oder mehrere , über kurz oder lang trifft sie dasselbe Schicksal : sie sterben ab , unter dem Einfluß der Reiherwirtschaft , namentlich der Reiherkinderstube , deren Details sich jeder Mitteilungsmöglichkeit entziehen . Erst Mitte Juli pflegen die Jungen flügge zu werden . In diesem Jahre jedoch mußten sie kräftiger oder gelehriger gewesen sein ; jedenfalls fanden wir alles ausgeflogen und sahen uns in der angenehmen Lage , jede einzelne Wohnstätte aufs genaueste mustern zu können . Was die Wipfel der Bäume angeht , so bleibt dem Gesagten an dieser Stelle nichts hinzuzufügen ; aber auch der Untergrund erzählt noch manche Geschichte . Hier und dort lag zu Füßen einer wie geschält aussehenden , ihrer Rinde halb entkleideten Eiche das Federwerk eines Jungvogels . Das erklärt sich so . Fällt ein junger Reiher vor dem Flüggewerden aus dem Nest , so ist er verloren . Ein freies , selbständiges Leben zu führen , dazu ist er noch zu jung , ihn wieder in das Nest hinaufzuschaffen , dazu ist er zu schwer . So bleibt er liegen , wo er liegt , und stirbt den allerbittersten Tod unter den Unbilden seiner nächsten Verwandten , die , ohne ihre Lebens- und Anstandsformen im geringsten zu ändern , erbarmungslos zu seinen Häupten sitzen . Unter anderen Bäumen lagen herabgestürzte Nester . Sie gaben uns Veranlassung , ein solches zu untersuchen . Es ist einem Storchennest ähnlich , aber noch gröber im Gefüge , und besteht aus angetriebenem Holz der verschiedensten Arten : Kiefern- , Elsen-und Weidenzweige . Dazu viel trockenes Stechapfelkraut , lange Stengel , mit aufgesprungenen Kapseln daran . Ob sie für dies Kraut um Geruches willen , vielleicht auch als Arzneidroge , eine Vorliebe haben , oder ob es ihnen lediglich als Bindemittel zu festerer Verschlingung der dicken Holzstäbe dient , muß dahin gestellt bleiben . Überall aber , wo ein solches Nest lag , sproßte wuchernd aus hundert Samenkörnern ein ganzer Giftgarten von weißblühender Datura auf , der übrigens , jede Ausschließlichkeit vermeidend , auch anderem Blumenvolk den Zutritt gestattete . Nur » von Familie « mußten die Zugelassenen sein : Wolfsmilch , Bilsenkraut , Nachtschatten . Das Harmloseste , was sich eingeschlichen hatte , war Brennessel . Ein Erinnerungsblatt hier mitzunehmen , verbot sich ; so mußten die umherliegenden Federn aushelfen . Ein paar der schönsten an unsere Mützen steckend , kehrten wir , nunmehr des Weges kundig , in kürzester Frist an Bord unseres Schiffes zurück . Hier hatte sich mittlerweile Mudy nach mehr als einer Seite hin legitimiert . Der Tisch war unter einer ausgespannten Leinwand gedeckt ; der weißeste Damast , das blinkendste Silber lachten uns entgegen . Selbst an Tafelaufsätzen gebrach es nicht . Neben dem großen Köpenicker Baumkuchen paradierten zwei prächtige , in hundert Blüten stehende Heidekrautbüschel , die Mudy , samt dem Erdreich , ausgeschnitten und in zwei reliefgeschmückte Weinkühler eingesetzt hatte . Aber Größeres war uns vorbehalten , was sich erst offenbaren sollte , als die Reihe der vorschriftsmäßigen Gänge , unter denen sich besonders das Fischgericht » Schlei mit Dill « auszeichnete , beendet war . Ob aus Nachklang oder Inspiration , aus Erinnerung oder geoffenbarter Weisheit , gleichviel , in Mudys Seele hatte die Vorstellung gedämmert , daß » das Dessert die Krone jedes Mahles sei « . Und dieser Vorstellung Ausdruck zu geben , hatte er sich beflissen gezeigt . Daß er dabei , in materiell eng gezogenen Grenzen verbleibend , über einen bloßen symbolischen Akt nicht hinausgekommen war , steigerte nur den Effekt . Der Leser urteile selbst . In eben demselben Augen blicke , in dem der Kreis des möglichen nach unser aller Ansicht geschlossen schien , und auch in dem begehrlichsten Herzen nur noch Wunsch und Raum für Zigarette und Kaffee vorhanden war , erschien Mudy mit einem auf dem Menüzettel ungenannt gebliebenen Überraschungsgericht . Geheimnisvoll genug in seiner Einkleidung . Eine Glasschale war mit Kraut und Blütenzweigen gefüllt ; in der Mitte dieser Schale aber , wie ein Ei in einem Neste liegt , lag ein Teesieb , in dem unser dienender Bruder , während wir auf der Suche nach dem Reiherhorste waren , aus dem spärlichen Vorrat der nächsten Wald- und Uferstellen eine halbe Hand voll Erd- und Blaubeeren mühsam gesammelt hatte . Die Wirkung dieser Aufmerksamkeit war eine enthusiastische und rang nach entsprechendem Ausdruck . Kapitän Backhusen fand ihn . Einen vor ihm stehenden Römer bis an den Rand mit Scharlachberger füllend , schüttete er den Inhalt des Schälchens hinein und sprach dann kurz : » Perle der Kleopatra , armselige Renommisterei hier , in Erd- und Blaubeeren , spricht bescheiden eine schönere Tat . Es lebe Mudy . « Die Luft stand . Es war noch zu früh zum Aufbruch ; so beschlossen wir eine Waldsiesta , und unsere Plaids an schattiger Stelle ausbreitend , suchte sich jeder eine Ruhestätte . Libellen flogen , Käfer summten , und in mir klang es aus einem meiner Lieblingsdichter : Hier an der Bergeshalde Verstummet ganz der Wind ; Die Zweige hängen nieder , Die blauen Fliegen summen Und blitzen durch die Luft . Einmal , zweimal wiederholte ich diese Zeilen , die den Klang eines Nachmittags-Schlummerliedes haben ; dann schlief ich ein . Die Genossen hatten weniger gezögert . Es war sechs Uhr und die Sonne streifte schon von der Seite her die Wipfel des Waldes , als uns die Schiffsglocke , rasch anschlagend , mit zur Eile mahnendem Tone wieder an Bord rief . Kapitän Backhusen hatte früher als seine Gäste den Nachmittagsschlaf abgeschüttelt . Ein paar Kommandoworte und die » Sphinx « löste sich leicht und gefällig von der Uferstelle , in deren Schatten sie sechs Stunden geankert hatte . Die Landzungen schoben uns immer neue , von Minute zu Minute prächtiger beleuchtete Kulissen in den Weg ; in Schlängellinien umfuhren wir sie , ein paar geleitgebende Reiher hoch über uns in Lüften . So kamen wir aus der Schmölte in den Hölzernen See . Alles war bis dahin gut gegangen