, hatte sich zu einer Unwahrheit entschlossen ; sie , die mit Freuden ihr Leben für Alfred hingegeben hätte , hatte ihm Schmerz bereitet . War das recht gewesen ? Hatte es kein anderes Mittel , keinen edleren Ausweg gegeben ? Sie hatte es dem geliebten Manne verbergen wollen , daß sie eben so schwer an ihrem Schicksal trage , als er an dem seinen ; sie hatte ihm die Sorge um sie und ihren Gram ersparen , ihn wo möglich beruhigen wollen . Er mußte sie leichter verschmerzen , wenn er nicht an ihre Liebe glaubte , er mußte sich leichter trösten , leichter glücklich und heiter werden . Und glücklich sein sollte Alfred um jeden Preis . Um jeden Preis ? fragte sie sich . Auch indem ich ihm den Glauben an mich nehme ? indem ich die Ueberzeugung zerstöre , daß er einem würdigen Gegenstande seine Liebe weihte ? daß ich es werth war , sein Herz auszufüllen ? Hat mich allein die Rücksicht auf ihn bestimmt ? Habe ich ihm nicht wehe gethan , mich selbst zur Lüge erniedrigt , um das Glück seiner Gegenwart zu genießen ? - Eine glühende Schamröthe überdeckte ihr Gesicht , das sie weinend in ihre Hände stützte . Es war still in dem Zimmer . Draußen peitschte der Wind den Regen gegen die Fenster , die letzten Blätter der Bäume raschelten dürr gegeneinander und knarrend bewegten sich die Aeste . Sie stand auf , ging unruhig im Zimmer umher , trat an das Fenster und blickte in den Garten hinaus . Es war tiefe Nacht , kein Stern am Himmel , man konnte keinen Gegenstand unterscheiden . Beklommen aufathmend ließ sie den Vorhang fallen und wendete sich in das Zimmer zurück . Wie öde erschien ihr das ! Dort stand der Tisch , an dem Felix gespielt , hier hatte Alfred neben ihr gesessen , als sein dunkles Auge bittend zu ihr gesprochen , als er sie um ein tröstendes Wort , um ein Liebeszeichen gebeten - und sie hatte geschwiegen , sie hatte sich für immer zum Schweigen , zu schrecklicher Einsamkeit verdammt . Ja ! einsam mit ihrer Liebe und mit ihrem Schmerze war sie gewesen , ihr Leben lang . Sie liebte den Bruder , sein Wohl und Wehe fand lebhaften Widerhall in ihrem Herzen ; fremdes Glück erfreute , fremdes Leid betrübte sie . Sie hatte Freunde gefunden , Kunst und Wissenschaft hatten ihr über manche schwere Stunde fortgeholfen ; aber war das Glück ? war das ein Glück , wie sie es in der Jugend gehofft ? Glück wäre es , die Gattin des Geliebten zu sein , in friedlicher Ruhe das Haupt stützen an seine breite Brust , den Schlag des Herzens fühlen , das für mich klopft , und seine Kinder auf den Knien wiegen ! so sprach es in ihr und trostlos schlug sie die Hände zusammen und ließ sie müde niedersinken in den Schooß . Dies Glück war unmöglich für sie und es gab doch kein zweites . Stürmisch und düster wie der Abend war , sah es in ihrem Herzen aus ; sie konnte nicht ruhig verweilen , wo sie eben mit Alfred gelebt hatte ; ihr graute vor der Einsamkeit , sie wollte sich den Qualen entreißen , die in ihr tobten , und eilte in das Zimmer ihres Bruders , um Muth zu fassen in seiner Nähe . Aber das Zimmer war dunkel , Julian war ausgegangen . Drüben in den benachbarten Häusern blitzte helles Licht aus manchen Fenstern , während hinter andern ein kleines Lämpchen schimmerte . Lange blickte sie hinüber : Wer weiß , welche Wunden dort unbeachtet bluten , welche Thränen dort fließen ? und Jeder von uns hält sein Leid für das größte , sein Glück für nothwendig , sagte sie sich . Und wir leiden und jauchzen auf dem großen Ameisenhaufen , den wir stolz die Welt nennen , und über uns gehen die Sterne ruhig und kalt ihre ewig unwandelbaren Wege . Ein schmerzliches Lächeln überflog ihr Gesicht . O ! wer auf den Sternen wäre , in Ruhe und Frieden ! Wer es wüßte , was recht sein wird vor dem Geiste , wenn die Schranken des Irdischen einst fallen , wenn Liebe und Freiheit die einzigen Gesetze sein werden ! rief sie und verstummte vor den heiligen Räthseln . IV Die junge erwartete Hausgenossin war angelangt und Therese hatte sie in ihren eigenen Zimmern eingerichtet . Aus dem Kinde war ein blühendes gesundes Mädchen von sechzehn Jahren geworden , das mit seinen großen , dunkeln Augen sehr verständig umherblickte und sich bald in den fremden Verhältnissen zurecht fand . Ihre Eltern waren nicht eben reich , hatten viele Kinder , deren ältestes sie war , und frühe schon hatte die tüchtige Mutter die Tochter als Hilfe benutzt , wo es im Hause etwas zu schaffen gab . Sie hatte die Eltern oft in Sorgen gesehen , hatte , soweit ihre Einsicht reichte , Theil daran genommen , die jüngeren Geschwister erziehen helfen und in Krankheiten gepflegt . Dadurch war sie praktisch gewandt und über ihre Jahre ernst geworden . Um so anmuthiger erschien es aber , wenn mitten in diesem jungfräulichen Ernst der kindliche Frohsinn zum Ausbruch kam . Therese fand bald Freude an ihrer Gefährtin und vielerlei Beschäftigung durch und für sie . Sie mußte ihr Lehrer auswählen , ihr eine Art Zeiteintheilung machen und auch für ihre Kleidung Sorge tragen , deren ländliche Einfachheit nicht für die Kreise paßte , in denen sich Agnes für jetzt bewegen sollte . Auch Julian nahm Theil an seiner Pflegetochter , wie er sie nannte , und es gefiel ihm gar wohl , wenn er sich Abends nach der Arbeit an den Theetisch setzte , der jetzt für vier Personen gedeckt ward . Oft vermehrte Eva die Zahl der Tischgenossen durch ihre Gegenwart , oder Alfred kam mit seinem Knaben dazu , und man war äußerlich recht heiter beisammen , während die