rief Wilhelm : » Vater - Tochter - von wem sprichst Du denn ? Wer ist Friederikens Vater ? « » Friederike ? « rief Franz in gleich staunendem Tone . » Friederike - Du liebst Friederiken ? « Und wie er erkannte , daß nur ein Mißverständniß ihm das selbst nur leise geahnte Geheimniß seines Herzens entrissen , lehnte er sich zurück an die Linde , drückte wider ihre rauhe Rinde seine heiße Stirn , wie um sich zu verbergen , und flüsterte : » Vergiß , was Du mich hast sagen hören ! « » Du liebst Friederiken nicht - aber Du kennst sie , Du sprachst sie oft - noch gestern sah ich Dich bei ihr stehen - es preßte mir schier das Herz entzwei . « » Ihre Herrin hat sie lieb , es ist ein gutes Mädchen - und wenn Du sie liebst , wird sie Dich , denk ich , wieder lieben und Ihr werdet glücklich zusammen sein . Und Du hast gedacht , ich stände dieser Liebe und diesem Glück entgegen ? « » Nun ja - ich wußte , wie die Liebe thut - wußte es nur gar zu gut , darum verstand ich Dein verändert Wesen , das den Andern ein Räthsel - und da ich wohl sah , daß Deine Augen leuchteten , wenn Du in das Wohnhaus des Fabrikherrn gingst , so wußt ' ich , daß Du dort die finden müßtest , welche Du liebest - - nun versteh ' ich es anders - das hatte ich nicht denken können ! Vielleicht werde ich einst glücklich sein - und Du ? - Armer Freund ! « » Nein , nicht arm ! « sagte Franz sich aufrichtend . » Sie wird mich nie aus ihrer Nähe verbannen , sie wird mich immer dazu wählen , den Segen auszuspenden , welchen sie für die Nothleidenden hat , Sie wird mich zuweilen freundlich ansehen , wenn ich im Vertrauen auf ihre Großmuth in ihrem Namen gehandelt habe - ich werde glücklich bleiben , wie ich es geworden bin , seitdem ihre Erscheinung verklärend hereintrat in mein Leben . Komm , Wilhelm , wir wollen ruhig nach Hause gehen und schlafen und von ihnen träumen . « II. Haussuchung » Auf des Lagers Kissen schlummert Kalt die lieblichste der Leichen . « F. Freiligrath . In der Residenz , in der Stube Amaliens , der Gattin Gustav Thalheims , stand ein kleiner schwarzer Sarg . Eine schöne blasse Kinderleiche lag darin im weißen Sterbekleidchen , einen Rosenkranz in den blonden Locken - die ganze kleine Gestalt zur Hälfte mit Blumen überdeckt . Die kleine Anna war gestorben . Amalie kniete an dem Sarge ihres einzigen Kindes . Der Schmerz einer Mutter ist riesengroß und meerestief , wie kaum ein zweiter in der Welt . Fast jede Mutter , die ein todtes Kind beweint , wird zu einer heiligen mater dolorosa , vor welcher selbst jeder Fremde in ehrfurchtsvoller Ferne stehen bleibt . Eine heilige Würde ist in dem Schmerz einer Mutter , welche an das Wehe denkt , unter dem sie das Kind geboren , welches nun wie ein Theil von ihr selbst losgerissen worden und dem Grabe verfallen ist , während sie doch unter den Tausend Dolchstichen , unter welchen ihr blutendes Herz zuckt , noch beten kann : » Der Herr hat ' s gegeben , der Herr hat ' s genommen - sein Name werde gepriesen . « In Amaliens Schmerze war das Gepräge dieser ehrwürdigen Heiligkeit verdunkelt . Erst jetzt , als ihr das anvertraute Kleinod für immer entrissen war , begann sie zu empfinden , welches Glück sie in demselben besessen , und es traf sie als ein entsetzlicher Vorwurf ihres eigenen Innern , daß sie das Kind nicht mit wahrer Mutterzärtlichkeit geliebt , weil es das Kind eines ungeliebten Vaters war . Und so war denn ihr Schmerz eine anklagende Verzweiflung , denn sie sagte sich selbst , daß ihr das Kind vielleicht nicht genommen worden wäre , wenn sie ihm eine bessere , zärtlichere Mutter gewesen ; ja , sie machte sich selbst den Vorwurf , vielleicht auf eine leicht verletzte Gesundheitsregel nicht genug geachtet zu haben und dadurch selbst sogar vielleicht mit Theil an der schnellen und so unheilvollen Krankheit zu haben . So brachte ihr der Schmerz nicht den heiligen , stärkenden Thau frommer Ergebung und Erhebung , sondern nur verwundende Stacheln , welche sie sich selbst wie im grausenhaften Spiel wechselnd in ihr blutendes Innere stieß und herausriß . Als sie jetzt in dieser Stimmung an dem kleinen Sarge stand , in welchem in wenig Stunden ihr die schwarzen Träger auf immer ihr einziges Kind , ihr bestes Besitzthum forttragen würden , ging die Thüre auf und ein junger Mann in der grünen Uniform eines gemeinen Soldaten trat herein . Er war groß und schlank gewachsen , hatte lichtbraunes , lockiges Haupthaar und langen Schnurrbart - ein freundliches offenes Gesicht , das Munterkeit und Gutmüthigkeit zeigte . Erschrocken blieb er zwischen der Thüre stehen , als er sah , daß er in die Engelkammer eines verblichnen Kindes gekommen - dann ging er auf Amalien zu , nahm ihre abgezehrte Hand , schüttelte sie treuherzig und sagte , indem eine helle Thräne auf seinen Schnurrbart rollte : » Das ist ein sehr trauriger Empfang , Frau Schwägerin ! - Kennst Du mich denn noch ? « fügte er nach einer Weile hinzu , wo sie wortlos dagestanden und ihm mechanisch ihre Hand überlassen hatte . » Ja , Bernhard , « sagte sie . » Es ist gut , daß Du mich nicht vergessen hast und mit zu mir kommst , es ist gut - Du darfst doch wohl meiner Anna das letzte Geleit mit geben ? « » Ja , ich will ' s - sieht wie ein Engel aus , das arme Kind , sieht wahrlich dem Vater ähnlich . « Der Eingetretene , der dies sprach , war Bernhard