um die schwere Zeit hatte und wie jetzt niemand mehr an die Welschen dachte , sowenig wie der Bruder Niklas jetzt an die Anna . Da war die Base Schlotterbeck , die hatte das alles miterlebt und konnte auch die Toten sehen ; aber an so vieles gedenken wie die Frau Christine konnte sie doch nicht , denn sie hatte kein Kind geboren , und ihr Sohn konnte später nicht am Tisch sitzen , ein so gelehrter Mann , und konnte nicht über seine Bücher herübersehen und mit den Augen winken . O wieviel , wieviel ließ sich denken beim Leuchten der Wunderkugel ; da war ' s wahrlich keine Kunst , auch unter den allerbösesten Schmerzen ruhig zu liegen und in Geduld auf das letzte Stündlein zu warten ! Wir haben früher beschrieben , wie Hans als kleines Kind in seinem Bette lag in der Winternacht und die Mutter , welche sich zu ihrer frühen Arbeit rüstete , belauschte . Wir haben davon gesprochen , wie er sich allerlei geheimnisvolle , seltsame Vorstellungen von den Orten machte , wohin sie ging , wie er die Schatten an den Wänden tanzen sah und genau achtgab , was daraus werde , wenn die Lampe ausgeblasen wurde . Nun mußte er als erwachsener Mensch sich ganz ähnlichen und doch ganz andern Gefühlen hingehen . Mancherlei hatte er erfahren und vieles gelernt ; es wäre kein Wunder gewesen , wenn er verständigere Stimmungen in diese Stunden hineingetragen hätte ; aber wie die Mutter sich über die Rückkehr ihrer Jugenderinnerungen wunderte , so hatte er Grund , sich über die Rückkehr dieser Gefühle zu wundern . Während er beim Licht der Glaskugel die Blätter seiner Bücher umwandte und von Zeit zu Zeit nach dem Lager der Kranken hinübersah , dachte er daran , wie die Mutter jetzt wieder sich zum Fortgehen rüste , um ihn allein in der Dunkelheit zu lassen . Wie er sie damals oft mit Tränen bat zu bleiben , so hätte er sie auch jetzt bitten mögen . Oft überkam ihn die große Angst , die er vor so langen Jahren gefühlt hatte , wenn die Lampe ausgeblasen , der Tritt der Mutter verhallt war und der Schlaf ihm nicht sogleich die Augen zudrückte . Er hörte den Schnee am Fenster rieseln wie damals ; wie damals rief der Nachtwächter die Stunden ab , wie damals flimmerte der Mond durch die gefrorenen Scheiben , wie damals knarrten und knackten die alten Gerätschaften , wie damals regte sich geisterhaft die nächtliche Welt . Wenn die Mutter in solchen Augenblicken schlief , so konnte er sich nur dadurch aus dem ängstlichen Gewühl retten , daß er in den schwierigsten Teilen seiner Aufgabe so angestrengt als möglich fortarbeitete , und nicht immer gelang das . Wenn aber die Mutter wachte , so brauchte er nur die Feder niederzulegen und die treue Hand der Kranken zu nehmen : er bekam dann den besten Trost , den es für ihn gehen konnte . Wenn etwas später Einfluß auf seine Handlungen , seine Pläne , seine Ansichten und sein ganzes Leben hatte , so waren es die leisen Worte , die ihm in diesen Stunden zugeflüstert wurden . » Sieh , liebes Kind « , sagte die alte Frau , » in meinem schlechten Verstande hab ich mir immer gedacht , daß aus der Welt nicht viel werden würde , wenn es nicht den Hunger darin gäbe . Aber das muß nicht bloß der Hunger sein , der nach Essen und Trinken und einem guten Leben verlangt , nein , ein ganz ander Ding . Da war dein Vater , der hatte solch einen Hunger , wie ich meine , und von dem hast du ihn geerbt . Dein Vater war auch nicht immer zufrieden mit sich und der Welt , aber nicht aus Mißgunst , weil andere in schöneren Häusern wohnten oder in Kutschen fuhren oder sonsten dergleichen : nein , er war nur deshalb bekümmert , weil es so viele Dinge gab , die er nicht verstand und die er gern hätte lernen mögen . Das ist der Männer Hunger , und wenn sie den haben und dazu nicht ganz derer vergessen , die sie liebhaben , dann sind sie die rechten Männer , ob sie nun weit kommen oder nicht - ' s ist einerlei . Der Frauen Hunger aber liegt nach der andern Seite . Da ist die Liebe das erste . Der Männer Herz muß bluten um das Licht , aber der Frauen Herz muß bluten um die Liebe . Um das müssen sie auch ihre Freude haben . O Kind , mir ist es viel besser geworden als deinem Vater , denn ich habe viel Liebe geben können , und viel , viel Liebe ist mir zu meinem Teil geworden . Er war so gut gegen mich , solange er lebte , und dann hab ich dich gehabt , und nun , wo ich meinem Anton nachgeh , sitzest du neben mir , und was er haben wollte , ist dir zuteil geworden , und ich habe dazu geholfen . Ist das nicht ein glückselig Ding ? Du mußt dich nicht so sehr härmen um deine dumme Mutter , du machst mir sonsten nur das Herz schwer , und das willst du doch nicht , hast es ja nie getan . « Der Sohn verbarg sein Gesicht in die Kissen der Kranken ; er vermochte nicht zu sprechen , nur das Wort Mutter ! wiederholte er schluchzend ; es war aber alles , was ihn bewegte , darin zusammengefaßt . - Aus dem Hause trat Hans Unwirrsch während seines jetzigen Aufenthalts in Neustadt wenig hervor . Die Nachbarn begrüßte er alle in der Stube der Base Schlotterbeck , nur wenig Besuche stattete er ab . Wo er aber erschien , wurde er freundlich aufgenommen , und der Professor Fackler hielt ihn so fest , daß er sich endlich nur mit Gewalt losreißen konnte . Der Professor nahm merkwürdigerweise jetzt ein