fragte Dankmar . Siegbert antwortete nicht ... schüttelte aber zuletzt entschieden sein ernstes Haupt . Und Olga ? Siegbert schwieg wiederum und blickte zur Erde nieder . Du hast vielleicht , fuhr Dankmar , um die drückende Stimmung zu erleichtern , scherzend fort , du hast vielleicht ein Gefühl wie ich gestern . Der Gegensatz reizt , die Ungleichartigkeit der Naturen stachelt ? Sage mir lieber , unterbrach Siegbert , was du empfindest , seit du weißt , daß der Knabe , der deinen so hochverehrten Ackermann begleitete , kein Knabe , sondern ein Mädchen ist ? Dankmar sah betroffen auf . Du bist scharf , erwiderte er nach einer Weile . Ich glaube , wenn ich mich im Spiegel untersuchte , ich würde finden , daß ich erröthete . Bin ich roth geworden ? Blaß und marmorgelbgraukalt wie immer , sagte Siegbert vorwurfsvoll . Dann lügt mein Gesicht ! antwortete Dankmar . Ich kann mich an meine Freunde im Ullagrunde nie ohne tiefste Erregung gemahnt sehen . Ich sage gemahnt ! Denn , wenn ich ihrer gedenke , ist ' s nicht Erinnerung nur , sondern wie Vorwurf . Selma und Olga ! sagte Siegbert . Was darf man für so beginnende , noch im grünen Kleide versteckte Knospen fühlen ? Ehrfurcht ! sagte Dankmar . Heilige Scheu ! Oft versink ' ich in ein stilles Grübeln . Ich bin dann im Walde von Hohenberg , in der Ferne rauscht die Mühle , der Specht hackt im Baume , die Vögel singen , ich schreite mit Selma durch die junge Eichenschonung . Sie spricht ebenso heiter , so klar , so nachdenkend wie damals , als ich nicht wußte , welch ' ein Zauber mich zu ihr zog . Wie mag als Mädchen sein ? Ich träume davon . Wenn ich gearbeitet habe und aufblicke , steht sie vor mir in leichtem weißen Kleide . Sie ist immer um mich . Ich scherze schwesterlich mit ihr . Weißt du unser kleines Schwesterlein ? Die holde Mechtild ! Wie liebten wir sie ! Wie herzten wir das liebe Kind und weinten , als es im Sarge lag mit Blumen bestreut ! Selma ist mir wie Mechtild . Und wenn ich ihrer gedenke , so senken sich alle Spitzen meines Wesens , wie man die Waffen senkt , wenn man sich gefangen gibt . Ich denke dann an Nichts mehr von Dem , was mich so foltert und quält . Unser Streithandel , die Weltlage , die Zeitfragen , die Stiftung des Ordens ... was ist das Alles , wenn ich an Selma denke ! Sie kommt dann und nimmt mir Schild und Speer aus der Hand , sie legt das Schwert unter Blumen , entwaffnet mich ganz und sitzt dann auf meinem Schooß und herzt mich und küßt mich , ohne daß die Küsse mich erregen oder mir etwas Anderes bedeuten als eins ihrer traulich gesprochenen Worte . Selma ! Wenn ich sie sehen könnte ! Du liebst sie , Bruder ! sagte Siegbert in seine Nähe rückend . Wie kannst du von den Lippen Wilhelminen ' s von Flottwitz sprechen ! Aber ! schaltete Dankmar rasch ein . Selma ist ein Kind , wie es Olga ist . Genug ! Wir wollen vernünftig sein . Er stand auf und wollte , seine Gefühle , wie er immer that , abschüttelnd , in die » Aula « gehen , als der Postbote eintrat und einen Brief brachte . Er kam von der Mutter . Siegbert las die sonst so feste Handschrift , die ihm heute schwankend schien . Die Mutter wird leidend sein ! bemerkte Dankmar erschreckend . Das verhüte Gott ! sagte Siegbert und durchflog die Zeilen . Sie klagte in der That . Auch ihr wollte der Aufenthalt in den großen kalten Räumen des alten Tempelhauses nicht bekommen . Sie sprach von der Rückkehr alter Leiden und beängstigte ihre Söhne so lebhaft , daß Siegbert sich die bittersten Vorwürfe machte . Was haben Eltern von ihren Kindern , sagte er , wenn diese selbstständig geworden ! Jedes Band ist da wie abgeschnitten ! Der flügge Vogel ist aus dem Neste und denkt nicht mehr daran , zu den trauernden Alten zurückzukehren . Dankmar , nicht minder bewegt , kleidete sich an und beruhigte den Bruder , daß es leicht möglich werden könnte , er müsse noch in diesem Herbste nach Angerode . Ob ich nicht sogleich lieber selbst ginge ? sagte Siegbert und wiederholte einige Stellen aus dem Briefe der Mutter , die ihm ganz besonders bedenklich schienen . Du weißt , daß sie nicht zu Denen gehört , die von sich selbst viel Aufhebens machen . Sie beschlossen bei dieser Gelegenheit , die Mutter , wenn das Trauerjahr im Pfarrhause vorüber wäre , zu sich in die Residenz zu nehmen , wobei sie sich freilich nicht verschweigen konnten , daß sie ungern ihren Bitten nachgeben und den Aufenthalt innerhalb ihrer gewohnten kleinen Lebensbeziehungen vorziehen würde . Auch Siegbert hatte sich angekleidet . Beide Brüder waren im Begriff auszugehen . Siegbert gedachte das Atelier zu besuchen und heute dort länger zu arbeiten , als er schon seit geraumer Zeit gewohnt war . Dankmar dagegen wollte aufs Gericht , um zu hören , ob der richterliche Senat die , wie er schon wußte , ihm ungünstige Entscheidung des Referenten bestätigt hätte . Es lag ihm daran , die genauere Ausführung des Urtheils zu hören und sich vorbereiten zu können , in zweiter Instanz neue Materialien zu sammeln . Wie sie aus dem Hause traten , sahen sie Louis Armand hastig die Straße daher kommen . Schon in der Ferne zog er ein Zeitungsblatt aus der Rocktasche und hielt es in die Höhe . Louis brachte die neueste Nummer des » Jahrhunderts « , das seit einiger Zeit auch in einer Morgenausgabe erschien . Egon - fing er stammelnd an , ohne weiter sprechen zu können - Egon - Die Brüder staunten über seine Erregung . Das Ministerium hat abgedankt