sah man von dort eine blaue Leuchtkugel emporsteigen als Zeichen für die Laufgrabenwachen , auf ihrer Hut zu sein . Die Russen schienen jedoch an Nichts weniger zu denken , als an einen Ueberfall . Das Feuer war nach und nach schwächer geworden und hatte endlich ganz aufgehört . Der Wind hatte sich nach Süden gewendet und es trat Thauwetter ein . Von den Tschernaja - Höhen und der Nordseite der Festung leuchteten große Wachfeuer , - die öffentlichen Gebäude in der belagerten Stadt schienen illuminirt , selbst in den Batterieen sah man Lichtreihen hin- und herziehen . Und jetzt klang durch die eingetretene Stille majestätisch von der Stadt her , wie in jener Nacht vor Inkermann , das volle Geläut aller Glocken , das die Bewohner und die Besatzung zur Wladimir - Kathedrale und den andern Kirchen der Stadt rief . Die Engländer wußten sich anfangs die Erscheinung nicht zu erklären , bis der Fähnrich sich erinnerte , daß der gregorianische Kalender um zwölf Tage zurückdatire und die Russen daher an heutigen Abend erst ihr Neujahr feierten . Der Schein der Freudenfeuer machte einen traurigen Eindruck auf die armen , halb verhungerten und erfrorenen Teufel in den britischen Laufgräben und vorgeschobenen Posten , und sie harrten mürrisch und nur selten ein Wort wechselnd , von Krankheit und Gefahren zum Tode erschöpft , der Ablösung , die nun bald im Schutze der Nacht kommen mußte . In der That hörte man , als die Zeit herannahte , Tritte - doch das krieggewohnte Ohr des Corporals wollte darin nicht den Schritt der Patrouillen , sondern das compacte Marschiren einer großen Masse erkennen . Der Fähnrich hatte erst bei dem eingetretenen Thauwetter empfunden , daß einer seiner Füße erfroren war und nur mit Mühe bewegt werden konnte . - Mick , der Irländer , spähte für ihn am Rande der Grube . » So wahr ich im Fegefeuer schwitzen werde , wenn mich nicht irgend eine Seele herausbetet , « sagte der sorglose Bursche . » Ihl habt Unrecht , Corporal . Ich höre deutlich das Kommando von den Laufgräben her kommen und meine Ohren sind groß genug , um so eben ein gesegnetes Goddam zu verstehen . « » Dann kommt Freund und Feind zugleich , « flüsterte der alte Soldat , » denn von der Bastion her naht eine dunkle Reihe und ich höre ihren Tritt ! - Feuer , Kameraden , daß wir die Unsern warnen ! « - Er schoß sein Gewehr in die Nacht hinein ab . Ein donnerndes » Urrah « antwortete dem Schuß und verkündete , daß er Recht gehabt . Dann stürmte unter wildem Kampfruf eine breite , festgeschlossene Reihe über die Fläche daher und gegen die Gruben und die erste Linie - - - Fußnoten 1 Offizielle Zahlen . 2 Wir benutzen zu diesen Schilderungen die wörtlichen Berichte der Times , um uns gegen den Vorwurf der Uebertreibung zu sichern ! IV. Der Ausfall . Die Russen . Die Nachricht von dem Tode des Kaisers hatte zunächst dumpfen Schrecken und Schmerz - dann das Gefühl erbitterter Rache in den Herzen der braven Besatzung von Ssewastopol hervorgerufen . Man hatte die erste Kunde durch einen Ueberläufer aus dem Lager der Alliirten erhalten - das electrische Fluidum über Wien und Varna lief rascher , als die Couriere über Moskau und Perecop . Jeder Zusammenstoß mit dem Feinde ward seitdem noch blutiger , mörderischer , denn zuvor . Das Testament des Kaisers , sein letzter Gruß an die Tapfern hatte die Begeisterung , den Fanatismus zum wildesten Haß gesteigert . Wir haben bereits erwähnt , daß seit der Uebernahme des Kommando ' s in Ssewastopol durch den General-Adjutanten Baron Osten - Sacken das Vertheidigungssystem ein anderes geworden . Man war aus der Defensive in die Offensive übergegangen , und in der That waren während fast dreier Monate die Belagerer mehr die Belagerten , als die Garnison der Festung . Seit der Nacht zum 11. December hatten die Ausfälle der Besatzung mit wechselndem Glück , aber mit stets gleicher Kühnheit ununterbrochen die Feinde in Allarm gehalten und sie gezwungen , zu allen Stunden eine zahlreiche Menge Truppen in den Trancheen zu halten , was die durch Krankheit , Mangel und Witterung erschöpften Armeen noch mehr aufrieb . Die Namen Golowinski , Birjulew , Titof , Actachof , Sawalischin , Rudakowski und andere mehr , werden als die kühner Führer gewagter Unternehmungen immer glänzen auf den Blättern der russischen Kriegsgeschichte jener Tage . Doch nicht auf solche Ueberfälle allein beschränkte sich die Taktik der Kommandanten . Wir wissen aus dem Munde des Kaisers selbst , wie gut man den gefährdetsten und wichtigsten Punkt der Festung auf russischer Seite kannte , den Malakoff - Hügel ( weißen Hügel ) mit seinem Thurm - jetzt zum Andenken an den gefallenen Helden die Kornilofski - Bastion genannt . Daher galt es , hier die Vertheidigungswerke auf das Möglichste zu stärken . Totleben war rastlos thätig im Entwerfen neuer Pläne und das tapfere Genie - Corps der Festung unermüdlich in ihrer Ausführung . Mit zauberhafter Schnelle wuchsen über Nacht neue Werke empor und die erstaunten Feinde sahen am Morgen Wälle und Schanzen , wo sie vielleicht schon am nächsten Tage ihre Pakallelen zu ziehen gehofft hatten . Gegen die unterirdischen Arbeiten der Franzosen , namentlich vor der Mast-Bastion , wurde mit Erfolg ein System von Contreminen geführt . Contre - Approchen und Feldwerke wurden zur Deckung des linken Flügels vergeschoben . Das Selenginski ' sche Regiment erbaute in der Nacht zum 23. Februar auf der rechten Seite der Kilenschlucht , also auf seither dem Gegner preisgegebenem Gebiet , die nach ihm benannte Redoute , so überraschend und plötzlich , daß der verduzte Feind den Bau nicht einmal zu stören suchte . Erst in der folgenden Nacht versuchte General Monet mit 5 Bataillonen die Russen aus den noch unvollendeten und noch nicht armirten Werken zu vertreiben , wurde aber mit furchtbarem Verlust durch das Bajonnet und das Feuer der auf der Rhede ankernden