Gräfin Herz so ganz getroffen worden , daß sie bewegt geantwortet hatte : Franziska habe recht getan , das Bild an alter Stelle zu lassen ; man solle , nach dem Sprüchwort , alte Bäume nicht verpflanzen , aber alte Heiligenbilder auch nicht , und so hoffe sie sich keiner Sünde schuldig zu machen , wenn sie rundheraus ausspreche , die Heiligen segneten überall , aber da , wo sie gerade stünden und schon von alter Zeit her gestanden , da hätten sie doppelte Macht und noch ganz besondere Wurzeln ihrer Kraft . Und dieser Kraft bedürfe der eine mehr als der andere . Franziska sei jung , und ein junges Herz , eben weil es jung sei , brauche zwiefach Trost und Beistand . Ein altes finde sich schon eher zurecht . Und darnach hatte man das Gespräch fallenlassen , das nichtsdestoweniger oder vielleicht gerade , weil man es still nachwirken ließ , das gute Verhältnis zwischen beiden noch um ein erhebliches befestigt und auch wohl Hoffnungen in dem Herzen der alten Gräfin angeregt hatte . Denn sie war nach wie vor nicht frei von dem Hange nach Bekehrung und hielt es mit dem Fischzuge Petri . Schon in Wien hatte sie mit Feßler die Möglichkeit eines Übertritts erwogen und an dem Tage , der dem vorerwähnten Gespräche mit Franziska folgte , diesen Punkt auch brieflich wieder aufgenommen . Aber erst einem zweiten kleinen Ereignisse war es vorbehalten , sie hinsichtlich ihrer Konversionspläne mit voller , wenn auch freilich abermals mißverstandener Hoffnung zu erfüllen . Das Ereignis selbst aber war das folgende . Schon bald nach Egons und der alten Gräfin Ankunft auf Schloß Arpa war von einem Besuch unten in der Gruftkapelle gesprochen worden , immer jedoch hatte sich ' s wieder zerschlagen , bis endlich seitens des alten Grafen , sowenig ihm persönlich an diesem Kapellenbesuche lag , ein Trumpf darauf gesetzt worden war . » Fahren oder Gehen « stand allein noch zur Frage . Schwester Judith , die sich vor dem Bergab und mehr noch vor der raschen Zickzackbewegung fürchtete , entschied sich für Gehen mit dreimaliger Rast , und zwar erst bei Toldy , dann bei den Hängeweiden und zuletzt bei Schmied Ambronn unten , in dessen Verwahrsam sich auch der Gitterschlüssel befand . Unten angekommen , setzte man sich auf eine zwischen zwei Pappeln stehende Bank , gerade der Schmiede gegenüber , und sah dem Schmied , der eben ein Pferd beschlug , bei seiner Hantierung zu . Tante Judith war entzückt . » Sieh , Franziska , das hab ich nun seit fünfzig Jahren nicht mehr gesehen , seit meinen Mädchentagen nicht . Wo hat man nur immer seine Augen ? Nie da , wo man sie haben sollte . Man achtet soviel auf Schlechtes und Häßliches im Leben und auf das Gute nicht . Sieh doch nur das Eisen , womit er den Huf abstößt , und das Sprühfeuer auf dem Herd . « Der Schmied , als er die Herrschaften erscheinen sah , hatte sich bei seiner Arbeit unterbrechen wollen , war aber dem Widerspruche des Grafen begegnet . » Habe lange genug in Deutschland gelebt , mein lieber Ambronn , um euer Sprüchwort zu kennen : Wer zuerst kommt , mahlt zuerst . Also nur erst fertig hier . Wir haben Zeit und die Toten auch . Übrigens seht nur , wie Gräfin Judith Euch zusieht ; sie verschlingt Euch fast , so gut gefallt Ihr ihr . Und ist nicht der schlimmste Geschmack , den sie hat . Nicht wahr , Judith ? Aber dafür müßt Ihr sorgen , Ambronn , daß der Jung am Blasbalg seine Schuldigkeit tut und daß die Funken immer höher fliegen . Haben wir die , so haben wir alles , und es kann dann so lange dauern , wie ' s will . Ist dann , als ob wir Feuerwerk hätten . « Der Schmied , der vornehme Leute sehr gut kannte , beeilte sich nichtsdestoweniger , und ehe zehn Minuten um waren , erschien er mit dem Schlüssel und bog , vorangehend , auf den kleinen Platz ein , auf dem die Kapelle gelegen war . Es war ein Grasplatz mit zwei runden Asterbeeten und einem Kiesweg dazwischen ; mitten auf dem Kiesweg aber stand eine Sonnenuhr . Egon wies darauf hin , als er mit Franziska vorüberging . » Für wen ? « Und nun stieg der Schmied die Steinstufen hinauf und öffnete die große Gittertür , dieselbe , durch die Franziska gleich am ersten Ausfahrtstage mit dem Grafen einen Blick geworfen und das Flimmern der Ewigen Lampe gesehen hatte . Drinnen sah es etwas vernachlässigt aus , der Graf war eben kein Kapellenbesucher . Und nun gar eine Gruftkapelle ! Staub und Spinnwebe lagerten über allem , und der unausgesetzt aufsteigende Qualm der Ewigen Lampe hatte das steife byzantinische Marienbild , das an der Wand dahinter aufragte , halb überblakt . Die strengen Züge schienen noch strenger geworden , und nur das Christkind , das nach der Weltkugel griff , lächelte . Franziska konnte sich von dem Bilde nicht trennen und sah andächtig und bewegt hinauf , während Egon , der zum ersten Male hier war , ziemlich abgespannt an den Särgen hinschritt und sie wiederholentlich zählte , trotzdem zur Feststellung ihrer Zahl ein einziger Blick genügte . Nur auf dem letzten Sarge lag ein Kranz , aber verwelkt , weil er nur einmal alljährlich erneuert wurde . Der alte Graf schien nicht viel interessierter als Egon , am lästigsten aber war ihm das Anstandsschweigen , die gezwungene Rücksicht auf Gebete , die , Judith abgerechnet , mutmaßlich von keinem gesprochen wurden . Endlich trat er in die Lücke , die noch zwischen dem letzten Sarg und dem Wandpfeiler war , und sagte : » Sieh , Judith , zwei Plätze noch , für dich und für mich . Kommt noch wer , so müssen wir zusammenrücken . Die Petöfys haben es an Politesse nie fehlen lassen . «