That selten bequem ... Geduldet wurde sie in Westerhof nur durch ein stetes Gemeistert- und Gestraftwerden ... Paula schützte sie , soweit Paula Kraft und Willen hatte ... Aber mit träumerischem Herzen ging Armgart doch im Schloß wie in der Fremde und mistraute jeder Huldigung , jedem Schmeichelworte , das ihr wurde ... Bettina fand einen einzigen Freund des verketzerten Goethe , die alte Mutter des Dichters ... Mit der » schwärmte « sie für ihn ... Mit der erfand sie sich eine Idealgestalt und hielt die fest ... Auch Armgart saß so auf einem Fußschemel und legte den Kopf in den Schoos einer einzigen theilnehmenden Seele und malte sich den Vater und die Mutter entgegengesetzt alledem aus , was ihr täglich von ihnen gesagt wurde ... Nur konnte Paula nicht , wie die Frau Rath , kleine Züge des Herzens von ihren so hart Angefeindeten erzählen , Erinnerungen der Kindheit , die ein Mutterherz bewahrt ... Aber Paula war doch die einzige , die zuhörte , wenn Armgart von alten Dienern und Beamten des Schlosses Erinnerungen an ihre Aeltern und besonders an die Zeit , wo sie ihnen so gewaltsam vorenthalten wurde , aufgetrieben hatte ... Der alte Tübbicke hatte ihr den Versteck im Laboratorium , die Krankheit der Mutter , das Ergrauen ihrer Haare erzählt ... Der alte Oberförster lobte jeden Soldaten , der sich im Frieden nicht gefalle und es mache wie Herr Ulrich von Hülleshoven und Hedemann , die in fremde Dienste und Länder gegangen wären ... Was nur unterhaltend , abenteuerlich , bedeutsam im Leben war , knüpfte sich für Armgart an die Aeltern ... Ihre Liebe zu ihnen wurde ihr wie ein angewöhntes Sprichwort , das man aus Laune und gerade zum Trotz in Gegenwart von Menschen , die sich aus Gründen , die uns nicht überzeugen können , darüber ärgern , nicht ablegt ... Wie dann die Religion auf Armgart wirkte , wissen wir ... Die Religion war ihr wie dem Volk und wie im Mittelalter der ganzen Bildung der Anhalt alles Heroischen und Großen ... Man führte im Mittelalter die Vorgänge des Evangeliums auf öffentlicher Bühne auf , um zu zeigen , daß Tyrannen , wie Herodes , vor Gott nicht bestünden ... Was wollten denn nun diese bösen Philipps und Ludwigs von Frankreich gegen die vom Christenthum berechtigten Augenspiegel beginnen ? ... » Hauspapen « , Französinnen aus klösterlicher Region legten den Grund der Bildung Armgart ' s ... Das Pensionat in Lindenwerth hatte nur auszubessern , ohne daß man dabei an besonders Neues ging ... Armgart lernte etwas zeichnen aus sich selbst ... Nie , daß sie dafür zur Ermunterung kam ; nie , daß sie angefeuert wurde , einen Werth auf sich zu legen ... Sie war so anmuthig , so hold und lieblich - aber das war ja ihre Schuldigkeit - Himmel ! Wie würde sie » gestanden « haben bei ihrer ohnehin so » schiefen Stellung « , wenn sie nun gar noch häßlich gewesen wäre ! ... So warm und innig , wie Benno mit ihr sprach , so schwärmerisch wie Thiebold , das war alles nicht die Fortsetzung dessen , worauf sie im Leben früh angewiesen war ... Euere Liebe , ihr jungen Mädchen , ist nur das stündliche Eintreffen einer sechszehnjährigen Prophezeiung , die Folge des stündlichen Erwartens einer verheißenen Huldigung ! ... Seht nur die blasse Klavierspielerin , wie sie ermattet am Fenster sitzt und hinter den Blumen die Vorübergehenden mustert und berechnet : Der da mit dem goldnen Knopf am Spazierstock und dem Bärtchen geht heute schon zum dritten Mal vorüber - gilt das dir ? Und galt es ihr , so läßt sie auch gleich das Leben für ihn . Sie sagt das wenigstens den Aeltern . Werden die Annäherungen des jungen Manns von diesen nicht gewünscht , so verfällt sie in einen Zustand » unglücklicher Liebe « , der ein halbes Jahr dauert und mit dem ersten Winterball endet . In Lindenwerth machte es Armgart , wie sonst in Westerhof ; sie nestelte und bändelte und strickelte den ganzen Tag - für andere ... Sonst schnitzte sie den kleinen Kindern - sogar den Kindern der Bedienten Schiffchen von Borke und machte ihnen Püppchen aus Schneiderlappen , die der alte Tübbicke aus Witoborn von seinem Sohn mitbrachte ... In Lindenwerth hatte sie erst da , als sie die Ankunft der Aeltern in jener Gegend in Erfahrung brachte , das Bedürfniß , allein zu sein oder doch nur mit Angelika ... Benno ' s Liebe war ihr nur das Erwerben eines besten und einzigsten Freundes und Thiebold - das war dann nur der dritte im Bund dieser großen Verschwörung gegen die schlechten Menschen und Dinge in der Welt ... Da so sagen : In diesen treuen Seelen hab ' ich zwei Menschen gefunden , die ich für mich festhalten will und von denen ich den liebsten mir zum Glücklichsein wähle ... Das empfand sie nicht - Und was gab es nicht alles Wichtigeres in der Welt ! ... » Sie ist kalt « ! » entdeckte « eines Tages Thiebold und in der That , ein Kuß war ihr ein Ausdruck der Seele - Benno hätte sie beim Abschied getrost küssen dürfen ... Ein Gelübde ist dann in der katholischen Kirche etwas Hochheiliges . Die Kirche will in diesem Auslöschen der Freiheit zunächst eine Huldigung für Gott , dann eine für sich selbst . Jede Entäußerung der freien Verfügung über späteres Ja ! und Nein ! des Willens soll sich treu bleiben ; selbst die Erkenntniß der Uebereilung , selbst die bitterste Reue soll die Erfüllung nicht hindern ; denn so nur erhalte sich die Würde des Altars , dem ja die meisten Gelübde gewidmet werden , und vorzugsweise jene Regel und Ordnung im Beten und Fasten und in alledem , was dann zuletzt seine heiligste Gestalt im Klostergelübde findet ... So blieb auch Armgart bei ihrem Wort : Die Stunde ist da , wo meine Aeltern auf mich Ansprüche machen !