Schrei getan und ist davongegangen . Auf der Grabstätte des Mathes hat man gestern frische Spuren zweier Knie entdeckt . Wir haben Leute aufgeboten , daß sie den Knaben suchen . In einer dar Hütten ist er nicht . Es wird auch an den Abgründen und Bächen nachgespürt . » Er hat mich nicht treffen wollen ! « jammert die Mutter , » und das ist ein kleiner Stein gewesen , aber auf dem Herzen liegt mir ein großer . Einen größeren hätt ' er nimmer nach mir schleudern mögen , als daß er davon ist . « Drei Tage später . Keine Spur von dem Knaben . Wohl eine andere Spur haben die Leute gefunden : große Pfoten mit vier und fünf Zehen . Wölfe und Bären gibt es in der Gegend . Es geht das Gerücht , drüben in den Lautergräben habe ein Holzhauer gestern die halbe Nacht mit einem Bären gerungen , bis es dem Manne endlich gelungen sei , seinen Arm dem Tiere in den Rachen zu stoßen , daß es daran erstickt . Ich bin heute in den Lautergräben gewesen , dort wissen sie nichts von der Mär . Dagegen hat mich einer von dort gefragt , ob es wohl wahr , daß im Winkel drüben , ganz nahe am Hause ein Rudel Wölfe den Erdmann gefressen hätte . Das sei nicht wahr , habe ich geantwortet . Aber der Mann behauptet , er wisse das zwar ganz bestimmt . Die Leute täten es allerwärts erzählen , und hundert Schritte vom Kirchenbaue hintan sehe man das Blut auf dem Sandboden und Fetzen von der Bekleidung . Ich entgegne , daß ich das Blut auch gesehen habe , daß dasselbe aber von einem Lämmlein herrühre , welches die Winkelhüterin gestern abends eben für den Erdmann ausgeweidet habe ; daß den Erdmann also nicht die Wölfe aufgefressen hätten , sondern daß der Erdmann das Lämmlein aufgegessen habe , und daß besagter Erdmann ich selber sei . Der Mann ist darauf recht verlegen und meint , er habe mich nicht erkannt , sonst hätte er das Gerücht nicht nacherzählt , ihm möge ihm nur verzeihen , daß die Sache nicht wahr ist . Am Petri-Kettenfeiertag 1817 . Das ist wie ein knatterndes Lauffeuer durch den Wald gegangen . Im Karwasserschlag wissen sie es , in Miesenbach wissen sie es , in den Lautergräben wissen sie es ; und ich im Winkel weiß es , daß es die bereits alle wissen , was doch erst heute morgens geschehen ist . Das Töchterlein des Mathes besucht zuweilen die Grabesstätte des Vaters und bepflanzt sie mit Hagebuttensträuchern . Heute zur Frühe , wie es wieder hinkommt , leuchtet ihm etwas entgegen . Auf dem Hügel ragt ein Stab und daran flattert ein Papier . Das Mädchen läuft heim zur Mutter , diese läuft zu mir in das Winkelhüterhaus , daß ich kommen und sehen möge , was das sei . Es ist sehr merkwürdig . Eine Nachricht ist es von dem Knaben . Auf dem Papier stehen in fremden Zügen die Worte : » Meine Mutter und meine Schwester ! Habt keinen Groll und keine Sorge . Ich bin in der Schule des Kreuzes . Lazarus . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Leute richten ihre Blicke auf mich . Der Knabe kann nicht lesen und nicht schreiben , fast niemand kann es im Walde . Die Leute meinen , ich sei hochgelehrt , ich müsse von allem wissen . Ich weiß von nichts . Allerseelen 1817 . Das ist ein lautloses Auf- und Niedergehen der Menschen . Ein Tröpflein sammelt sich am hohen Zweig des Baumes , sickert hinaus auf die letzte Nadel , wiegt sich und glitzert und funkelt , oft grau , wie Blei , oft rot , wie Karfunkel . Kaum noch hat es die Farbenpracht des Waldes und des Himmels in sich gespiegelt , so zieht ein Lufthauch und das Tröpflein löst sich von dem wiegenden Tannenzweig und fällt nieder auf den Erdengrund . Und der Erdboden saugt es ein und keine Spur ist mehr von dem funkelnden Sternchen . So auch lebt des Waldes Kind und so vergeht es . Draußen ist es anders . Draußen erstarren die Tropfen in dem frostigen Hauch der Sitte , und die Eiszapfen klingeln aneinander und im Niederfallen klingeln sie und ruhen , eine Weile noch der Welt Herrlichkeit in sich spiegelnd , auf dem Erdboden , bis sie zerfließen und vertauen , wie der Gedanke an einen lieben Toten . Draußen sind ja die Friedhöfe nicht für die Toten , sondern für die Lebendigen . Der Lebende feiert dort das Andenken an seine Vorfahren und er feiert seine künftige Friedhofsruhe . Für den Lebenden ist das Rosenbeet und die Inschrift . Der Lebende empfindet in seinem Gemüte die Ruhe , wenn er an den Schläfer denkt , der von Drangsal erlöst ist . Der Lebende fühlt das Hinabsinken des Toten und hofft für jenen die Urständ . - Niemand geht unbelohnt über Friedhofserde ; diese Schollen kühlen die Leidenschaften und erwärmen die Herzen , und nicht allein des Todes Frieden steht auf den Blumenhügeln geschrieben , sondern auch des Lebens Wert . Der Wald legt Ruhe , wohin Ruhe gehört . Dort hat der tote Schläfer kein Nachtlicht , wie der lebendige keines gehabt . » Das ewige Licht leuchte ihnen ! « ist das einzige Begehren . Die Spätherbstsonne lächelt matt und verspricht ihren ewigen Glanz , und der nächste Frühling sorgt für Blumen und Kränze . Nicht der toten Leiber wird im Walde gedacht , sondern ihrer lebenden Seelen Wehe , wenn diese sündig verstorben im Fegefeuer schmachten ! Als der hungernde Hans seinem hungernden Nachbar auf der Au das Stück Brot hat gestohlen und darauf war verstorben , da war der Urwald noch nicht gestanden . Der Leib war verwesen ,