den Frauen mußt du aber auch ein Glas geben , hörst du ? « » O , käme doch der Pfarrer bald ! « seufzte Paul und mühte sich ab , die Gläser nur halb voll zu schenken . Und endlich war der Pfarrer da . Die Gesellschaft drängte sich ihm nach in das Zimmer , in dem die Tote aufgebahrt lag . - Der ganze Raum war gebadet in Sonnenglanz , und durchbrochene Lichter , die ihren Weg durch das leise sich neigende Lindengeästel genommen hatten , spielten lustig auf dem marmorbleichen Angesicht . Paul half den Stuhl des Vaters an das Kopfende des Sarges tragen , dann zog er sich in einen stillen Winkel zurück , wo er die Trauergesellschaft im Rücken hatte und sich ein wenig ausruhen konnte , denn er war müde vom vielen Herumlaufen . Aber man ließ ihn nicht zu sich selber kommen . » Wo ist der jüngste Sohn ? « fragte der Pfarrer , der die ganze Familie um sich versammelt haben wollte . » Paul , mein Kind , wo bist du ? « rief der Vater . Da mußte er hervortreten und erhielt seinen Platz dicht hinter dem Sargende , neben dem Stuhle des Vaters . Durch die Trauergesellschaft ging ein Murmeln , und einige sahen sich bedenklich an , als wollten sie sagen : » Also , das ist auch ein Sohn ? - Dann haben wir ja einen Verstoß gemacht . « Auch dem Pfarrer war das Spiel der Sonnenlichter aufgefallen , und er nahm es zum Thema seiner Rede . Wohl glänze unsere Erdensonne hell und freudenhaft , aber das sei noch gar nichts - das sei die pure Finsternis , verglichen mit dem himmlischen Sonnenschein . Alsdann pries er die Tote und pries auch die Hinterbliebenen , vornehmlich den treuen Gatten und die beiden ältesten Söhne als die stolzen Grundpfeiler des Hauses ; nicht minder fiel für Paul ein Brocken ab als den Kämmerer , den sein Herr getreu gefunden bis zum Tode . Schade nur , daß er von dem honigsüßen Lobe nichts vernahm ! Ganz gedankenlos starrte er vor sich hin . Sein Blick heftete sich auf die seidene Schleife , die von der Haube der Mutter emporragte und die sich leise bewegte , wenn der Windzug , der durch die fuchtelnden Arme des Pfarrers entstand , darüber hinstrich . - So glich sie einem weißen Schmetterlinge , der die Fittiche regt , um sich in die Lüfte zu erheben . Dann wurde ein Choral gesungen und der Deckel auf den Sarg gehoben . - In diesem Augenblick ertönte aus den hinteren Reihen ein markerschütternder Schrei : » Mutter , Mutter ! « Erschrocken und verwundert wandten sich alle um . Elsbeth Douglas war es , die ihn ausgestoßen . Nun lag sie ohnmächtig in den Armen ihrer Nachbarin . Paul verstand sie wohl . Sie hatte des Augenblicks gedacht , da man der eigenen Mutter den schwarzen Deckel über das tote Antlitz legen würde . Und er schwor sich zu , ihr alsdann treu und tröstend zur Seite zu stehen . Auch der Vater schaute auf , und in seinen Zügen malte sich deutlich die Frage : » Ist die auch hier ? « Elsbeth wurde in ein Nebenzimmer gebracht , und zwei der Frauen blieben bei ihr , bis sie sich erholt haben würde . Der Sarg aber schwankte , hoch emporgehoben , durch die Tür hinaus , bis er auf dem Leichenwagen Ruhe fand . Paul griff nach seiner Mütze . Da drängte sich Gottfried an seine Seite und steckte ihm etwas Schwarzes , Weiches in die Hand . » Binde dir wenigstens diesen Flor um den Arm , « flüsterte er ihm zu . » Weshalb ? « » Man könnte glauben , daß du keine Trauer tragen wolltest . « Paul erschrak bei diesem Gedanken und tat , wie ihm geheißen . Hinterher grämte er sich , daß er sich von seinem Bruder hatte beschämen lassen müssen , und erst viel später wurde ihm klar , wer von ihnen beiden die größere Trauer getragen . Der Friedhof lag einsam mitten auf der Heide . Drei einzeln stehende Fichtenbäume verkündeten ihn weit hinaus , und am Rande des Walles , der ihn umgab , blühten dichte Dornenhecken . Dorthin ging der traurige Zug . Die Söhne folgten gleich hinter dem Sarg , der Vater mit den Zwillingen weiter hinten in einem Wägelchen . Paul starrte vor sich nieder ; dachte an den Sand , in dem er watete ... an den Wein ... an Elsbeth ... an Vaters Tragestuhl ... und an den Erikakranz , der sich halb vom Sarge gelöst hatte und hinterdreinhing . Er nahm sich vor , wohl aufzupassen , daß er nicht mit in die Gruft hinabgesenkt würde . Am Grabe fühlte er nichts wie ein heftiges Brennen in den Schläfen , und während der Pfarrer den Segen sprach , fiel ihm plötzlich ein , daß er statt des Weines ganz ruhig hätte Bier verschenken können . Alsdann mußte er auf die Zwillinge achtgeben , die in ihrem Schmerze Dummheiten machten und dem Sarge nachspringen wollten . Er nahm sie in seine Arme , küßte sie und hieß sie den Kopf an seine Schultern legen . Sie taten es , schlossen die Augen und atmeten wie im Schlafe . Als die ersten Erdschollen auf den Sarg niederkollerten , hatte er ein widriges Gefühl , als rolle man in seinem Kopfe Kegelkugeln in die Runde , und als der Hügel in fahler Nacktheit sich zu erheben begann , dachte er : » Hier muß morgen schon grüner Rasen drum herum ... « Die Menge verlief sich , der Vater wurde zu seinem Wagen zurückgetragen , und die drei Söhne machten sich zu Fuß auf den Heimweg . Max und Gottfried sprachen in leisem , feierlichem Tone von ihren frühesten Erinnerungen an die Verblichene , Paul aber schwieg stille und dachte : » Gott sei Dank , daß