Er grüßte Alle mit erschöpfender Anstrengung , und wurde dann eilig von herzueilenden Ärzten auf ein bequemes Lager gebracht . Rodrich harrte am Eingange des Zeltes in dumpfer Erstarrung auf den entscheidenden Ausspruch des Arztes . Er kannte sein Unglück , er hatte die tiefe Wunde in der Brust gesehen , er durfte nicht hoffen , und dennoch zitterte er heftig , als Stephano herausstürzte , und die zurückgehaltenen Thränen an seinem Busen ausweinte . Er wagte es nicht , ihn zu fragen , die Gewißheit war ihm schrecklicher , als jene betäubende , hinhaltende Furcht . Beide schwiegen , der Arzt ging wehmüthig an ihnen vorüber . Niemand sagte ihm ein Wort , so traten sie wieder an das Bett des Kranken , der nach dem schmerzlichen Verbande einen Augenblick schlief . Die Nacht war indeß herauf gezogen . Eine laue , heitre Luft säuselte durch die halb geöffneten Zelt-Vorhänge . Auf der weiten Ebne brannten Wacht- und Lagerfeuer , still und erschöpft ruheten die müden Krieger , über ihnen glänzte der Himmel im heiligen , verklärten Lichte ewigen Friedens . Rodrich und Stephano lauschten auf die stockenden ungleichen Athemzüge des Grafen , der sich öfter regte , und im Schlafe unzusammenhängende Worte und einzelne Nahmen laut werden ließ . Rodrich ward sehr erschüttert , als er ihn mehreremale mit vieler Anstrengung , Eusebio , Eusebio , rufen hörte . Die Vorstellungen verwirrten sich , er glaubte wieder ein Kind , an des sterbenden Freundes Lager zu sitzen , dunkle Ahnungen durchflogen ihn , er beugte sich über das bleiche Angesicht und ihm war , als lägen zwei Gestalten in dem engen Bette . In dem Augenblick erwachte der Graf . Er schien gestärkt , blickte klar und sicher um sich her , verlangte , daß man das Zelt noch mehr öffnen solle , und freuete sich der Ruhe und Ordnung im Lager . Sein heiteres Gespräch goß einen Strahl von Hoffnung in die Herzen beider Freunde , doch bald ward er ganz still , seufzte mehreremale tief , und schien auf ' s neue zu schlafen . Rodrich hatte seine Hand gefaßt , und als er sah , daß er unverwandt nach dem Lager blickte , wagte er es , ihm einige leise Fragen zu thun . Mein Sohn , erwiederte er , der Tod ist viel mehr , als man glaubt , es sollten sich die Fäden langsam lösen , die uns an die Welt fesseln , oft reißen sie aber gewaltsam , und die Sehnsucht und der Schmerz halten uns hier noch lange gefangen . Vieles bleibt so unvollendet und zerstückt hinter uns liegen , und scheint uns mit tausend Stimmen zurück zu rufen , wenn gleich eine höhere Hand es anders und besser beendigen kann . Auch du liegst mir schwer auf dem Herzen . Ich kann nun wenig mehr für dich thun . Nimm die Schreibtafel , die dort in dem Kästchen liegt . Sie enthält Papiere , die du meinem Freunde , dem General überbringen sollst , er wird weiter für dich sorgen . Rodrich , sagte er nach einer Weile , als Alle um ihn her weinten , den Krieger müssen heitre Blicke zum Grabe geleiten , laß dich nicht so gewaltsam beugen , dir bleibt viel zu thun übrig . Dein Schicksal wird dich noch wunderbar führen . Ich erkannte dich früher . Eusebio war mein Bruder . Zerreiße das bunte Gewebe nicht , laß die Zeiten an dir vorüber gehen , es waltet und wechselt die ewige Gottheit in wunderbarer Gestalt , neige dich vor ihrem unerforschlichen Willen , und trachte nicht vermessen , das Dunkel aufzuhellen . Ich habe in dieser Nacht viel erfahren . Es ist wenig mit diesem Leben , und doch wieder so viel , so unendlich viel ! Er schwieg , Rodrich glaubte nichts Neues zu erfahren , ihm war , als habe er immer Eusebio ' s Bruder in dem geliebten Wohlthäter geehrt , es kam ihm auch alles ganz gewohnt und natürlich vor . Er forschte nicht weiter nach , alle Neugier ward durch den heiligen , verklärten Blick des Sterbenden zurück gedrängt . Er wußte selbst nicht deutlich , was er fühlte und dachte , er sah nichts , als das Eine , was diesen bangen , ängstigenden Augenblick ausfüllte . So hatten sie mehrere Stunden schweigend neben einander verweilt . Da drang die Trompete , die im Lager zum Satteln rief , schneidend durch die heilige tiefe Stille . Der Graf fuhr gewaltsam empor , er winkte mit der Hand , und blieb einen Augenblick aufgerichtet in einer angestrengten Stellung , als wolle er dem Rufe folgen ; wie der schmetternde Ton verhallte , sank er zurück , und lag starr und todt an Rodrichs blutendem Herzen . Zweites Buch Viele Tage waren seit dem Tode des Grafen verflossen . Der alte Held ruhete längst in starrer , winterlicher Erde . Alle Klagen und Thränen waren in die stille Gruft versenkt . Wie ausgestorben lag die verödete Gegend . Kein lebendiger Hauch drang hindurch . Stumm ging der Tod und das Elend hinter dem verscheuchten Bewohner , der unsichern Trittes die Trümmer seiner Heimath aufsuchte . Weit hin vor trotzigen Festen lag das siegreiche Heer , und erkrankte im ermüdenden Belagerungskriege . Rodrich sah mit erschöpftem Geiste auf die unerschütterliche Ausdauer seines neuen Gönners . In und um ihn war alles verwandelt . Die geträumte Lust reichte nicht über einzelne Momente der Erwartung hinaus . Der Gedanke hatte ihn erschüttert , gehoben , die That verblich in den schaalen Gebilden des Lebens ! Wie er etwas anfaßte , so schwand der Zauber , und das nackte Gerüst trat schauerlich vor seine begehrlichen Sinne . Spottend blickte er auf sich und die Menschen , die immer auf ' s neue die abgerissenen Fäden wieder anknüpfen , um das trügerische Labyrinth zu durchirren , und dennoch war nirgend ein Stillstand , und alle Ruhe , Ohnmacht überreizter Begier . Er suchte das ewig