vor dem Vater den Vorsprung hatte - wie sprach Terschka von ihr ! Mit welchem Interesse ! War alles , was er ihr in diesen Tagen an Huldigungen bewiesen , an Freundlichkeiten ihr abgerungen hatte , vergessen bei dem Gedanken : So nahe ist die » seltene Frau « , wie er sie nannte ? ... Wie konnte dabei das Recht ihres Vaters bestehen ? ... Sie hätte das Schloß wach rufen mögen ... Doch wagte sie nicht das Zimmer zu verlassen , da sie vor Terschka immer mehr ein Grauen befiel und sie düstere Ahnungen bekam ... Die finsterste und abgelegenste Gegend des Schlosses hatte er genannt ... Der Entschluß stand fest , daß Armgart morgen nicht im Schlosse blieb . Sie wollte auf irgendeine Art nach Witoborn zu entkommen suchen . Erst bei Hedemann wollte sie forschen und dann bis aus weiteres zu den Frauen im Witoborner Clarissenkloster flüchten ... So schlief sie spät ein ... Im Traum erschienen ihr Engel und Teufel im bunten Gemisch ... Auch Hedemann war unter den Teufeln ... Er war ihr bei jeder Begegnung strenger und strenger geworden ... Er verwarf ihre Grundsätze und ihr ganzes Leben auf dem Schlosse ... Er nannte die Art , wie man ihn dort empfangen und wie man noch jetzt die bevorstehende Rückkehr des Obersten entgegengenommen hätte , eine für diesen ehrverletzende ... Auf ein Urtheil , das sie , um diese Art zu entschuldigen , gegen den Vater auszusprechen wagte , unterbrach er sie mit dem Apostel ( 1 Kor . ) : » Ihr Kinder seid gehorsam den Aeltern in allen Dingen ; denn das ist dem Herrn gefällig - ! « Am Morgen erfuhr sie , daß sie nicht allein es war , die eine unruhige Nacht durchlebt hatte ... Im Gegentheil , ihre erschöpfte Natur bedurfte der Stärkung und hatte diese nach Mitternacht in einem tiefen , wenn auch kurzen Schlaf gefunden . So hatte sie nichts von dem Klingeln vernommen , das indessen alle Schloßbewohner erschreckte ... Paula , erfuhr sie am Morgen , war so unwohl gewesen , daß man zum Arzt hätte schicken wollen ... Sie war aufgestanden und durch die Zimmer gegangen wie eine Nachtwandelnde , hatte mit sich gesprochen und Dinge thun wollen , deren Zusammenhang Niemand verstand ... Ihre Dienerinnen hatten die Tante rufen müssen ... Diese rief dem Onkel ... Paula weinte , riß die Thüren auf und hörte keine der liebevollsten Beschwichtigungen ... Der Onkel faßte ihren Zustand als die natürliche Folge des neuen Erlebnisses , als die jetzt freiwerdende langjährige Spannung des Herzens und der Furcht auf ... So wäre es immer im Menschen , sagte er ; die Gefühle hätten ihre Gesetze , wie die Mechanik ... Das sprach er höchst feierlich im gewirkten großblumigen grünseidenen Schlafrock und sein komischer Anblick störte dabei für Niemanden den erschütternden Eindruck , den Paula machte , die bis zum Morgen mit sich auflockernden Haaren hochaufgerichtet und geisterhaft dahinschritt und alle gerade durch ihr Schweigen und das eigene Nichtdeutenkönnen ihrer Thränen erschreckte ... Gegen Morgen schlief sie ein und konnte dann den Vormittag über nicht gestört werden ... Mit den Zimmern am Cavaliersaal hatte es seine Richtigkeit ... Einer der Diener gestand es Armgart ... Man erwartete die Mutter ... Mit den Blumen Terschka ' s sah es ebenso aus ... Sie standen in zierlichen Basen oben auf dem Tische ... Auch den Brief an die Mutter hatte Terschka zurückgelassen ... Diesen aber nahm Armgart mit Gewalt an sich , um - sagte sie , ihn selbst abzugeben ... Der Tante klopfte sie noch vor dem Frühstück an ihre Thür mit den Worten : Also die Mutter kommt ? ... Ja , Armgart ! hieß es hinter dieser Thür . Aber ich sage dir , daß ich Schonung verlange ! Wir gehen Tagen entgegen wie zum Jüngsten Gericht ! ... Dies starke Wort schnitt alles ab und trotzdem rauchte der Onkel den Corridor entlang kommend seine Pfeife und trug große schweinslederne Chroniken unterm Arm , in die die Urkunde eingelegt war ... Richtig , Armgart ! Ja , auch das erreicht jetzt sein natürliches Ziel ! sagte er . Ordne getrost deine kleine Welt einer höhern unter ; deine Mutter trifft heute Abend ein und sei ihr ein gehorsames Kind ! Ich bin entzückt von ihren Briefen . Daß sie mit meinem Bruder nicht zusammentreffen will , verdenk ' ich ihr nicht - Solche aus dem Verstand geschlossene Aussöhnungen erhalten sich nicht ... Wie der Onkel das sagte , erscholl in weiter Ferne eine gewaltige Erschütterung der Luft ... Sieh , sieh ! sprach Levinus und horchte auf . Das ist die Salve , die die Husaren dem Landrath ins Grab mitgeben ! ... Noch eine zweite folgte ... Still ! So ehrt man einen ehemaligen Krieger ! ... Eine dritte ... Ruhe seiner Asche ! ... Der Onkel klopfte die Asche seiner Pfeife aus und ging ... Armgart blieb bei ihrem Entschluß zur Flucht ... Nur deshalb schwieg sie zu allem und entfernte sich ruhig ... Im Lauf des Vormittags entwickelte sich die wunderbare Begebenheit der entdeckten Urkunde immer mehr in ihren Folgen und in den Echos , die dergleichen in den Gemüthern hervorruft ... Die einen fanden hier einen Triumph der alleinseligmachenden Kirche ; die andern beklagten im stillen die gestörte Aussicht auf merkwürdige und unterhaltende Veränderungen ... Mancher hätte aber auch wieder fürchten müssen , in seinem bisherigen Verhältniß wenn nicht zu Westerhof , doch zu den übrigen Besitzungen der Dorstes gestört zu werden . Diese jubelten ... Bei wieder andern zeigte sich jener Zug der menschlichen Natur , daß man sich selbst an Unangenehmes zuletzt nicht gern umsonst gewöhnt haben will . Die Tante merkte hie und da dergleichen und sagte einigen der so sonderbar erstaunenden Besucher : Es ist Ihnen wol gar nicht einmal recht , daß wir hier im Besitze bleiben ? ... Mit dem geraubten Briefe auf dem Herzen , im Herzen zunächst mit dem Gedanken an eine Anfrage