? Soll ich den Entrüsteten spielen oder ihr sagen : Bitte , meine Gnädigste , schicken Sie den Hofprediger fort , ich bin gekommen , um Ihre Beichte zu hören . Und dann zum Schluß : Ei , ei , meine Tochter . Oder soll ich ihr von Bußübungen sprechen ? Oder von den Zehn Geboten ? Oder vom höheren sittlichen Standpunkt ? Oder gar von der verletzten Weiblichkeit ? Ich habe nicht Lust , mich unsterblich zu blamieren und Zeuge zu sein , daß sie lächelt und klingelt und ihrer Zofe zuruft : Bitte , leuchten Sie dem Herrn . « Er trat , als er so sprach , vom Fenster an die Spiegelkonsole , wo , neben Uhr und Notizbuch , auch sein Zigarrenetui lag . » Ich werde mir eine Gleichmuts-Havanna anzünden und die eine Wolke mit der andern vertreiben . Similia similibus . Kolonel Taylor pflegte zu sagen , alle Weisheit stecke im Tabak . Und ich glaube fast , er hatte recht . Ich werde meine Besuche bei den St. Arnauds ruhig fortsetzen und mir gar keinen Plan machen , sondern alles dem Augenblicke überlassen . Ich glaube wirklich , das ist das beste : sie freundlich ansehen und mit ihr plaudern wie zuvor , als wüßt ich nichts und als wäre nichts vorgefallen ... Und am Ende , was ist denn auch vorgefallen ? Was kümmert mich Serenissimus und sein Tee-Fräulein ? Oder Serenissimus II. ? Oder gar der Kammerherr und Hofmarschall ? Ach , wenn ich jetzt an Jagdschloß Todtenrode zurückdenke ... Deshalb schrak sie zusammen und wandte sich ab , als wir in die gespenstischen Fenster guckten . Und schon vorher , in Quedlinburg , als ich über die Schönheitsgalerien und die Gräfin Aurora so tapfer perorierte , schon damals war es dasselbe . Nun klärt sich alles ... Arme , schöne Frau ! « Dreiundzwanzigstes Kapitel Er wollte nichts tun , in seinem Benehmen nichts ändern , und doch ließ er drei Tage vergehen , ohne bei den St. Arnauds vorzusprechen . Endlich , den vierten Tag , nahm er sich ein Herz . Es war inzwischen herbstlich und windig geworden , und die Blätter tanzten vor ihm her , als er über den Hafenplatz ging . Er warf einen Blick hinauf und sah , daß überall , ganz wie damals bei seinem ersten vergeblichen Besuche , die Holzjalousien herabgelassen waren . Nur in St. Arnauds Zimmer standen die Fensterflügel weit auf , und die Gardinen wehten im Winde . » Wieder im Tattersall oder im Club . Nie zu Haus . Es scheint wirklich , daß er sie manchen Tag keine Stunde sieht , und Rosa mag recht mit ihrer Mutmaßung haben , daß seine Liebe , wenn überhaupt vorhanden , von ganz eigner Art sei . Jedenfalls wird sie dieser Art nicht froh , soviel steht fest , soviel seh ich . Und beinahe , wenn ich zurückdenke , hab ich ihr eigen Geständnis davon . Und kann es anders sein ? Die Liebe lebt nicht von totgeschossenen Dzialinskis , vielleicht gerade davon am wenigsten , sie lebt von liebenswürdigen Kleinigkeiten , und wer sich eines Frauenherzens dauernd versichern will , der muß immer neu darum werben , der muß die Reihe der Aufmerksamkeiten allstündlich wie einen Rosenkranz abbeten . Und ist er fertig damit , so muß er von neuem anfangen . Immer dasein , immer sich betätigen , darauf kommt es an . Alles andere bedeutet nichts . Ein Armband zum Geburtstag , und wenn es ein Kohinur wäre , oder ein Nerz- oder Zobelpelz zu Weihnachten , das ist zuwenig für dreihundertfünfundsechzig Tage . Wozu läßt der Himmel soviel Blumen blühen ? Wozu gibt es Radbouquets von Veilchen und Rosen ? Wozu lebt Felix und Sarotti ? So denkt jede junge Frau , wobei mir zu meinem Schrecken einfällt , daß ich auch ohne Bouquet und ohne Bonbonnière bin . Also nicht besser als St. Arnaud . Und er ist doch bloß ein Ehemann . « Unter solchem Selbstgespräche war er bis an das Haus gekommen , dessen Tür sich im selben Augenblick öffnete , wie wenn sein Erscheinen von der Portierloge her bereits bemerkt worden wäre . Wirklich , ein kleines Mädchen sah neugierig durch das Guckfenster und schien auf seinen Gruß zu warten . Er nickte denn auch und stieg die Treppe hinauf . Gleich auf dem ersten Absatz traf er den von Cécile kommenden Geheimrat . » Ah , Herr von Gordon « , grüßte dieser . » Les beaux esprits se rencontrent . Die Gnädigste fühlt sich unwohl ; leider , oder auch nicht leider ; je nachdem , wie man ' s nehmen will . Sie wissen , es ist ihr ewig Weh und Ach ... « Und er lachte , während er unter nochmaliger legerer Hutlüftung an Gordon vorüberging . Dieser war von der Begegnung aufs unangenehmste berührt , und um so unangenehmer , als ihm an dem Diner-Tage nicht entgangen war , daß Cécile viel Entgegenkommen für ihren geheimrätlichen Tischnachbar gehabt hatte . Sein frivoler Witz machte sie lachen , und was seine kaum die nötigsten Schranken innehaltende Dreistigkeit anging , von der Rosa gesprochen hatte , so hatte Gordon gerade lange genug gelebt , um zu wissen , daß die Dreisten die Vorhand haben . Und nun war er die Treppe hinauf und zog die Klingel . » Die gnädige Frau wird sehr erfreut sein « , empfing ihn die Jungfer und meldete : » Herr von Gordon . « » Ah , sehr willkommen . « Cécile war wirklich leidend , hatte den Lieblingsplatz auf dem Balkon aber nicht aufgegeben . Die kleine Bank mit den zwei Kissen war fortgeräumt , und statt ihrer stand eine Chaiselongue da , darauf die Kranke ruhte , den Oberkörper mit einem Shawl , die Füße mit einer Reisedecke zugedeckt , in die das Wappen der St. Arnauds oder vielleicht auch das der Woronesch von Zacha eingestickt war . Auf einem