irgendeinm Falterl ein Schmutz vom Vorhergegangnen , oder nimmt eins die aufzuerlegende Pflicht nit ernst gnug , so hat das jeds mitm Herrgott allein auszmachen , und dessen is , wie gschrieben steht , das Gericht ; wir sind nur seine Gnadnverwalter , und die habn wir auszteilen , wie ich mein , nach der Vorschrift , nit gepfeffert und nit überzuckert . « Der alte Herr hatte das Pfeifenrohr an den Enden angefaßt und wiegte mit den Armen , jetzt machte er einen heftigen Ruck , daß es sich bog , » knack « , sagte es ; er schlug ärgerlich die beiden Stümpfe gegeneinander , schleuderte sie dann nach einer Ecke und bewegte die Lippen , da er sich aber nichts verlauten ließ , so mag es dahingestellt bleiben , ob er nicht etwa im stillen , ganz für sich , einen » verluderten Ausdruck « gebrauchte . Er warf die Hände über den Rücken , machte ein paar Schritte , räusperte sich und hob wieder an : » Ja , mein lieber Herr Sederl , Sie kennen halt die Menschen noch viel zuwenig und gar erst die Leut , die Leut ! Man nennt uns nit umsonst Seelenärzt , wenn auch neuzeit gesagt wird , Seel hätt der Mensch gar keine , das is Wortfechterei und Silbenstechen ; der Mensch hat so was wie eine Seel , das sag ich allen gelehrten Herren zu Trutz , ich , der ich jetzt meine guten dreißig Jahr dasitz auf einer und der nämlichen Pfarr und alle meine Patienten vom ersten bis zum letzten , vom ältesten bis zum jüngsten genau kenn ! Der Mensch hat eine Seel , die ihm im gsunden Körper verkümmern und übern siechen hinauswachsen kann , ein Ding , das z ' tiefinnerst uns per du anredt , und wann das sagt : ' Du Halunk ' , so gebn wir uns bei alln Reichtümern und Ehren der Welt nit zfrieden , und wann es sagt : ' Du braver Kerl ' , so halten wir getrost aller Verleumdung und Verfolgung stand . Wenn aber Gottlosigkeit und Zweifel , eigene oder fremd woher , der Seel d ' Red verschlagen , so wird sie krank , und wir haben dann die Wahl , wie wir ihr Luft machen wollen , durch die Furcht vorm Teufel und der Höll oder durch d ' Hoffnung auf Gottes Erbarmung und das Himmelreich , und da weiß ich ' s nit anders , als daß der Mensch die Erbarmung sucht ; der Sündigste verstockt und verhärtet sich gegen die Furcht , aber die Zeit und die Stund kommt , und wär ' s seine letzte , wo er sein Ohr der Botschaft von der Gnad und Erbarmnis Gottes zuneigt . Paarmal schon bin ich an die Sterbebetten von Erzhalunken grufen worden und hätt , lieber als nit , gleich nach ' m Sündenbekenntnis davonrennen und sie allein liegen lassen mögen , aber wann s ' mich angschaut habn mit Augen wie ein winselnder Hund an der Ketten , der ' n Bauer mit ' m Tremmel herzukommen sieht , ja , du mein Gott , da hab ich alln Trost , mag er gschrieben stehn oder nit , aufgewendt , daß ich ihnen über ihr letzte Not hinweghelf . So was will durchgmacht sein , von dem Augenblick an , wo man sich aus hellem Mitleid um so ein verlornen Menschen zu ängstigen anhebt , bis dahin , wo einm mit einmal hart und leid um ihn gschieht , bis zletzt , wo man sich zugleich mit ihm beruhigt und in selbem gott- und weltergebenen Frieden , wie er von der Erd , aus ' m Haus scheidt . Sederl ! Solche Wunder der Barmherzigkeit muß man erlebt und Gott die Ehr dafür gegeben haben , dann entschließt man sich wohl zur eindringlichen Vermahnung , zum aufmunternden Zuspruch , aber aufs Dreinteufeln gibt man nit so viel . « Er schnippte mit den Fingern . Der Kaplan sah aus dunkelrotem Gesichte mit leuchtenden Augen nach dem Pfarrer . Er erhob sich und streckte ihm die Hand hin . » Verzeihen S ' « , flüsterte er . » Ah , gehn S ' mir weg , da gibt ' s nix zu verzeihen ! Sie sind hierorts mein Assistent , als solchen kann ich Sie nit auf eigene Faust herumdoktern lassen und muß Sie wohl über mein Method , die sich d ' Jahr her bewährt hat , aufklärn , so wie ich drauf schaun muß , daß Sie erst mit unsere Patienten vertraut werden . Es is gar eigen und merkwürdig mit ' m Volk . « - Er wiegte nachdenklich den Kopf . - » Stelln S ' Ihnen vor , was die letzten Tröstungen anlangt , passiert ' s mehrfach , daß einer , in dessm Herzkammerl es unsauber gnug ausschaut , sich steif und fest ' n Himmel erwart , während ein alts , fromms Mütterl , was nie keiner Fliegn ein Leid angtan , die Höll fürcht , wie nit gscheit . Es is mir unerklärlich , aber es hat ganz ' s Ansehen darnach , als wär bei solchn Leuten , die doch nit davon glesen noch ghört habn , von selber der Gedanken erwacht , daß Gott von allm Vorhinein , ohne daß durch ' s Menschen eigenes Dazutun dran was z ' ändern stünd , ein Teil zur Seligkeit und ' n andern zur Verdammnis bestimmt hätt ! « Der Kaplan machte den Versuch , Runzeln zu ziehen , was aber nicht gelang , da sich die Haut über seine niedere Stirn glatt wie ein Trommelfell spannte . » Ärlauhben , woo aaber füntet sihch teer Getange ? « fragte er , erregt und - hochdeutsch . Der Pfarrer sah ihn mit hoch gehobenen Augenbrauen erstaunt an . » Im heiligen Augustin « , antwortete er , » wenn anders mein Gedächtnis im Behalten nit schwach gwordn ist . « Sederl