selbstbewußt auf - was dann natürlich die Sippschaft der guten Freunde , getreuen Nachbarn und ähnlicher Consorten , die sich auch Menschen tituliren , brutal , anmaßend und weiß der Teufel ! wie noch nennen . So ein armes , wirklich ganz messianisch veranlagtes ; mit dem wüthendsten Drange zu helfen , zu erhöhen , zu versöhnen , ausgerüstetes - von allen Welträthseln gequältes ... von tausend Ahnungen , Stimmungen , Erwartungen , Hoffnungen , Entsagungen ... von tausend Tendenzen ... von einer Unzahl von Gefühlen , Gedanken und Problemen hin- und hergeschütteltes Individuum wird dann gewöhnlich nebenbei auch noch für verrückt , unzurechnungsfähig , unnormal , überspannt , pathologisch u.s.w. erklärt . Doch schiert es das im Ganzen wenig - es hat eben genug mit sich selber und seinem Skeptizismus zu thun . Manchmal wohl ... manchmal fährt es auf in seinem Grimme und zertritt einer zu unverschämt gewordenen Natter den Kopf . Natürlich wird es dabei stets höchsteigenkörperlich in die bewußte Ferse gestochen . Das Gift ist nicht gerade tödtlich ... aber es macht doch müde , blasirt , welk ... blasirt vor der Zeit ... es entkräftet , zehrt auf vor der Zeit ... Indessen - das arme , gemißhandelte , unverstandene Individuum wird dadurch zugleich auch so etwas wie weltklug ... Es fällt in allerlei Schrullen und Grillen seiner Jugend zurück , kramt seinen alten , verstaubten Idealismus wieder aus ... stutzt ihn ein Wenig modern auf : vertieft , erweitert ihn hier ... verflacht ihn dort ... schlägt für vorkommende Fälle eine Brücke nach Walhall - und paßt sich doch im Großen und Ganzen in einer stattlichen Reihe von Punkten der positiven Welt an ... versucht mannigfache realpolitische Experimente , Kunststücke und Sperrenzchen - : jetzt ist es glücklich in sein phaenomenalistisch-kritisches Zeitalter eingelaufen - daß heißt : die Welt ist ihm furchtbar gleichgültig , aber es rechnet doch mit ihr ... es analysirt sie ... es findet sie sehr oft sehr abscheulich ... mitunter aber auch wiederum zu den schönsten Hoffnungen berechtigend - es glaubt dabei immer noch , daß sich einige seiner neuaufgefärbten Ideale einmal erfüllen werden ... es lebt sehr ästhetisch-epicureisch - zugleich in gewisser Hinsicht sehr moralisch ... interessirt sich stark für alle möglichen nationalen und ... internationalen Fragen , die jedenfalls immer sehr brennende sein müssen - - kurz : das Individuum lebt ... erlebt ... trägt ... erträgt ... leidet - arbeitet ... « Adam unterbrach sich . Er wischte sich mit dem Taschentuche über die schweißfeucht überlaufene Stirn und nippte an dem Bierglase , das Hedwig vorhin wieder frisch gefüllt hatte . Im Allgemeinen war er mit sich ganz zufrieden . Er fühlte zwar sehr gut heraus , daß er hier und da den Nagel durchaus nicht auf den sogenannten Kopf getroffen hatte ... daß mancher Wurf fehl gegangen ... daß mancher Hieb abgerutscht war ... Vieles hatte er , ein Opfer seiner augenblicklichen , durchaus nicht so unbequemen , immerhin ganz » gemüthlichen « Situation , nur logisch aus der Erinnerung nachkonstruirt - Schwere , Tiefe und Ernst seines Motivs keineswegs erschöpft . Halb bewußt , halb unbewußt hatte er hier ein Zuviel , dort ein Zuwenig gegeben ... manchen Accent falsch aufgesetzt ... Lichter und Farben öfter etwas willkürlich vertheilt ... Aber das ist ja schließlich unvermeidlich , tröstete sich Adam . Im Monolog wie im Dialog ist die Anknüpfung und Fortführung der Gedankenreihe eine mehr oder weniger zufällige ... von der Associationsgewohnheit des Individuums abhängige ... Nicht die innere Geschlossenheit und logische Unantastbarkeit des Gefüges - vielmehr nur die auftretende Masse und Fülle wirkt ... das Pathos bedingt den Eindruck . Und wußte Adam auch , daß er im Ganzen ohne Glanz und Schwung gesprochen - so ohne all ' und jeden Eindruck auf die beiden Menschen , die , eine besondere , fremde , ihm mehr unsympathische , als sympathische Welt darstellend , ihm da gegenübersaßen , - ohne all ' und jeden Eindruck auf sie glaubte er wohl doch nicht geblieben zu sein . Aber welchen Eindruck hatte er denn eigentlich erzielen ... was hatte er bekämpfen ... wofür hatte er eintreten wollen ? Adam mußte lächeln . Er kam sich einen Augenblick fast wie ein Beamter einer hochwohllöblichen Missionsgesellschaft vor . Doch ... zu Ruinen von der Zukunft predigen ? Aber das war ja eben das Komische . Und nun stieg es also wieder wie Mittleid in ihm auf ... wie Mitleid vor Allem mit Hedwig , die verwelkte und verkümmerte ... und es so gar nicht verdiente . Und eine Art von sentimental-cynischem Erlöserdrang kam über ihn ... und er beschloß , um dieses Leben , dieses arme , verblühende Leben , für eine kleine Weile einen breiten , goldenen Sonnengürtel zu legen ... einen Sonnengürtel erheuchelter Liebe ... Dann konnte die Kerze ja langsam ausflackern , langsam verknisternd erlöschen .... » - Der Unterschied zwischen Ihnen und mir , « begann jetzt Irmer , nachdem er sich ein Wenig emporgerichtet und einmal tief aufgeathmet hatte , » ist nur der , daß mein Resignationsstandpunkt mehr ein intellektualer ist , der Ihrige dagegen nur einer des Herzens , des Gefühls , des Willens - « » - Das ist doch aber natürlich genug « , bemerkte Adam entgegen - » Sie scheinen ganz zu vergessen ... Herr Doctor , daß die Entwicklung des Individuums doch eine ausgemacht psychophysiologische ist ! Das Alter ist eben etwas total Anderes , als die Jugend - sein specifisches Organ ist der Intellekt - Alter und Jugend , deren specifisches Organ meinetwegen das Herz ist , um mich der herkömmlichen Terminologie zu bedienen , verstehen sich im Grunde überhaupt nicht ... kommen sich nur durch gewisse logische Schlüsse in Diesem und Jenem näher - ebensowenig wie zum Beispiel der Kulturmensch unserer Tage seinen Urururahn , ich meine die Sippschaft der sogenannten ersten Menschen , versteht ... der ersten Menschen , bei denen das Gefühl jedenfalls auch das Primäre gewesen ist - das Gefühl , welches ,