der Kranke beim besten Willen zu leisten nicht im Stande ist . Und wohl mochte es dem Geheimrath schwer werden , die graue Schattengestalt der Sorge , die sich , je dunkler es im Zimmer wurde , immer dichter und dichter an ihn herandrängte , zu verscheuchen . Wie schlimm es in physischer Hinsicht um ihn stand , konnte ihm , der , wer weiß wie viel ähnliche Fälle beobachtet und wieder beobachtet hatte , am wenigsten verborgen sein . Er wußte nur zu wohl , daß er von nun an geistig und körperlich ein Krüppel sein und bleiben werde , daß er nur noch das Gnadenbrod des Lebens esse , daß der Tod jeden Augenblick die verfallene Schuld eincassiren könne . Und doch war dies , so sehr er auch am Leben hing , sein geringster Kummer . Der Arzt sträubte sich nicht gegen das allgewaltige Geschick , dem er mit aller Kunst noch Keinen hatte entreißen können ; der Schüler Epicurs wußte , daß Wonnen und Schmerzen , Freuden und Leiden in dem Gewebe unserer Existenz untrennbar vereinigt sind . Aber , was ihm das Herz unsäglich schwer machte , war der Gedanke , daß es ihm nun unmöglich sein würde , seine zerrütteten Vermögensverhältnisse zu ordnen , daß er als ein Bankerotteur aus dem Leben gehen , daß er seine Gläubiger durch seinen Tod um ihr Eigenthum betrügen würde . Der Unglückliche seufzte , während er das tiefgebeugte Haupt in den Händen verbarg . Und seine Tochter , seine geliebte Tochter ! Wo war die Hoffnung geblieben , sie einst mit einem Vermögen ausstatten zu können , das die gemeinen Sorgen des Lebens auf immer von der Verwöhnten , Verzärtelten fern halten sollte ? ihr die Mittel gewähren sollte , immerdar eine behagliche Existenz zu führen , wie sie sich für die feinbesaitete Natur des jungen Mädchens einzig zu ziemen schien ? Jetzt konnte er ihr nicht nur kein Vermögen - nein ! nicht einmal einen ehrlichen , fleckenlosen Namen hinterlassen ! Sie hatte keine Ahnung von der mißlichen pecuniären Lage ihres Vaters . Er hatte nie den Muth gehabt , ihr kindliches Gemüth mit Sorgen zu verdüstern , die er von sich selbst , so lange es ging , fern hielt . Sie nahm mit Sicherheit an , daß ihr Vater , wenn nicht ein reicher , so doch ein vermögender Mann sei , daß sie sich den bescheidenen Luxus , mit dem sie sich umgab , unbedenklich gestatten könne . - Und war sie die Einzige , die sich in diesem Wahne befand ? die er aus Scheu vor peinlichen Auseinandersetzungen in diesem Wahne gelassen hatte ? dachten seine Freunde nicht ebenso ? vor allem der jüngste und liebste seiner Freunde , der Mann , welcher das Herz seiner Tochter gewonnen hatte und dem er selbst mit herzlicher , freundschaftlich väterlicher Liebe zugethan war ? der durch sein biederes , edles Wesen , durch seinen Geist und seine Güte diese Liebe , diese Freundschaft im reichsten Maße verdiente ? Was würde er sagen , was würde er thun , wenn er erführe , was er über kurz oder lang doch einmal erfahren mußte ; ja , was ihm der Vater seiner Braut , wenn er nicht allen Ansprüchen auf den Namen eines ehrlichen Mannes entsagen wollte , unter diesen Umständen ohne allen Verzug mitzutheilen gezwungen war ? Der Geheimrath drückte sein Gesicht fester in die zitternden Hände und stöhnte laut , wie ein von grausamen Qualen Gefolterter . Und plötzlich fühlte er sich von weichen Armen sanft umschlungen und eine Mädchenstimme rief ängstlich : Vater , liebes Väterchen , Du bist gewiß wieder recht krank ! und die freundliche , feste Stimme eines Mannes , der eine seiner Hände ergriffen hatte , um nach dem Puls zu fühlen , sagte : Sie sind zu lange aufgeblieben , Papa ! Wir müssen machen , daß wir wieder in ' s Bett kommen . Wie ein erquickender Regen auf eine sonneversengte Pflanze , so fielen diese Stimmen , diese Worte lind und labend in das Herz des armen , an Leib und Seele kranken Mannes . Er legte seine Arme um den schlanken Leib des Kindes und zog es an sein Herz in langer , stummer Umarmung . Er hätte weinen können , wenn er sich nicht geschämt hätte . Sophie fragte wieder und wieder , ob er sich kränker fühle ; Franz , der nach Licht geklingelt hatte , bat immer dringender , er möge nicht durch längeres Aufbleiben das mühsam Gewonnene wieder auf ' s Spiel setzen . Der Geheimrath wollte nichts von Zubettgehen hören ; er fühle sich in dem Lehnstuhl ganz behaglich und durchaus nicht angegriffen . Ueberdies habe er mit Franz zu sprechen , Sophie möge nur ruhig Abendbrot besorgen . Franz , dessen Scharfblick die Unruhe , die Aufregung des Patienten nicht entgangen war , hielt es für das Beste , seinem Wunsche Folge zu leisten , und winkte seiner Braut , sie allein zu lassen . Sophie entfernte sich mit einem ängstlich fragenden Blick auf Franz , den dieser mit einem ermuthigenden Lächeln beantwortete . Die Thür hatte sich kaum hinter der schlanken Gestalt des jungen Mädchens geschlossen , als der Geheimrath Franz ' Hand ergriff und mit einer Stimme , die vergebens nach Festigkeit rang , sagte : Ich habe Ihnen etwas mitzutheilen , Franz , das ich unter diesen Umständen , wo ich jeden Augenblick auf den Tod gefaßt sein muß , nicht länger verschweigen kann , ohne ehrlos zu handeln . Was ist es , Papa ? fragte Franz , einen Stuhl dicht an den Platz des Geheimraths rückend und die Hände desselben freundschaftlich in seine Hände nehmend . Das ist es ! sagte der Geheimrath - und nun erzählte er Franz , daß er im Laufe der Jahre , zum Theil in Folge eines Mangels an weiser Sparsamkeit , zum Theil durch vielfältige Darlehen , die er an Arme , Bedürftige aller Art gemacht und niemals