meine . Das Fräulein hier mag dann den Streit entscheiden , in schwierigen Fällen vertraue ich immer gern dem reinen Sinn der Frauen , die ohne viel zu grübeln recht gut wissen , was Recht , was Unrecht sei , weil sie es fühlen . Es war einmal , fieng Lothario jezt an , da alle schwiegen um ihn anzuhören , es war einmal ein junger Mann , gesund an Leib und Seele , dabei gut , verständig unterrichtet , durch das Geräusch der großen Welt nicht verwöhnt , und doch bekannt genug damit , um sich nicht wieder darnach zu sehnen . Genug , ein Mann , wie er sein muß , um den durch lange Vernachläßigung tief gesunknen Zustand ziemlich weitläuftiger Familiengüter wieder zu heben , die ihm als dem ältesten Sohn seines Vaters , nach dessen unlängst erfolgtem Ableben zugefallen waren . Der junge Majorats-Herr ward zwar bisher von Familienverhältnissen und mancherlei andern Rücksichten , abgehalten sich viel um sein Eigenthum zu bekümmern , doch endlich langt er , nach vieljähriger Abwesenheit und mannichfachen Reisen , ganz unvermuthet auf seinem ziemlich verfallnen Stammschlosse an , mit dem Vorsatz von nun an der Verbesserung des Zustandes seiner armen verwilderten Bauern , und seiner eigenen nicht weniger vernachläßigten Besitzungen , sich ausschließend zu weihen . Sehr überrascht durch dessen Gegenwart , trifft er dort seinen einzigen um mehrere Jahre jüngern Bruder an , den er wunderlicher Weise noch gar nicht kannte , und mit dem er bis jezt auch fast in keiner Verbindung gestanden hatte . Dieser junge eben mündig gewordne Mann hatte einzig deshalb seinen bisherigen Aufenthalt verlassen , um sich in seines ältern Bruders Arme zu werfen . Er war der Sohn einer zweiten Gemalin , des Vaters der beiden Brüder , von der sich dieser nach einer sehr kurzen unzufriednen Ehe getrennt hatte , und lebte von seiner frühesten Kindheit an in Rom , dem Geburtsorte seiner Mutter , wo er in einem Kloster in ihrer Nähe zum geistlichen Stande erzogen ward . Durch die Bemühungen eines sehr mächtigen Oheims mütterlicher Seite , der als Prälat vom ersten Range , und Liebling des heiligen Vaters , fast alles erreichen konnte , was er wollte , erhielt er indessen schon in seiner Kindheit , ganz gegen Gesetz und Regel , die Anwartschaft auf eine Komthurei des Maltheserordens , und war jezt im Begriff diese anzutreten und zugleich das Ordensgelübde abzulegen . Die Lage des jungen Herrn war also nichts weniger als beklagenswerth , indem er statt der Tonsur das Maltheserkreuz erhalten sollte , und eigentlich hätte er sich glücklich preisen können , aber unglücklicherweise war er verliebt , zum Sterben verliebt ! oder bildete sich vielleicht nur ein es zu sein . Ein wunderschönes zum Reichsein erzognes und dabei blutarmes Fräulein war die Dame seines Herzens , deren Eltern ihrer Schönheit wegen gewaltig hoch mit ihr hinaus wollten , so wie sie selbst auch , und mit der folglich an ein glückliches Hüttenleben gar nicht zu denken war . Ueberhaupt sollten Verliebte an dergleichen nie denken , wenn sie nicht von Jugend auf daran gewöhnt sind . Doch dies nebenher . Daß der junge Herr also lieber heurathen als Maltheser werden wollte , war wohl natürlich , und daß er seinem Bruder Tag und Nacht seine Liebesklagen vorjammerte , war es auch . Was thut nun der ältere Bruder ? statt dem jungen angehenden Ritter vernünftig zuzureden , läßt er sich durch die Pinseleien desselben so weichherzig machen , daß er gar nicht einmal recht untersucht , ob diese Liebe ächt und vernünftig sei . Er spielt lieber den Großmüthigen ; er tritt alle Rechte seiner Erstgeburt und mit diesen alle seine Besitzungen dem jüngern Bruder ab , um ihm dadurch sein Liebchen zu erkaufen , und nimmt an dessen Stelle das Maltheserkreuz und die Komthurei , wozu ihm des Jüngern geistlicher Oheim in Rom mit tausend Freuden behülflich ist ; freilich fand dieser , aus tausend Gründen , seine Rechnung dabei , wenn er auf diese Weise dem Sohn seiner Schwester zu den reichen Besitzungen verhalf . Die Welt nun nennt diese Handlung großmüthig , ich nenne sie nicht nur verrückt , sondern auch höchst ungerecht gegen sich und die armen Unterthanen , die von der Natur an den ältern Bruder gewiesen waren , um aus ihrem jetzigen unglückseeligen Zustand zu kommen . In seinem großmüthigen Paroxismus überantwortete dieser sie nun einem verliebten Knaben , dessen mönchische Erziehung ihn unfähig gemacht hat , für die armen Leute zu sorgen , und der sich vermuthlich eben so wenig um das bekümmern wird , was hier Noth ist , als seine Vorfahren es seit den lezten hundert Jahren gethan haben . Entscheiden Sie nun , mein Fräulein , ob meine Ansicht die rechte sei , sezte Lothario jezt mit einer Verbeugung gegen mich hinzu . Uebrigens habe ich die Geschichte nicht etwa ersonnen ; vor einigen Monaten wohnte ich als Zeuge der feierlichen Uebergabe der Güter bei . Vielleicht kennen sogar einige in der Gesellschaft den Großmuths-Helden . Er heißt Bernhard von Leuen , und hat sich wie ich höre auch hier eine Zeitlang aufgehalten . Um das Maaß seiner Thorheit voll zu machen , gieng er , da ich ihn verließ , nach Venedig , um sich von da nach Valetta einzuschiffen ; dort muß er jezt längst angelangt sein ; er war Willens , wenigstens einige Jahre in jenem Hauptsitz seines Ordens zu verweilen . Alle Anwesenden beinahe hatten Bernhard von Leuen gekannt , und der Antheil , den Lothario ' s Erzählung erregte , war so groß und stürmisch , daß die Streitfrage , welche dieselbe herbeigeführt hatte , zum Glück darüber nicht weiter zur Sprache kam . Wie dankte ich Gott , als ich nach dieser Scene mit mir und meinem Schmerz mich endlich ohne Zeugen befand ! Alles , woran ich seit Bernhard mich verließ unablässig gearbeitet hatte , das ganze aus Sehnsucht und Hoffnung künstlich zusammengesetzte Gebäude meiner Ruhe war nun mit