hin , wo Neuangekommene erzählten : Zwei Mönche hätten in letzter Nacht Kloster Himmelpfort verlassen und wären Eremiten im winterlichen Walde geworden ... Die Namen der Mönche und den Wald konnte man nicht bezeichnen ... Bonaventura schwieg zu Allem ... Er kannte das Märchen von der versunkenen Kirche ... Ihre Glocke klang und klang und Niemand wußte , wo die Kirche gestanden ... Am Meer sagen die Schiffer , sie läge im Wellenschoos , wie ein mahnender Zeigefinger gen oben rage ihr Thurm zuweilen über dem Spiegel auf ... Die Jäger kennen die verlorene Kirche im Walde ... auch da läutet sie unsichtbar ... So tönte für Bonaventura durch alles , was Paula that und sprach und die Welt um sie her that und sprach , nur der eine Glockenton : Dem bin ich - im Walde - im Meere - im Tode - Zu Aller Interesse wurde plötzlich Frau von Sicking gemeldet ... Bonaventura hörte auch das nicht ... Im Walde - im Meere - im Tode - Paula hatte den gemeldeten Besuch , der zu gleicher Zeit eine Begrüßung von Seiten Lucindens sein konnte , erwarten dürfen ... Sie wollte ruhig bleiben , ruhig sich ergeben und doch richtete sie sich auf ... Nicht wie in bebender Erwartung vor Lucinden ... Schon im physischen Schmerz ... Noch ehe Lucinde im Vorsaal sein konnte , fühlte sie wie mit einem elektrischen Schlag schon die Annäherung ihres Gegenpols ... Armgart , die umirrend , wie sie war , Lucinden unten gesehen hatte , war heraufgeeilt , sah schon die Wirkung , die sie kannte , umschlang die Freundin , wollte sie hinwegführen ; doch diese blieb und lächelte wie immer zu ihrem Schmerz ... Die Anwesenden alle - Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoß , Frau von Stein , Gräfin Münnich , Gräfin Styrum-Schorum , Fräulein von Merwig , Fräulein von Absam , die alle nun schon über Lucinden unterrichteter waren und die Verhältnisse annähernd übersahen - nahmen Paula ' s Lächeln für Takt und große Güte . Sie verwiesen mit strafendem Blick dem Fräulein von Tüngel-Appelhülsen ihren laut ausbrechenden Hohn über die » Person , welche « - Lucinde erschien in Begleitung der Frau von Sicking und war eine Büßerin geworden ... Frau von Sicking , die zu jener Gattung der weiblichen Tartüffes gehörte , bei denen man ihrer Unergründlichkeit wegen besser thut , ihre Gottseligkeit einfach anzuerkennen und sie wirklich für das zu nehmen , wofür sie erscheinen wollen , ließ Lucinden in den Vordergrund treten und fand es vollkommen in der Ordnung , daß Gräfin Paula sogleich von ihr auf die Ueberraschung durch ihre ehemalige Gesellschafterin im orthopädischen Institut überging ... Sie selbst beobachtete die Mienen Bonaventura ' s ... Sie sind es , Lucinde ! sprach Paula , Lucinden die Hand reichend ... Erst so wenig Jahre getrennt und eine Ewigkeit ist ' s ... Meine Tante Benigna von Ubbelohde das ! ... Meine Freundin Armgart von Hülleshoven ... So stellte Paula mit der mildesten Miene die Nächsten vor und erst , wie sie an Bonaventura kam , stockte die Rede ... Bonaventura erwachte aus seinen Träumen ... Er verfärbte sich über den plötzlichen , unerwarteten Anblick , wurde dunkelroth und verneigte sein Haupt - der ihn anredenden Frau von Sicking ... Er sprach und sprach zu dieser und doch rief es nur in seinem Innern : Paula und Lucinde ! ... War es wie Tag und Nacht , die da zusammenstanden , dann drückte nicht die bräunliche schwarzäugige Lucinde mit ihren Augenbrauen und aufgeworfenen Lippen die Nacht und Paula mit ihrem blonden Haar und rosig lichten Wangen den Tag aus - umgekehrt war ' s ... Paula war die träumerische Nacht , die Nordlandsmaid , die Mondpriesterin ; Lucinde der Tag , die Tochter tropischer Zonen , die Sonnenjungfrau ... Dort Gefühl und Ahnung in jedem Blick , gestaltungsloses Sehnen , krankhafte Gebundenheit der Sinne ; hier Verstand , Wachsamkeit , Willenskraft und Beherrschung der Leidenschaften bis zur schneidenden Kälte ... Beide in Trauertracht ... Paula ' s Kleid ein glänzender , rauschender Atlasstoff ; Lucindens ein hochgehendes , den braunen Hals verdeckendes geflammtes Moirée ... Paula ' s Haar niedergleitend über die Schläfe in langen Locken , im Nacken die Flechten in schwarzen Kreppbändern verloren ... Lucinde trug ihren Hut mit der Reiherfeder ... Sie gab sich so , daß die adeligen Herrschaften Mühe hatten , aus ihrer » Tournüre « heraus die » Schulmeisterstochter « zu erkennen , als die sie ihnen nun bekannt war ... Frau von Sicking ' s vor einigen Tagen schon beabsichtigter Besuch hatte erst heute zur Ausführung kommen können und Lucinde kam in der That zu Gruß und Abschied zugleich ... Ihre nächste Mission war erfüllt ... Wohin Hubertus den Brandstifter geborgen , erfuhr sie nicht , aber gestern Nacht noch beim Abendgebet im Münster kniete er hinter ihr und sprach : Alles ist geschehen ! Seien Sie ruhig , ziehen Sie in Frieden und sorgen Sie jetzt nur für die beiden Eremiten , die in der Residenz des Kirchenfürsten und wenn sie mit den ersten Lerchen nach Rom ziehen sollten , einen Anwalt bedürfen werden ! ... Schon im Hof hatte sich Lucinde von ihrem Entsetzen über die Brandstätte gesammelt , ihre Empfindungen über » den falschen Isidor « , der auf so fragwürdige und in ihren Folgen entscheidende Weise die junge Gräfin zur reichsten Erbin des Landes machte , geordnet , ebenso wie über den Anblick einer Ekstatischen , die zur heiligen Hildegard erhoben werden sollte und vielleicht im Traumschlaf sah - wo Dionysius Schneid verborgen war und wie Nück auf Lucindens Rückkehr harrte ... Frau von Sicking war im vollen Strom der Erörterungen ... Beileidbezeugend über den schreckhaften Brand , glückverheißend zum folgenreichen Fund der Urkunde ... Ihre Sprechweise war leise ... Alle räumten ihr den Vorrang ein , daß man schwieg , um sie besser hören zu können ... Man saß jetzt ... Nur Bonaventura stand noch rückgelehnt am Fenster ... Auch Armgart an der Stuhllehne Paula