der verbündeten Armeen . Am Tage des heiligen Ludwig , an welchem unser junger Held den Triumphzug nach Paris zu beschließen gehofft hatte , standen die ersehnten Retter noch diesseit der Ardennen und der Enkel des heiligen Ludwig war ein Gefangener des Tempel . Dennoch verzagten wir nicht . Verdun hatte sich wie Longwy übergeben , und wenn von da ab wochenlang alle Nachrichten ausblieben , hielten wir uns an die Zuversicht , daß das bis dahin immer siegreiche Heer sich an einen verächtlichen Feind in seiner Flanke nicht gekehrt , in Eilmärschen die Marne überschritten und , wenn auch später als wir gehofft , doch sicher zur Stunde bereits dem gefangenen Monarchen in seiner Hauptstadt die Freiheit wiedergegeben haben werde . Unbegreiflich hingegen und wahrhaft beängstigend war uns das Schweigen unserer heimatlichen Freunde bei der Armee , denn wenn wir auch bei dem aufgeregten Prinzen keine mitteilsame Stimmung voraussetzten , so hatte doch ein junger Regimentskamerad , der jenem als Adjutant beigegeben und meinem Vater vertraulich zugetan war , fleißige Nachricht versprochen und nun nahezu zwei Monate kein Wort von sich hören lassen . Auch Faber , dem durch seltsame Fügung die Freunde auf fremdem Boden , unter fremder Fahne in demselben Regimentsverband begegnen mußten , auch Faber sendete keinen Trost in dieser bänglichen Zeit . » Ich habe ein besseres Fiduzit zu diesem Mosjö Per-sé gehegt , « sagte mein Vater ärgerlich . » Daß ich auch nicht daran gedacht habe , dem Prinzen einen Denkzettel an ihn mit auf den Weg zu geben . Die arme , kleine Dorl ist wie verwandelt , seitdem es nun ernstlich zum Klappen gekommen ist . Sie grämt sich und schämt sich , so vergessen zu sein in ihrer Angst und Not . « Ja freilich grämte und schämte sie sich , die unglückliche Dorothee , wenn auch aus anderer Bewegung , als ihr alter Freund voraussetzte . Sie mied uns in sichtbarer Seelenangst , saß mit vorgezogenem Riegel in ihrer Stube und huschte im Garten scheu und stumm an uns vorüber . Redeten wir sie an , und war es das Gleichgültigste , so antwortete sie verworren und ausweichend . Ich sah , sie zitterte vor einer Erörterung , die auch ich von Tage zu Tage verschob . Warum ? Da sie doch unausbleiblich und jedenfalls vor meiner Abreise nach Reckenburg stattfinden mußte . Ja warum scheut man sich denn , einen Knoten zu durchhauen , warum rechnet man auf das Unwahrscheinlichste , das eine Lösung bewirken könnte ? Ich zum Exempel rechnete auf eine Eröffnung und vielleicht Verständigung zwischen dem Prinzen und Faber , die mich der Pein einer Mittlerrolle überhob . Endlich , endlich kam der langersehnte Brief vom Adjutanten . Der Prinz hatte seine Verzögerung befohlen , um die Freunde , eines kleinen Unfalls halber , nicht ohne Not zu beunruhigen . Er war , indem er dem die Tete bildenden Regimente Weimar nacheilte , beim Überschreiten der Grenze auf ein preußisches Reiterpikett gestoßen , hatte sich ihm angeschlossen und mit ihm eine rekognoszierende , weit überlegene feindliche Jägerabteilung attackiert . Nach hartnäckigem Kampfe war sie niedergehauen und gefangen worden . Dem Prinzen aber , der auch nicht einen Flüchtigen entkommen lassen wollte , stürzte während der Verfolgung auf dem vom Regen durchweichten Boden das Pferd . Er trug eine Verstauchung davon , die sich bei mangelnder Pflege entzündete und ihn wochenlang in einer armseligen Bauernhütte festhielt . » Wie er knirschte , « so sagte der Korrespondent , » wie er wetterte , zurückbleiben zu müssen , während die Armee die Ardennenfestungen in ihre Hand bekam - nun , Ihr könnt es Euch denken , Ihr kennt ihn ja ! Wie er aber schäumte während des unbegreiflichen achttägigen Halts vor den schwachbesetzten Argonnenpässen - nein , das könnt Ihr Euch nicht denken , trotzdem Ihr ihn kennt ! Wäre das Kommando doch in des Königs Hand ! Gottlob jedoch , sein ritterlicher Sinn hat über die alte Schulweisheit gesiegt , und unser leichtes Glück bei Croix-aux-bois und Grandpré , wo diese Freiheitshelden Reißaus nahmen wie die Hasen , wird auch unserem Serenissimus Kunktator eine Fackel aufgesteckt haben , welche den Weg nach Paris beleuchten soll . Die Armee ist in vollem Marsche nach Châlons . Zieht Dumouriez , dieser Schwätzer par excellence , sich zurück : gut . Einen solchen Feind in der Flanke fürchten wir nicht . Gelingt ihm die Vereinigung mit Kellermann , der ihm von Metz zu Hilfe kommen soll : desto besser . Wir werden das Gesindel dann mit einem Schlage los . Das beste aber ist , daß unser Prinz , heil und wohlgemut , morgen aufbrechen wird , um sein Regiment einzuholen . Am Abend denken wir Menehould - fluchwürdigen Andenkens ! - zu erreichen . « Das Ungestüm unseres Prinzen sprach aus jedem Wort dieses Berichts . Ein Postskriptum enthüllte hingegen die weit nüchternere Auffassung seines Begleiters . Weg und Wetter waren abscheulich ; es fehlte an jeder geregelten Verpflegung ; epidemische Krankheiten dezimierten die Armee ; was aber am tiefsten überraschte : die Stimmung der Bevölkerung war dem königlichen Befreiungszuge keineswegs so geneigt , wie nach den Schilderungen der Emigranten alle Welt vorausgesetzt hatte . Einige diplomatische Andeutungen über den Doppelsinn der Heerführung bildeten den Schluß . Wir schlugen uns den nachhinkenden Boten aus den Gedanken und hielten uns an den guten Glauben und an die gute Kunde von unserem Helden , wobei wir denn freilich die Gefahren jedes Augenblicks vergaßen , welche die Spanne zwischen Sendung und Empfang solcher Kunde füllen . Der Brief , welcher am 19. September geschrieben , erreichte uns am 28. Auf den folgenden Tag , Michaelis , fiel Dorothees Geburtsfest . Ich suchte schon früh am Morgen bei ihr einzudringen . Die beruhigende Nachricht über den Prinzen , hoffte ich , werde eine nicht länger aufzuschiebende Aussprache ermutigend einleiten . Aber wiederum ein vergeblicher Versuch . Sie war schon vor dem Frühstück hinüber zum Vater entschlüpft und kehrte während des ganzen Morgens