vierzig Jahre konnte sie es täglich erfahren : Sie lieben mich , aber sie kennen mich nicht . Von der zweiten , ihrer Lieblingstochter , war sie durch die Verhältnisse getrennt . Jahre verflossen , ohne daß sie ihres Anblicks froh wurde , Monate , ohne daß Nachrichten von ihr eintrafen . Alle an seine Frau gerichteten Briefe gingen durch des Grafen Hände , er bemerkte es mißbilligend , wenn die Korrespondenz zwischen Mutter und Tochter zuzeiten etwas lebhafter wurde . » Eine glückliche Frau hat nichts zu schreiben « , meinte er , » und glücklich zu sein ist die Pflicht einer jeden , die einen braven Mann hat . « Es war endlich dahin gekommen , daß die Gräfin nur noch mit Bangen dem Erscheinen der Briefe entgegensah , nach denen sie doch zugleich so sehnsüchtig verlangte . Ronald saß mit gekreuzten Armen da , starrte vor sich hin und dachte : Könnt ich ihr ' s ersparen ! Zu drückend wurde dieses Schweigen ; die alte Frau unterbrach es mit der Frage : » Du gehst doch morgen auf die Jagd ? « Er nickte wie gequält : » Gewiß - gewiß . « Seine Stimme klang so seltsam ; die Gräfin blickte besorgt zu ihm empor und sah in sein bekümmertes Gesicht . Jeder seiner Züge verriet den Kampf seines Innern - ein bitterer Vorwurf gegen sich selbst , gegen ihr feiges Zagen vor dem eingestandenen Leid regte sich in ihr . Du armes Kind , dachte sie , und das Mitleid mit dem Sohne gab der Schwachen Kraft , mit einemmal das Schwerste und mit wenigen Worten alles zu sagen : » Ronald - Lieber - sprich getrost . Wann müssen wir wegziehen von hier ? « Aufatmend ergriff er mit beiden Händen die Hand , die sie ihm reichte , und rief : » Niemals , gute Mutter ! Sie werden Rondsperg nie verlassen ! « » Wie kann das sein , da wir ' s doch nicht behaupten können ? « » Der Kauf wird nur unter der Bedingung geschlossen , daß Sie hier fortleben genau wie bisher . « Die Greisin schüttelte bedenklich den Kopf : » Wenn diese Bedingung angenommen wurde , dann hast du sie teuer bezahlt ... « Er wollte verneinen . » Leugne nicht « , sprach sie , » es kann nicht anders sein ... « » O Mutter « , fiel er ihr mit erzwungener Heiterkeit ins Wort , » Fräulein Heißenstein verzichtet gern auf das Glück , in unserm alten Neste zu wohnen . « » Es wird mehr von ihr verlangt als nur das . Sie darf die Rechte , die sie erwirbt , nicht geltend machen , wenn wir hier - wie du sagst - fortleben sollen wie bisher . « » Auch dazu ist sie bereit . « » Weil ihr Vorteil es ihr rät . Nicht wahr ? ... Nicht wahr ? « wiederholte sie angstvoll . » Du hast dein Eigentum verschleudert , damit zwei alte Leute ihre letzten Jahre in altgewohnter Weise hindämmern können ! « » Verschleudert ? Was du nur denkst ? Darüber mache dir keine Sorgen . « Sie seufzte schmerzlich : » Unser Alter zehrt deine Jugend auf ... Ständ es bei mir , das sollte nicht geschehen . Dürft ich sprechen , ich würde dich anflehen , Kind : Vergeude nicht länger dein Leben ! - Geh , tausendmal gesegnet - gründe dir eine Zukunft und laß zusammenstürzen , was morsch und reif zum Untergang ist - der Wechsel alles Irdischen verlangt sein Recht . « Er wollte sich der Rührung erwehren , die ihn ergriff , und entgegnete : » Wie beredt ist meine Mutter heute geworden ! Und wozu ? - Um zu sagen , was sie nicht sagen darf . « Ein leuchtendes Lächeln verklärte ihre Züge : » Beredt - ja . Bin ich nicht wie eine alte Harfe mit zerrissenen Saiten , die auf einmal zu klingen beginnt ? Es ist ein Wunder - ein gar vergängliches . Weil mir aber die Zunge gelöst ist , so höre , Sohn , deine stumme Mutter sieht und zählt jeden Schweißtropfen auf deiner lieben Stirn , jeden unterdrückten Widerspruch , jedes still und freudig gebrachte Opfer ... « Plötzlich beugte sie sich nieder und preßte ihre Lippen auf seine Hand . Im selben Augenblick lag er auf seinen Knien und schloß mit ehrfurchtsvoller Zärtlichkeit die gebrochene Gestalt in seine Arme ... » Und Sie , Mutter ? « flüsterte er , » leiden Sie nicht auch ? « » Schweig , mein Kind ! « mahnte sie und zog sein Haupt an ihre Brust . Und an diesem schweren Tage war ihnen beiden leichter ums Herz als seit langer Zeit . 17 Ronald kam von der Jagd zurück . An seiner Waidtasche hingen zwei Hasen und ein Dutzend Rebhühner und Wachteln . Er ging die Hügellehne , die zum Schlosse führte , langsam hinauf , denn die Sonne stand im Scheitel , und die Hitze war groß . Sein Hund zottelte hinter ihm her mit weit aus dem Maule hängender Zunge . Nun waren sie am Pförtchen in der Parkmauer angelangt , das auf die Felder führte . Während Ronald den Schlüssel aus der Tasche zog und sich bemühte , das vom letzten Regen her noch stark verrostete Schloß zu öffnen , hatte sich der Hund hingelegt , keuchend , mit fliegenden Flanken , den Kopf auf den ausgestreckten Vorderpfoten , und verwandte kein Auge von seinem Herrn , der nun , im Begriffe , die Tür aufzustoßen , lächelnd zu ihm niederblickte , als wollte er sagen : Ist dir ' s recht , daß wir heimgekommen sind ? Und Herr und Hund sahen einander an mit inniger Freundschaft und mit einem Ausdruck so voll von Rührung , daß er sich beinahe komisch ausnahm in den Angesichtern zweier solcher Recken . Dann gingen sie durch verwachsene Laubgänge über Wege ,