ihm auf , ohne eine bestimmte Form anzunehmen , und mechanisch tastete er sich fort . Sooft ein Blitz die Umgebung erhellte , wurde es dem Jungen möglich , einige Schritte weit zu gehen , dann aber versperrten Bäume den Weg oder zeigten ihm verschlungene Ranken , daß er die Richtung zum Ufer im Dunkel verfehlt hatte . Rechts und links lagen herabgerissene Zweige , oft sogar ganze Bäume quer über dem Weg . Immer schneller und schneller folgten die Blitze , fast ununterbrochen krachte der Donner , und in jede Pause hinein dröhnten die Notschüsse des bedrohten Schiffes . Robert kämpfte mit der Kraft der Verzweiflung , um an den Strand zu kommen . Schritt für Schritt vorwärts dringend , brauchte er wenigstens eine Stunde , ehe der Weg von zwanzig Minuten zurückgelegt war . Zerschunden im Gesicht , mit blutenden Händen und fieberheißem , brennendem Kopf hatte er endlich das Meer vor sich . Brandend , zischend und kochend , den weißen Schaum turmhoch schleudernd , brach sich die See an der Küste . Welle auf Welle überspülte das Ufer , hoch in der Luft kreischten flügelschlagend die Möwen , pfeifend und heulend kam der Sturm daher . Robert hielt beide Hände vor die Augen . Dicht vor der Brandung spähte er , den nächsten Blitz erwartend , hinaus auf die tobende See Ein neuer Kanonenschuß zeigte ihm die Richtung , in der das Schiff lag . Und dann zuckte aus den schwarzen Wolken der gelbe Strahl herab - dann sah er für Augenblicke das Fahrzeug . Es war ein großes Schiff , im Sturm fast ohne Segel und von den Wellen wie ein Ball von einer Seite zur anderen geworfen . Jeden Augenblick konnte es der Sturm mit voller Gewalt auf den Strand treiben . Die Seeleute glaubten sich vielleicht in der Nähe einer bewohnten Insel , aber selbst wenn ein Boot zur Stelle gewesen wäre , so hätte es in dem schweren Wetter unmöglich auslaufen können . Die Wellen gingen haushoch . Robert schwang in ohnmächtigem Kampf gegen das Toben des Sturmes sein Tuch . So nahe vor sich die Erlösung aus der Gefangenschaft , so nahe in der grauenvollen Nacht die Menschen ! Er glaubte es nicht ertragen zu können , wenn diese Hoffnung getäuscht werden würde . Bald sah er beim Schein der Blitze das Schiff in größerer und bald in geringerer Entfernung vom Lande , endlich aber so weit draußen , daß er nur noch die Umrisse erkannte . In jeder Pause des Donners hielt er beide Hände vor den Mund und rief , so laut er konnte , den . Seemannsruf » Schiff ahoi ! « in die Nacht hinaus , aber ohne eine Antwort zu erwarten . Der schwache Ton konnte nicht bis zum Schiff dringen . Allmählich verstummten draußen auf dem Meer die Kanonenschüsse , und die Wucht des Sturmes ließ nach . Blitz und Donner wurden schwächer , der Regen hörte auf , einzelne Sterne zeigten sich am Himmel . Robert lauschte verzweifelt . Allein in der undurchdringlichen Finsternis , überwältigte ihn der Schmerz so sehr , daß er weinte . Erschöpft warf er sich auf den durchnäßten Sand und wiederholte nur von Zeit zu Zeit den langanhaltenden Ausruf , mit dem sich die Seeleute zu erkennen geben , aber immer ganz vergeblich . Seine Ungeduld wuchs von Viertelstunde zu Viertelstunde . Wie lang , wie endlos lang war die Nacht ! - Er versuchte zu schlafen , aber es mißlang gänzlich . Nicht einmal der Halbschlaf erlöste ihn auf Augenblicke von der Qual der Ungeduld . Er ging , als endlich Stille eintrat , rastlos am Ufer auf und ab . Jetzt lag das unruhige Meer wie ein wildes Kind , das sich müde getobt hat und nun sanft schläft , ganz lautlos und fast unbeweglich , als bereue es sein Wüten . Die Luft war abgekühlt , die letzten Tropfen von den Zweigen gefallen und der Wind vollständig zur Ruhe gegangen . Nichts regte sich in der stillen Sternennacht . Robert strengte sich an , mit den Augen das Dunkel zu durchdringen , er glaubte ein Licht , einen weißen Streifen zu sehen und schloß die Augen , um sich zu vergewissern , ob ihn keine Einbildung täusche . Aber dann , wenn er wieder aufsah , war nur das Dunkel der Nacht um ihn , - er mußte erkennen , daß ihn seine eigenen überreizten Sinne getäuscht hatten . Und auf die Nacht folgte endlich graue Morgendämmerung . Nebel und Schatten , hier heller , dort tiefer , lagerten sich über dem Wasser , spielten in allen Formen und täuschten das Auge . Sah er nicht dort im halben Dunkel das Schiff mit ragenden Masten und weißen , flatternden Segeln ? Sah er es nicht hart an der Küste , fast so nahe , daß es die Stimme erreichen konnte ? Er rief laut , so laut er konnte . Aber kein Zeichen verriet , daß in der Nähe Menschen lebten . Und die Nebel verzogen sich , zerflatterten ; das , was eben noch ein Schiff gewesen war , erschien nun als Turm , als riesiges , vorsintflutliches Fabeltier , als Bergspitze mit wallenden Baumkronen . - Hundert Gestalten formten sich , tiefe Täler und hohe , unzugängliche Zinnen . Robert starrte in das Chaos , immer noch hoffend , immer noch festhaltend an dem Gedanken der Erlösung . Was er in der Nacht so nahe an der Küste gesehen hatte , das rettende Schiff , - sollte es am Morgen , wo ein einziger Blick genügte , ihn aus der schrecklichen Einsamkeit zu befreien , zu weit entfernt sein , viel zu weit für jede Verständigung ? - Es war ja unmöglich , ganz unmöglich ! - Und heller und heller wurden die Nebelmassen , der Tag brach an . Ein kühler Hauch glitt durch die regenschweren Blätter , einzelne Tierstimmen erhoben sich , und gelbe und rote Wolkenränder umsäumten den Horizont . Roberts