte Luft . Ich würde verzweifeln , wenn ich sie mißte . Für mich ists zu spät , auf einem andern Boden Wurzeln zu fassen . Ich geh schon als Halber hinüber . Ich seh wie ein Gelähmter die schöne grüne Welt um mich , aber ich kann nicht zu ihr « . Johanne senkte traurig den Kopf . Beide schwiegen eine Weile ; dann erhob sie sich . Sie faßte seine Rechte : » Dank Lohringer , ich will - einpacken « . » Also wirklich ! « Er sagte es halb schmerzhaft , halb freudig . » Nun Gott mit Ihnen , mein liebes , gutes Kind ! Und eins müssen Sie mir versprechen : Kommt es einmal in Ihrem Leben , daß Sie der Hilfe oder des Rates eines treuen Menschen bedürfen , dann - erinnern Sie sich meiner « . Er nahm eine Karte aus seinem Portefeuille , auf der sein Name und seine Adresse stand . » Hier . Adieu Johanne « . » Adieu « hauchte sie » und behalten Sie mich in gutem Andenken « . Er lächelte , wendete sich rasch um und ging zum Fenster . Sie eilte fort . 20 Die alte Blumenarbeiterin machte ein höchst verdutztes Gesicht bei Johannes Eröffnung . Aber Johanne sagte es ihr so lieb , daß sie selbst noch Hand mit beim Einpacken anlegte . Der alte , hölzerne Koffer war bald gefüllt . Dann schlief sie noch einmal in dem frostigen Stübchen , traumlos , totmüde , ohne jede Aufregung . Am nächsten Morgen fuhr sie nach dem Bahnhof , nahm sich ein Billet bis zur Station , von wo aus die Postkutsche sie weiterbringen mußte , gab ihren Koffer auf und sprang leichtfüßig ins Coupé . Ja , er hatte recht gehabt . Es war das Beste , zurückzukehren . Sie hatte kein Glück gefunden da drinnen in der großen Stadt . Sie war zu einfältig für alle diese gewichsten , aufgedrahteten Menschen in ihren geborgten Festkleidern . Sie hatte in ihrer Naivität gemeint , daß unter vornehmen Gewändern auch saubere Wäsche sein müsse , der Anblick des Schmutzes unter der glänzenden Außenseite machte sie krank . Das Zeichen zur Abfahrt ertönte ; der Zug begann aus der Halle zu rollen . Sie erhob sich und beugte sich zum Coupéfenster hinaus . » Adieu Ninive , wir haben einander nicht verstanden . Bald werde ich deinen Staub von meiner Seele geschüttelt haben « . Und ein frohes Gefühl starker , ungebrochner Kraft stieg in ihr auf . Lohringer war der Einzige , dessen Bild sie mit hinübernahm in ihre stille Heimat . Sie zog sein Kärtchen heraus und streichelte es . Wer weiß , vielleicht kam er doch noch , gings durch sie . Vor der Hand würde sie ja doch keine Zeit und Muße haben . Sie wollte , wie er ihr geraten hatte , ihr Häuschen übernehmen und sich eine handfeste Magd dingen . Sie wollte den Garten brav betreuen , ihren Menschen dort eine liebevolle Gefährtin sein . Mein Gott , am Ende wars gar nicht so traurig , was sie erwartete . Und verloren , verloren hatte sie ja in der That nichts . Viel , viel älter war sie geworden ; aber das schadete nichts . Ihre Erfahrungen wollte sie tief in sich einsargen . Je näher sie der Heimat kam , umso freudiger pochte ihr Herz . Schon die Luft , diese erdreichduftige , breite , weiche Luft da draußen auf den Feldern durch die der Zug eilte ! Einmal kam noch eine häßliche Rückerinnerung über sie . Sie fuhr sich mehreremale mit dem Taschentuch über die Lippen , und drückte sich mit geschlossenen Augen in die Ecke . Sie war allein im Coupé . Zuletzt nickte sie ein . Als der Schaffner die Station ausrief , an der alle aussteigen mußten , sprang sie elastisch aus dem Wagen . Da stand auch schon der alte runzelige Postillon aus Sienenthal neben der alten Kutsche . Johanne schüttelte ihm die Hand . » Besorg mir den Koffer , Anton « . Er besorgte ihn . » Das is ja noch der alte « grinste er , » den kenn ich aber schon lange « . Sie lachte und schwang sich in den Wagen . Aber lange konnte sie es nicht so ruhig aushalten . Sie erhob sich während des Fahrens , und sich an den Schultern des alten Kutschers festhaltend , begann sie ihn auszufragen . Was alle machten , wie es allen ginge . » Der Pastor ist halt hinüber « sagte er