Zweige und was nur irgend keimte , herbeiholen und zur täglichen Zierde der Zimmer und des Tisches verschwenden , daß Ottilie und der Gärtner nicht wenig gekränkt waren , ihre Hoffnungen für das nächste Jahr und vielleicht auf längere Zeit zerstört zu sehen . Ebensowenig gönnte sie Ottilien die Ruhe des häuslichen Ganges , worin sie sich mit Bequemlichkeit fortbewegte . Ottilie sollte mit auf die Lust- und Schlittenfahrten , sie sollte mit auf die Bälle , die in der Nachbarschaft veranstaltet wurden ; sie sollte weder Schnee noch Kälte noch gewaltsame Nachtstürme scheuen , da ja soviel andre nicht davon stürben . Das zarte Kind litt nicht wenig darunter , aber Luciane gewann nichts dabei ; denn obgleich Ottilie sehr einfach gekleidet ging , so war sie doch , oder so schien sie wenigstens immer den Männern die Schönste . Ein sanftes Anziehen versammelte alle Männer um sie her , sie mochte sich in den großen Räumen am ersten oder am letzten Platze befinden ; ja der Bräutigam Lucianens selbst unterhielt sich oft mit ihr , und zwar um so mehr , als er in einer Angelegenheit , die ihn beschäftigte , ihren Rat , ihre Mitwirkung verlangte . Er hatte den Architekten näher kennen lernen , bei Gelegenheit seiner Kunstsammlung viel über das Geschichtliche mit ihm gesprochen , in andern Fällen auch , besonders bei Betrachtung der Kapelle , sein Talent schätzen gelernt . Der Baron war jung , reich ; er sammelte , er wollte bauen ; seine Liebhaberei war lebhaft , seine Kenntnisse schwach ; er glaubte in dem Architekten seinen Mann zu finden , mit dem er mehr als Einen Zweck zugleich erreichen könnte . Er hatte seiner Braut von dieser Absicht gesprochen ; sie lobte ihn darum und war höchlich mit dem Vorschlag zufrieden , doch vielleicht mehr , um diesen jungen Mann Ottilien zu entziehen - denn sie glaubte so etwas von Neigung bei ihm zu bemerken - , als daß sie gedacht hätte , sein Talent zu ihren Absichten zu benutzen . Denn ob er gleich bei ihren extemporierten Festen sich sehr tätig erwiesen und manche Ressourcen bei dieser und jener Anstalt dargeboten , so glaubte sie es doch immer selbst besser zu verstehen ; und da ihre Erfindungen gewöhnlich gemein waren , so reichte , um sie auszuführen , die Geschicklichkeit eines gewandten Kammerdieners ebensogut hin als die des vorzüglichsten Künstlers . Weiter als zu einem Altar , worauf geopfert ward , und zu einer Bekränzung , es mochte nun ein gipsernes oder ein lebendes Haupt sein , konnte ihre Einbildungskraft sich nicht versteigen , wenn sie irgend jemand zum Geburts- und Ehrentage ein festliches Kompliment zu machen gedachte . Ottilie konnte dem Bräutigam , der sich nach dem Verhältnis des Architekten zum Hause erkundigte , die beste Auskunft geben . Sie wußte , daß Charlotte sich schon früher nach einer Stelle für ihn umgetan hatte ; denn wäre die Gesellschaft nicht gekommen , so hätte sich der junge Mann gleich nach Vollendung der Kapelle entfernt , weil alle Bauten den Winter über stillstehn sollten und mußten ; und es war daher sehr erwünscht , wenn der geschickte Künstler durch einen neuen Gönner wieder genutzt und befördert wurde . Das persönliche Verhältnis Ottiliens zum Architekten war ganz rein und unbefangen . Seine angenehme und tätige Gegenwart hatte sie wie die Nähe eines ältern Bruders unterhalten und erfreut . Ihre Empfindungen für ihn blieben auf der ruhigen , leidenschaftslosen Oberfläche der Blutsverwandtschaft ; denn in ihrem Herzen war kein Raum mehr ; es war von der Liebe zu Eduard ganz gedrängt ausgefüllt , und nur die Gottheit , die alles durchdringt , konnte dieses Herz zugleich mit ihm besitzen . Indessen je tiefer der Winter sich senkte , je wilderes Wetter , je unzugänglicher die Wege , desto anziehender schien es , in so guter Gesellschaft die abnehmenden Tage zuzubringen . Nach kurzen Ebben überflutete die Menge von Zeit zu Zeit das Haus . Offiziere von entfernteren Garnisonen , die gebildeten zu ihrem großen Vorteil , die roheren zur Unbequemlichkeit der Gesellschaft , zogen sich herbei ; am Zivilstande fehlte es auch nicht , und ganz unerwartet kamen eines Tages der Graf und die Baronesse zusammen angefahren . Ihre Gegenwart schien erst einen wahren Hof zu bilden . Die Männer von Stand und Sitten umgaben den Grafen , und die Frauen ließen der Baronesse Gerechtigkeit wider fahren . Man verwunderte sich nicht lange , sie beide zusammen und so heiter zu sehen ; denn man vernahm , des Grafen Gemahlin sei gestorben , und eine neue Verbindung werde geschlossen sein , sobald es die Schicklichkeit nur erlaube . Ottilie erinnerte sich jenes ersten Besuchs , jedes Worts , was über Ehestand und Scheidung , über Verbindung und Trennung , über Hoffnung , Erwartung , Entbehren und Entsagen gesprochen ward . Beide Personen , damals noch ganz ohne Aussichten , standen nun vor ihr , dem gehofften Glück so nahe , und ein unwillkürlicher Seufzer drang aus ihrem Herzen . Luciane hörte kaum , daß der Graf ein Liebhaber von Musik sei , so wußte sie ein Konzert zu veranstalten ; sie wollte sich dabei mit Gesang zur Gitarre hören lassen . Es geschah . Das Instrument spielte sie nicht ungeschickt , ihre Stimme war angenehm ; was aber die Worte betraf , so verstand man sie so wenig , als wenn sonst eine deutsche Schöne zur Gitarre singt . Indes versicherte jedermann , sie habe mit viel Ausdruck gesungen , und sie konnte mit dem lauten Beifall zufrieden sein . Nur ein wunderliches Unglück begegnete bei dieser Gelegenheit . In der Gesellschaft befand sich ein Dichter , den sie auch besonders zu verbinden hoffte , weil sie einige Lieder von ihm an sie gerichtet wünschte , und deshalb diesen Abend meist nur von seinen Liedern vortrug . Er war überhaupt , wie alle , höflich gegen sie , aber sie hatte mehr erwartet . Sie legte es ihm einigemal nahe , konnte