- Was ist mit ihr ? « » Sie wird vielleicht kaum den morgenden Tag erleben . « » Das wolle der Himmel nicht « - sagte Landsfeld ernst . » Ihre Angst wird wohl die Gefahr etwas übertreiben , Gertrud . « » Ach nein , gnädiger Herr « - erwiederte die Alte , sich die Thränen mit der Schürze trocknend . » Der Herr Doktor haben es auch gesagt . Er ist noch bei ihr . Sprechen Sie selbst mit ihm . « » Das würde das Maaß von Lydiens Leiden voll machen « - sagte Landsfeld laut zu sich selbst sprechend . » Bitten Sie den Herrn Doktor auf einige Augenblicke zu mir zu kommen « - sagte er zu ihr . » Ist wirklich Gefahr , lieber Freund « - sagte er zu diesem - » sprechen Sie ohne Hehl . « » Ja , es ist Gefahr und sehr große . Sie müssen sich auf Alles gefaßt machen . Eine Krisis , die ich schon lange befürchtet , ist eingetreten . Es kann sehr schnell zu Ende sein . « » Ich danke Ihnen . Gehen Sie , ich bitte dringend , zur Kranken zurück . Bieten Sie Alles auf , was in Ihren Kräften steht . Das Leben meiner Frau steht mit auf dem Spiele . Denken Sie daran . Ich werde Ihnen morgen erklären , was ich damit sagen will . « Es gehörte eine körperlich wie geistig so riesenkräftige Natur dazu , wie sie Landsfeld besaß , um den ungeheuren Anstrengungen der letzten 24 Stunden nicht schon erlegen zu sein . Aber jetzt war auch seine Kraft erschöpft . Bis zum Tode ermattet , war er nicht mehr im Stande , selbst die eigene kritische Lage , den ganzen Umfang der Gefahren , die sein ganzes Lebensglück in diesem Augenblick bedrohten , zu ermessen . Er sank unausgekleidet auf das Sopha , und verfiel in einen tiefen , todtähnlichen Schlaf , aus dem ihn erst gegen 6 Uhr ein lautes Pochen an seiner Thüre erweckte . Karl trat ein . - » Gnädiger Herr - erschrecken Sie nicht - es ist ein Unglück - « Landsfeld bedeckte sich das Gesicht mit den Händen . » Die gnädige Frau Mutter - « » Ist todt ? « Karl antwortete nicht , aber er trat zu seinem Herrn und küßte seine Hand . » Sie müssen nicht den Muth verlieren , gnädiger Herr ; wenn Sie ihn verlieren , wer sollte ihn dann noch behalten ? « Diese einfachen Worte enthielten eine Wahrheit , die ihren Eindruck auf Landsfeld nicht verfehlte . Er drückte seinem treuen Diener die Hand und sprang auf . - Als er in Lydiens Schlafgemach und an ihr Lager trat , sah sie ihn mit großen Augen an , ohne etwas auf seinen Morgengruß zu erwiedern . Auf ihrem Gesicht flammte eine brennende Röthe . » Was ist Dir , Lydia ? « - fragte er , von neuen Ahnungen erschreckt . » Nicht wahr « - erwiederte diese - » Therese wird sich freuen , wenn ich sie besuche . Warum soll ich auch nicht ? Richard hat mich selbst dazu aufgefordert . « Sprachlos starrte Landsfeld auf die Phantasirende . Dann verließ er das Zimmer , um den Arzt aufzusuchen , als dieser ihm auf dem Corridor begegnete . » Sie wissen es schon , Herr Baron ? « - fragte er . » Ich weiß es « - sagte Landsfeld tonlos . » Aber kommen Sie . Ich glaube meine Frau bedarf jetzt mehr , als irgend ein Anderer Ihrer Hülfe . « Sie traten zusammen an Lydiens Bett . Schweigend legte der Arzt den Finger auf ihren Puls . » Es ist ein nervöses Fieber « - sagte er endlich . » Vorläufig noch keine Gefahr , wenn nicht besondere Umstände hinzutreten . « Dreizehntes Kapitel Wieder waren mehrere Monate vergangen . Lydia hatte indeß die langwierige Krankheit überstanden , welche durch die Nachricht von dem Tode ihrer Mutter , der ihr nicht verheimlicht werden konnte , eine gefährliche Höhe erreicht hatte . Der Winter hatte bereits den milden Lüften des erwachenden Frühlings weichen müssen . Draußen regte und bewegte sich Alles in neuer Frische und jugendlicher Kraft , während auf den Straßen Berlins die weiße reinliche Schneedecke mit ihrem Schlittengeläute und geputzten Pferden durch einen dicken Schlammüberzug , in dem sich nur bescheidene Droschken und klappernde Hundekarren hineinwagten , ersetzt worden war . Als Lydia sich stark genug fühlte , bezog Landsfeld auf Anrathen des Arztes mit seiner jungen Gemahlin das reizende Sommerhaus in Schönberg , das sie am Ende des vorigen Sommers mit ihrer Mutter bewohnt hatte . Die frische Luft , so wie der wohlthätige Einfluß , den die Natur besonders im beginnenden Frühlinge auf jedes kranke Gemüth und jeden leidenden Körper ausübt , stärkten auch Lydia sichtlich von Tage zu Tage . Zwar kostete es sie noch immer einen Kampf , wenn sie das früher von ihrer Mutter bewohnte Zimmer betrat , aber ihre Thränen flossen sanfter und ihr Schmerz verlor allmählig an Herbe und Schärfe . Landsfeld widmete sich ihr ganz . Seit er die tiefe Reinheit ihres Gemüths ganz kennen gelernt , weihte er ihr seine volle Liebe . Ueber jene Scene in Potsdam hatte er noch nicht mit ihr gesprochen , theils weil er glaubte , daß die Aufregung , in die sie dadurch nothwendigerweise gesetzt würde , bei ihrem noch nicht ganz befestigten Gesundheitszustande gefährlich sein könnte , theils weil er voraussah , daß die Erklärung jener Auftritte andere Erklärungen aus seinem eigenen Leben und über seine eigene Stellung zu ihr herbeiführen müßten , an die er jetzt nur mit einem innern Zagen dachte . Denn er fühlte wohl , daß dieser Punkt ein Wendepunkt in seinem Verhältniß zu Lydia , und folglich auch in ihrem beiderseitigen Leben werden mußte . Vielleicht hätte er noch länger geschwiegen , obwohl er fühlte , daß jede Verzögerung hierin die Schwierigkeit