vielleicht Papiere suchte , die auf einen für den Justizrath so wichtigen Proceß Bezug hätten . Dann aber sagte er sich : Warum besucht er diese alte Registratur bei Nacht ? Was wäre dabei Geheimes und Ängstliches zu beobachten ? Er bewunderte den Muth Bartusch ' s , der sicher hier , der Schmelzing ' schen Erzählung zufolge , schon zum zweiten male erschien . Sollte er , dachte er sich , sollte er die Absicht haben , Dokumente zu vernichten ? Was sucht er so eifrig ? Was schüttelt er so den Kopf ? Ist es nicht das rechte Papier , was er eben so emsig durchlas ? Bartusch ging an einen andern Schrank , an dem er ein Bund Schlüssel probirte . Diese Schlüssel gab ihm der städtische Archivar ! sagte sich Hackert . Oder er stahl sie ihm . Halt - die Rathsdienerin Spieß vielleicht ? Oder sie verabredeten sich Beide , daß er sie sich selbst nahm , und der Archivar so that , als sähe er es nicht . Wenn Schlurck ' s Champagner strömt , fließen alle Bedenklichkeiten mit ihm . Man ist ja ehrlich , man wird ja nur betrogen ! Schnöde Welt ! Die Blinden gelten alle für gut und sind meist die durchtriebensten . Die Laterne war hinterwärts auf einem Fußschemel stehen geblieben . Noch besann sich Hackert auf seine eigenen Erinnerungen an die Angelegenheiten der Häuser und Liegenschaften , die Schlurck verwaltete , und malte sich für gewiß aus , daß dieser nächtliche Besuch mit dem Johanniter-Processe in Zusammenhang stand , sann und grübelte hin und her , ob er den Gebrüdern Wildungen hier nicht auf ' s neue von Nutzen sein könnte , als er erstaunte , auf dem Schranke die Jahreszahl 1825 geschrieben zu sehen . Was konnte ein so junges Datum mit jenem Processe zu thun haben ! Auch besann er sich , daß er sich sonst hier immer nach vormundschaftlichen Papieren umgesehen hätte . 1825 ! Es war ihm immer gewesen , als müßte dies sein Geburtsjahr sein ! Obgleich er in den Angaben seines Alters bald diese , bald jene Zahl nannte , liebte er doch die Zahl : 1825 ! Er kannte nichts von seiner Geburt , von seinen Eltern , nichts von seiner Heimat . Allein soviel konnte er berechnen , daß er , wenn er etwa sechs bis acht Jahre alt war , als er aus dem Waisenhause zu Schlurck gekommen , wol um das Jahr 1825 geboren sein mußte . Nicht , daß er annahm , Bartusch suche nach Papieren , die ihn beträfen . Aber etwas mächtig Verführerisches lag darin , daß er gerade sein vermeintliches Geburtsjahr , 1825 , über dem Schranke erblickte . Sein Entschluß stand so wie so fest ... Bartusch hatte ein Papier in der Hand . Er überflog es und laut entfuhr ihm ein Ah ! Das ist es ! Er las noch einmal , nickte dann mehrmals und wollte selbstzufrieden eben den Schrank zuschließen . Vorher steckte er das Papier in die linke Brusttasche . Eben schlug das Schloß in dem Schrank wieder zu , als er sich plötzlich im Dunkeln fand . Bartusch zuckte erschrocken auf . Im Nu hatte ihn eine kräftige Hand umklammert . Todesschreck schnürte dem Alten die Kehle zu . Er wollte schreien . Der Ton erstickte ihm . Er fühlte eine Hand , die ihm das Halstuch fast mörderisch zusammen würgte . Aus seiner Brusttasche wurde von einem Unsichtbaren das eben gefundene Papier entrissen . Halb ohnmächtig , unvermögend zu schreien , lag Bartusch rücklings auf der Erde . Der Gedanke an die Erzählung der Bibel von einem nächtlich auf dem Wege mit Jakob ringenden Engel mochte ihm in der grauenhaften Einsamkeit eingefallen sein . Kannte er die Erzählung nicht , so war dieser ungeahnte Überfall nicht minder schauerlich und gespenstisch genug für ihn ... Schmelzing harrte inzwischen unten in der That noch seines Kameraden . Er fürchtete sich , durch die mehreren Höfe und Durchgänge , die noch bis zur Schildwacht am Eingange des Rathhauses zu durchwandern waren , allein zu gehen . Es schlug halb zwölf Uhr . An eins der leeren Weinfässer lehnte er sich , um Luft zu schöpfen . Jeden Augenblick erwartete er irgend einen Schrei im Innern des unheimlichen Hauses , irgend einen Hülferuf zu hören . So stand er zitternd , bis Hackert plötzlich am Rande der Treppe erschien . Pst , Schmelzing ! Wo sind Sie ? Hier ! Leben Sie denn noch ? Ha ! Die Nonnen ! Herr Gott ! Die Ritter ! Die Geister ! Fort ! fort ! Kommen Sie ! Die blonde Nonne hatte wirklich keinen Kopf ! Hackert ! Sie kommt uns nach ! Eilen Sie ! Schmelzing , die Polizei erlebt mehr als gewöhnliche andere Menschen . Grauenvoll ! Damit zog Hackert den taumelnden , von der Luft und dem Wein und dem Schrecken an Hand und Fuß zitternden Schmelzing vorwärts . Die Höfe , die sie im Flug durchschritten , widerhallten . Durch einige Durchgänge mußten sie an den Wänden sich streifend . Da und dort ein mattes flackerndes Lämpchen . Sie kamen an die offene Thür des Rathhauses , die immer von einer Feuerwache in der Flur , von einer Militairwache am Eingange besetzt war . Die Feuerwächter kannten die beiden neuen Polizeiagenten hinlänglich und ließen sie um so mehr passiren , als sie überdies noch eine geheime Parole sagen konnten . Nach einer halben Stunde kam ein graues Männchen durch den Hof geschlichen , wandte sich ächzend und stöhnend nicht durch den Thorweg auf die Straße , sondern schlich sich in eine offene Thür , wo eine Stiege zu einem Fenster führte , in dem noch Licht brannte . Dort wohnte der Rathsdiener Spieß , der eine hübsche junge Frau hatte , die an Abenden , wo ihr Mann zu Pfändungen und gerichtlichen Executionen in der nächsten Umgegend reiste und zuweilen eine Nacht ausblieb , immer länger Licht zu haben