» Und ich , « unterbrach mein Vater , welcher in politischer Hinsicht zwar sehr klerikal gesinnt war , in praktischer Hinsicht jedoch durchaus nicht mit seiner Schwester sympathisierte , » ich habe aus Wien den Doktor Braun verschrieben , und der hat Dich gerettet . « Am nächsten Tage , auf mein dringendes Bitten , wurde mir gestattet , sämtliche von Friedrich eingelaufenen Sendungen durchzulesen . Zumeist waren es nur zeilenlange Anfragen oder ebenso lakonische Berichte : » Gestern Gefecht - bin unversehrt . « - » Marschieren heute weiter - Depeschen zu adressieren nach * * * . « Ein längerer Brief trug auf dem Umschlag den Vermerk : » Nur zu übergeben , wenn jede Gefahr vorüber ist . « Diesen las ich zuerst : » Mein Alles ! Ob Du dieses jemals lesen wirst ? Die letzte Nachricht , die ich von Deinem Arzt erhalten , meldete : Patientin in heftigem Fieber : Zustand bedenklich , Bedenklich - den Ausdruck hat der Mann vielleicht aus Schonung gebraucht , um nicht zu sagen hoffnungslos ... Wenn Dir dieses eingehändigt wird , so weißt Du ja , daß Du der Gefahr entronnen bist ; aber Du mögest denn nachträglich erfahren , wie mir zu Mute war , während ich - am Vorabend einer Schlacht - mir vorstellte , daß mein angebetetes Weib im Sterben liegt . Daß sie nach mir ruft - die Arme nach mir ausstreckt ... Wir hatten uns ja nicht einmal ordentlich Lebewohl gesagt ... Und unser Kind , auf das ich mich so gefreut - tot ! Und ich selber morgen - ob mich eine Kugel trifft ? Wenn ich vorher wüßte , daß Du nicht mehr bist , so wäre mir die tödliche Kugel das liebste - aber wenn Du gerettet werden sollst - nein ; dann will ich vom Sterben noch nichts wissen . » Todesfreudigkeit « , dieses widernatürliche , von den Feldpredigern uns stets angepriesene Ding , das kann ein glücklicher Mensch nicht empfinden - und wenn Du lebst und ich heimkomme , so habe ich noch unberechenbare Schätze von Glück zu beheben . O , welche Lebensfreudigkeit , mit der wir beide noch die Zukunft genießen wollten , wenn uns eine solche beschieden ist ! Heute trafen wir zum erstenmal mit dem Feind zusammen . Bisher ging unser Weg durch eroberte Länderstriche , aus welchen die Dänen sich zurückgezogen . Rauchende Dorftrümmer , zertretene Saaten , herumliegende Waffen und Tornister , durch Granaten aufgewirbelte Erde , Blutlachen , Pferdeleichen , Massengräber : - das sind die Landschaften und deren Staffage , durch welche wir hinter dem Sieger hergewandelt sind , um womöglich neue Siege daran zu reihen , das heißt neue Dörfer anzuzünden und so weiter ... Das haben wir nun heute auch gethan . Die Position ist unser . Hinter uns steht ein Dorf in Flammen . Die Einwohner hatten es zum Glück vorher verlassen . Aber in einem Stall war ein Pferd vergessen worden - ich hörte das verzweifelte Tier stampfen und schreien ... Weißt Du , was ich that ? das hat mir wahrlich keinen Orden eingetragen - denn statt ein paar Dänen niederzumachen , sprengte ich auf jenen Stall zu , um das arme Roß zu befreien . Unmöglich : schon brannte die Krippe , schon das Stroh unter seinen Hufen , schon seine Mähne ... Da schoß ich ihm zwei Revolverkugeln durch den Kopf - es fiel getroffen nieder und war von dem qualvollen Flammentod gerettet . Dann zurück in den Kampf , in den Mordgestank des Pulvers , in den wüsten Lärm knatternder Schüsse , stürzenden Gebälks , wütenden Kriegsgeschreies . Die Meisten um mich her , Freund und Feind , waren wohl vom Kriegstaumel erfaßt - ich aber blieb in unseliger Nüchternheit . Zu Dänenhaß konnte ich mich nicht aufschwingen - was thaten die Braven , indem sie über uns herfielen ? weiter nichts als ihre Pflicht . - Meine Gedanken waren bei Dir , Martha ... Ich sah Dich auf dem Paradebette liegen , und was ich mir wünschte , war , daß mich eine Kugel treffe . Dazwischen blitzte doch wieder ein Sehnsuchts- und ein Hoffnungsstrahl : Wie , wenn sie lebt ? Wie , wenn ich heimkehrte ? ... Das Gemetzel dauerte über zwei Stunden und wir behaupteten , wie gesagt , das Feld . Der geschlagene Feind entfloh . Wir verfolgten ihn nicht . Auf dem Platze blieb uns Arbeit genug zu verrichten . Von dem Dorfe einige hundert Schritte entfernt und vom Brande unversehrt geblieben , steht ein großer Meierhof , mit zahlreichen leeren Wohnräumen und Ställen ; hier werden wir die Nacht über ausruhen und hierher haben wir unsere Verwundeten gebracht . Das Begraben der Toten bleibt auf morgen früh . Dabei werden natürlich wieder einige Lebendige verscharrt , denn der Starrkrampf nach Verwundungen ist eine häufige Erscheinung . Manche , die drüben geblieben , ob tot , oder verletzt , oder auch unverletzt , werden wir ganz zurücklassen müssen ; diejenigen nämlich , welche unter den Trümmern der eingestürzten Häuser liegen . Die können dann hier , wenn sie tot sind , langsam vermodern ; wenn verwundet - langsam verbluten , und wenn unversehrt - langsam verhungern . Und wir - hurrah ! - können weiterziehen , in unseren frischen , fröhlichen Krieg ... Der nächste Zusammenstoß wird wohl eine Feldschlacht abgeben . Allem Anschein nach werden sich zwei große Armeekorps gegenüberstehen . Dann kann die Zahl der Toten und Verwundeten leicht in die Zehntausend gehen ; denn wenn die Kanonen ihres vernichtungspeienden Amtes walten , so werden beiderseitig die vorderen Reihen schnell weggefegt . Das ist ja eine wunderschöne Einrichtung . Aber noch besser wird es sein , wenn einst die Schießtechnik so weit vorgeschritten ist , daß jede Armee ein Geschoß abfeuern kann , welches die ganze feindliche Armee mit einem Schlag zertrümmert . Vielleicht würde so das Kriegführen überhaupt unterbleiben . Der Gewalt könnte dann - wenn zwischen zwei Streitenden die Allgewalt