er in der That diese beiden Geständnisse in eine zu rasche Verbindung gebracht mit den Scherzreden Benno ' s bei jenem Abendspaziergang am Ufer des Stroms , die gelautet hatten : » Die Kunst , in alten Lettern auf Pergament zu schreiben , ist in unserer Stadt heimisch « ... Konnte er auch eine Wendung , die zunächst eine scheinbare Glückswendung für Paula war , so ohne weiteres auf diesen seinen Verdacht hin als ein Werk des Betrugs erklären ? ... Wie er Terschka lesen und lesen sah , kam ihm sogar der Gedanke : Hat wol gar , in falscher Freundschaft für den Grafen Hugo , ein Jesuit dies Verbrechen gefördert - fördern müssen - in majorem Dei gloriam ? ... Reißt man Paula mit Gewalt zu dem Mann hinüber den sie in den Schoos der Kirche führen soll und - führen wird ! ... Sicherte man sich in Rom zwei Magnete zur Bekehrung : Paula - und Angiolina ? ... Paula erholte sich und ihr Auge suchte Bonaventura . Sie wollte den Rath der geliebten Stimme hören ... Den Rath - des entmannten Abälard - an Heloisen ... Die Aufregungen des Onkels , der Tante dauerten fort ... Benno , der bisjetzt kaum von der Tante genannt wurde , erhielt plötzlich von ihr die höchste Anerkennung und Thiebold de Jonge verschwand . Eine Neigung zum Skepticismus , die Thiebold beim Anblick des wunderbaren Fundes und beim dadurch bedingten Rückgängigwerden seines Waldankaufs verrathen hatte , verdächtigte ihr Thiebold ' s Gemüth , sogar seine Grundsätze ... Die Tante sprach kein Bedauern aus , daß der junge sonst so liebenswürdige Herr von Jonge heute und nun für immer fehlte ... Bonaventura verließ endlich das Schloß , dessen Bewohner sich nicht sammeln konnten ... Terschka schien zögernd mit ihm sprechen zu wollen ... Er entriß sich ihm voll Grauen ... Wie die Nebel um ihn her aufstiegen , wie rings alles in ein undurchdringliches Dunkel sich hüllte , so umnachtet in seiner Seele schritt er dahin und fast den Weg verfehlend ... Erst die Glocken von Sanct-Libori wiesen ihm die rechte Straße ... Sie läuteten schon seit einigen Tagen auf die kommende Fasten- , Leidens- und Osterzeit ... Aber in seinem immer tiefer und schwerer belasteten Innern griff das Kirchenjahr schon weiter hinaus - schon zum Tag der Verklärung und der Himmelfahrt : Ostern ! Ostern ! Dein Erwachen Führt nur himmelwärts den Nachen Aufwärts aus der Erde Noth ! - Ach , zu tödlich ist der Tod ! - - Wer entronnen seiner Truhe , Sucht auf Erden nicht mehr Ruhe . 22. Von der Etikette hatte die Tante zu Terschka gesprochen ... Etikette - das ist so ein Wort , das uns in Armgart ' s Welt zurückführt ... Etikette war ihr von allen Erb- und Erbsketten schon von frühster Kindheitserinnerung an eine der härtesten und grausamsten - Auch im Stift wurde noch jetzt der Vorwurf des Mangels an Etikette nie anders ausgesprochen als mit jener Geringschätzung etwa , die den Mangel an sechszehn Ahnen begleitete ... Wer das Geheimniß der Liebe in einer reinen , eben vom Kind zur Jungfrau erblühten Natur beobachtet hat , weiß es , daß sich die älteste aller Weltbegebenheiten im Mädchenherzen immer wie das Allerneueste wiederholt . Jede liebende Seele glaubt die Liebe zuerst erfunden zu haben ... Die Tradition ist dann allerdings mächtig . Es gibt sechszehnjährige Oberflächlichkeiten genug , die die angeborne Nichtsbedeutung durch das schnellste Annehmen aller über Welt , Leben , auch die Liebe überlieferten Begriffe kund geben und ebenso basenhaft von der Liebe fühlen und sprechen , wie jede ihrer Tanten ... Doch fehlen auch Erscheinungen nicht , die , wie die Schnecke ihr eigenes Haus , so sich ihre eigene Welt aus ihrem Innersten erbauen ... Erscheinungen , die erst lange , oft nach den gefahrvollsten , ja das eigene Leben bedrohenden Umwegen auf euere gemeinplätzlichen Entweder-Oders , euere » Liebe oder Haß « , euer » Wille oder Zwang « , euere » Natur oder Unnatur « ankommen , Gegensätze , die nun einmal die geltenden sind . Sie kommen dahin oft an erst mit gebrochenem Herzen , geknicktem Genius , für immer verbrauchter Lebenskraft ... Weiß denn wol Armgart , was die Liebe ist ? ... Sie sollte es doch wol empfunden haben , wie es thut , im Arm eines Mannes zu ruhen , der von glühender Neigung ergriffen ist ... Sie sollte es doch wol wissen von damals , als sie vom Hüneneck herabstürmte und in Benno ' s Arme sank , der sie auffing und so lange hielt , bis sie wieder den verlorenen Athem gefunden ... Sie sollte Thiebold ' s » Schmachten « verstanden haben und aus der Pension vollkommen wissen , wonach sich schon so früh Tausende von jungen Mädchenherzen sehnen ... Aber sie hatte nun eben nicht den Trieb , immer allein in sich selbst zu verharren ... Schon als Kind lebte sie nur für andere - sie lebte für Paula , die sie bediente , der sie half , die sie vertheidigte , so klein sie war . Der Freundin war sie ein Bannerträger , wenn auch nur gegen Sonnenstrahl und Regen ... Und die Tante ließ das Gefühl , daß sie auch selbst etwas war , niemals bei ihr aufkommen ... Sie wuchs auf unter Anklagen , daß sie , wie sie ' s nannte , überhaupt nur in der Welt wäre ... Bettina liebte als Kind den schon bejahrten Goethe deshalb , weil sie in Frankfurt nur von ihm hören konnte : Der kalte , herzlose , unpatriotische , fürstendienerische Egoist ! ... Armgart hörte ebenso nichts , als daß sie einen herzlosen Vater , eine herzlose Mutter hätte ... Sie hörte , daß sie eigentlich ein Leben führte , das eine Beschämung der Verwandtschaft wäre ... Sie wäre ein Wildling ... Sie sollte nur sorgen , daß man sich nicht auch noch ihrer schämen müsse ... Dem alten Grafen Joseph war sie in der