anerkennen müssen , so habe ich Steins Hand angenommen , der grade seine Bewerbung bei meiner Mutter erneuerte . Stein ! rief Luise ganz entrüstet ; Emilie , wo denken Sie hin , dies edle Gemüth wollen Sie hintergehn ! Gott bewahre mich , erwiederte jene , ich will ihn gewiß recht glücklich machen . Mit diesem getheilten Herzen ? fragte Luise . O das wird schon ruhiger schlagen lernen , entgegnete Emilie ; und dann sagt Mutter , Pflicht und Gewohnheit ersetzten jede heftigere Neigung , und wenn ich sie selbst betrachte , so bin ich sehr geneigt , es zu glauben ; sie lebte immer zufrieden an meines Vaters Seite , und ich bin gewiß , sie hat ihn nie geliebt . Aber Ihre Mutter selbst , unterbrach sie Luise , war früher so entschieden gegen eine Verbindung mit Stein . So lange nur , erwiederte Emilie , als sie fürchtete , seine Leidenschaft könne mich unnatürlich entzünden , und , wie sie sagt , unversehens in eine Welt zaubern , in der ich höchst unbehaglich zu mir selbst kommen würde . Jetzt aber , da ich ihn mit ruhigem Gemüth allein aus Vernunft heiraten will , sieht sie weiter keine Gefahr für mich , und ist sehr gewiß , daß ich immer die Verschiedenheit unsrer Wege anerkennen , und durch Nothwendigkeit gehalten , den meinen recht still fortgehn werde . Luise ward lebhaft von der Herabwürdigung der allerheiligsten Verbindung ergriffen , die man hier , wie so oft im Leben , augenblicklichen Zwecken unterordnete , und rief daher , ganz rücksichtslos auf die Baronin : liebe Emilie , man täuscht Sie ! man täuscht Sie absichtlich ! Sie wissen nicht , was es beißt , eine verfehlte Wahl ; Sie ahnden den Kampf gutgearteter Naturen nicht , die vielleicht ein langes Leben hindurch mit Theilnahme und Mitleid und den eignen qualvollen Wünschen ringen müssen . Noch viel weniger fühlen Sie , was dadurch in Ihnen verloren geht . Das Unschuldigste wird Ihnen unter den Händen zur Schuld ; Frevel und Sünde treten Ihnen unversehens immer näher und näher , und fassen und halten Sie , bis die Ruhe und das Glück Ihres Lebens auf ewig vergiftet sind . Freilich , freilich ! sagte Emilie , einigermaßen erschüttert ; aber Mutter behauptet , einer Frau , die das Pflichtmäßige ihrer Verhältnisse nicht von selbst vor jeder Gefahr sichre , sei überhaupt nicht zu helfen . Kleine Abweichungen von der gewohnten Ordnung gehören der ungebundnen Jugend an . Wie wir aber in die wirkliche Welt treten , fasse uns der Ernst unsrer Bestimmung unwillkührlich an , und dränge uns unbewußt in den gemeßnen Gang häuslicher Thätigkeit ; die Gewohnheit fände sich von selbst ein , und das ganze geträumte Wesen der Jugend liege plötzlich weit , weit hinter uns . O mein Gott ! sagte Luise , so ist denn die Ehe nichts als ein bürgerlicher Verein , so wie noch tausend Andre , in denen Absichtlichkeit und Gesetz die Menschen zusammenhalten . Ihr reines Element wird ein trüber Sumpf , und die freieste Gabe des Herzens ein knechtisches Naturgebot ! Aber wenn Sie sich auch finden lernen , fuhr sie gemäßigter fort , was soll aus dem Unglücklichen werden , dem sie so zuversichtlich die schwere Kette über den Nacken werfen ? Wagen Sie es , auch für ihn gut zu sagen ? Liebe Emilie , hoffen Sie nicht , ihn in den breiten Weg der Alltäglichkeit hineinzuziehn ! In Steins Seele ist ein heller Tag aufgegangen ; er macht andre Anforderungen an das Leben , als Sie es wünschen ; ein volles , inniges Dasein will er mit Ihnen theilen . O Emilie , wenn diese höchst einfachen Anforderungen Sie drücken , und Sie das treue , begehrliche Herz durch Unvermögen , es zu begreifen , zerreißen werden , hoffen Sie dann noch , Ihren Weg still und ungestört fortzugehn ? Wahrhaftig , sagte die Kleine halb weinend , Sie machen mich ganz bange ! Ich habe das immer dunkel gefühlt . Aber es ist ja auch noch nicht alles verloren . Verlassen Sie mich nur nicht , beste Luise , ich bitte Sie , versagen Sie uns Ihre Begleitung nicht . Auguste kam hier auch herzu , und sagte noch vieles und manches über das unsichre Schwanken unsers Willens , und wie unersprieslich es sei , einen Entschluß zu verschieben , zu dem uns die innre Neigung vielleicht längst aufgefordert habe , so daß sich Luise entschied , und der folgende Tag zu ihrer Aller Abreise bestimmt ward . Das ganze Haus gerieth bei dieser Nachricht in freudige Bewegung . Mariane sah nach monatlicher Trauer mit Entzücken einer willkommnen Veränderung entgegen , und auch für Luisen hatte die kleine Reise und die Aussicht in ein beweglicheres Leben , etwas Erfreuliches , ohnerachtet eine innre Bangigkeit sie wohl zuweilen die Neuheit ungewohnter Verhältnisse vorempfinden ließ . Als sie am folgenden Morgen früh im halben Dämmerlicht an des Predigers Wohnung vorüberfuhren , öffnete Minchen schnell die Vorhänge und winkte Luisen noch ein herzliches Lebewohl zu . Diese ward innig dadurch gerührt . Der zitternde Tagesschein , der die Gegenstände mehr in einander schmolz , als bezeichnete , gab der Gestalt etwas schattenartiges , das Luisen unwillkührlich ergriff . Nur den tiefen Schmerz , den sie Minchen kannte , glaubte sie in ihren bleichen Zügen gesehen zu haben . Ihr war , als haben die weißen Arme , die sie grüßend bald hob und neigte , gestrebt , sie zurückzuhalten . Ihre Bewegung entging ihren Begleiterinnen nicht . Sie drangen in sie , und Luise sprach mit Wärme von Minchens Leiden und der stillen Ergebung , mit der sie sie trage , was Emilien häufige Thränen entlockte , Augusten aber in ein augenblickliches Nachdenken versenkte , aus welchem sehr bald folgende Worte hervorgingen . Mich dünkt doch , hub sie an , es sei keine rechte Einheit in diesem Gemüth ! Entweder sie erwartet noch etwas vom Leben ,