atmete erleichtert auf - ach ja , es war nur Herr Claudius gewesen ! Er hatte jedenfalls das unvernünftige Stampfen im Wasser gehört und war besorgt gekommen , um nachzusehen , wer ihm denn einen Weidenzweig von seinem Eigentum abknicke und die hübschen Kiesel in seinem Fluß aufstöre . Er konnte ruhig sein , der gestrenge Herr - ich that es gewiß nicht wieder . Nun waren wir fünf Tage in K. , und es war Sonntag geworden . Auf dem Dierkhof hatten wir das ferne Turmglöckchen nur wie unterbrochenes Wimmern gehört - wie fuhr ich zusammen , als plötzlich ein tiefes , prachtvolles Glockengeläute durch die Lüfte brauste ! ... Ilse machte sich auf den Weg zur Kirche , und während sie , begleitet von den Glockentönen , feierlich den Teich umschritt , blieb ich in der Halle stehen und sah ihr nach ... Da kam auch der alte Buchhalter aus seinem Zimmer ; er hatte das Gesangbuch unter dem Arm und zog im Weitergehen einen lilafarbenen , neuen , engen Handschuh über die Hand - der alte Herr leuchtete förmlich in Sauberkeit und Eleganz . Als er in meine Nähe kam , blieb er stehen . Er grüßte nicht ; sein spiegelnder hoher Hut saß wie festgenagelt auf dem Kopfe ; dafür aber maß er mich mit einem langen Strafblick von Kopf bis zu Füßen . Ich zitterte und fürchtete mich , und in dem Augenblicke , wo er die Lippen öffnete , um mich anzureden , floh ich hinaus in den Wald . Der Schreckliche - ob er mir wohl nachkam ? ... Ich blieb atemlos stehen und sah scheu über die Schulter zurück . Der Weg , den ich gekommen , fiel hinter mir förmlich in das Dickicht hinein - ich war , ohne es zu wissen , ziemlich steil bergan gelaufen . Es blieb lautlos still drunten - der fromme Mann hatte jedenfalls seinen Weg in die Kirche fortgesetzt ... Vor mir mündete der enge Pfad auf eine Wiese ; an den gefiederten Gräsern hing noch Tau , und rings am Waldsaum lagen die dicken Purpurköpfchen der Erdbeeren wie hingesät ; es kam wohl niemand hier herauf , sie zu pflücken . Sie würzten die Luft , die golden flimmerte - ich meinte , die Glockentöne noch in ihr nachzittern zu sehen . Langhaarige Fichten standen umher , an ihren rissigen Stämmen nieder flossen goldgelbe Harzthränen , und durch die trauerdunklen Wipfel zog leichtes Summen . Hier wehte ein in der Welt verschollener , geheimnisvoller Geist - es war so verschwiegen still wie drunten hinter den Siegeln ... Ueber den betauten Rasenfleck war wohl auch die Prinzessin geschritten , und die harzduftenden , schaukelnden Fichtenzweige hatten ihren Scheitel gestreift ... Im Walde knisterte es leise , wie ein weiß- und rotbraungeflecktes Etwas wandelte drinnen , und dann breitete sich plötzlich ein schaufelförmiges Geweih majestätisch zwischen den Stämmen ; das zierliche Wild war zahm und sanft ; die Tiere kamen über die Wiese her und sahen mich mit stillen Augen furchtlos an - sie hatten vielleicht auch der schönen Prinzessin das Futter aus der Hand genommen ... Was für thörichte Gedanken ! Ich wußte ja nun , daß keine Prinzessin , sondern ein lediger junger Herr in den Zimmern gewohnt hatte , und er war tot - er hatte sich den schönen Kopf zerschmettert . Wie schrecklich ! ... Ob das die ernsthaften alten Fichtenbäume mit den niederhängenden dunklen Wimpern wohl wußten ? Ich schritt weiter ... Wie lange meine Entdeckungsreise auf diesem neuen Terrain angedauert , wußte ich nicht . Es waren wohl Stunden vergangen , seit ich bergauf und bergnieder trollte . Ich war völlig im unklaren , wo ich mich befand ; allein ich fühlte keine Furcht , die reine keusche Waldluft hatte sie mitgenommen .... Den Berg hatte ich hinter mir , ich war wieder in der Tiefe , aber wo ? ... Die Wege liefen kreuz und quer , und ich wußte nicht , welchen ich betreten sollte - da hörte ich plötzlich durch das Dickicht zu meiner Linken eine Menschenstimme . Ich erkannte sie sofort . Es war die Stimme des freundlichen alten Gärtners , der mit den sanftesten Schmeicheltönen ein unablässig schreiendes Kind zu beschwichtigen suchte . Ich ging dem Schalle nach und stand auf einmal vor einer Mauer ; hinter ihr war es hell - sie schloß den Wald ab . Um alles gern mochte ich den kleinen Schreihals sehen ; aber an der Mauer empor konnte ich nicht ; sie war hoch und spiegelglatt . Dagegen verstand ich mich ja auf das Baumklettern wie eine Eichkatze , war es doch eine meiner liebsten Gewohnheiten , wie das Fußbad im klaren Wasserspiegel , und nach wenigen Augenblicken saß ich hoch droben im Wipfel einer Ulme . Ich sah hinaus in die Weite , sah ein großes Stück Himmel . Zu meiner Rechten breitete sich die betürmte Stadt hin , flankiert von prächtigen Promenaden ; dann kam der Fluß , derselbe , der auch die Claudiussche Besitzung durchschnitt .... Ich war ganz nahe bei der Karolinenlust gewesen , ohne es zu wissen , denn das Wasser lief keine zweihundert Schritte vorüber ; eine breite steinerne Brücke wölbte sich darüber hin , diesseits des Flusses , weithin , bis hinauf an den Saum des Waldes verstreut , lagen elegante Landhäuser inmitten reizender Gartenanlagen . Zu meiner Linken , so nahe , daß ich jeden Gegenstand im oberen Stockwerk bequem übersehen konnte , stand ein hübsches kleines Schweizerhaus . Das Fleckchen Grund und Boden , auf welchem es lag , war eng begrenzt . Vor der Hauptfassade breitete sich ein schmaler Blumengarten hin , und rückwärts über einem engen Rasengrund wölbte eine prachtvolle Roßkastanie ihre undurchdringlich befiederten Aeste - sie war der einzige Baum der ganzen kleinen Besitzung , die nur eine breite Fahrstraße von der Claudiusschen Waldmauer trennte . Der alte Gärtner Schäfer ging unter dem schattenwerfenden Balkon des Hauses auf und ab . Er hatte einen rosenfarbenen Kattunmantel um