... Sie hätten sämmtlich ihren gewöhnlichen Arzt , Müllenhoff , sofort aufgegeben und dem neuen von sich weit , weit mehr , als nur Fastengebotverstöße eingestanden ... Wie » bedeutend « hätte sich jede in ihren Zweifeln und Beunruhigungen hingestellt ! ... Fräulein von Merwig , die » Anflickerin « , hätte ihren starken Geist gedemüthigt und ein Mittel gegen den Ehrgeiz begehrt , nur um zu verrathen , daß es Dinge gab , worauf sie ehrgeizig sein konnte ... Fräulein von Absam hätte » Neid « in der Brust gehabt und damit verrathen , worauf ihre geheimen Sehnsuchten gingen ... Fräulein von Tüngel-Appelhülsen , eines der jüngern Mitglieder , erst im Anfang der vierziger , hätte vielleicht eine Indiscretion gebeichtet , die beinahe wie eine Rache herauskam . Sie war eine Verwandte der Schwester Scholastika , Aebtissin der Hospitaliterinnen in Wien . Aber die Tüngel-Heides und die Tüngel-Appelhülsens wichen voneinander ab wie Tag und Nacht . Unbekannt mit diesem Unterschied ging Monika jene Portiuncula unter dem Siegel der Verschwiegenheit an , ob sie nicht bei ihr mit fremdem Namen absteigen und in Armgart ' s Nähe einige Tage leben und sich ihrer Nachbarschaft einwohnen könnte , ohne daß sie es wisse . Und auf diesen Brief hatte das Fräulein geantwortet , ganz so steif , ganz so beschränkt , wie ihrem Charakter entsprach . Monika hatte diesen Brief nicht vertrauenerweckend gefunden und nur noch kurzweg um Entschuldigung gebeten und ihre Hülfe abgelehnt . Aber - dumme Menschen sind immer gefährlich und gerade die klugen Leute machen dann auch noch gerade die dümmsten Streiche . Portiuncula hatte sich , aus Rache für diese Ablehnung , gestern Abend in ihrer ganzen Glorie gezeigt ... Zu Armgart , die seit dem Brand in Westerhof blieb , hatte sie unter Kichern und zweideutigen Anspielungen , ganz im Geist des Stiftes , gesagt : » Na ja , Fräulein von Hülleshoven , jetzt kann ich Ihnen doch sagen , Ihre Frau Mama ist schon in Eschede ! Sie wohnt bei Schönians . Die Müllern , die Angelika steckt sogar von Paris aus dahinter ! Ja , und von da geht sie noch heute zur Frau von Sicking , und denken Sie ! wer wird sie da eingeführt haben ? Niemand anders , glaub ' ich doch , als die Person , die mir mein ganzes Lebensglück ruinirt hat , Sie wissen ja - die Schwarzin ! O , ich könnte in Neuhof die Erbin so gut sein wie andere ! Aber , wenn Sie morgen Abend beim Thee in Westerhof sitzen , da passen Sie mal auf , dann ist die Mutter da und hält Ihnen die Augen zu ! Sie hat sich mit Benigna hinter Ihrem Rücken ausgesöhnt ! Und wollen Sie von Ihrem Vater hören , so müssen Sie - aber verrathen Sie mich nicht - zu Hedemann nach Witoborn ! Lassen Sie doch Ihren Herrn von Terschka da anfragen - Freilich - bei Hedemann wohnen Herr von Asselyn und Herr de Jonge ... Er - Sie Kleine , Sie fangen ja schon früh an ! - - « Und nun kam alles so heraus , wie es ist in der Welt , wenn der Mensch sich einbildet , sein Leben und sein Handeln wäre nur für ihn allein da ; alle wissen davon und oft mehr , als wir ... Diese Beichten blieben jedoch aus ... Es war schon Abend , als Bonaventura in Westerhof eintraf ... Er fand das Schloß in eigenthümlicher Bewegung ... Im Vorhause hörte er aufs lebhafteste sprechen ... Die Diener standen in Gruppen ... Fast übersah man das Anfahren seines Wagens ... Er achtete wenig darauf , da er sich schon erleichtert fühlte , nur kein Anzeichen zu sehen , das auf eine etwaige Anwesenheit von Besuch und wol gar Lucindens schließen ließ ... Herr Domherr ! hieß es . Bisjetzt haben Herr von Asselyn auf Sie gewartet und Herr de Jonge ... Beide empfahlen sich zur Rückreise und hätten Sie gern noch einmal gesprochen ... Benno schon zurück ? ... Bonaventura hoffte , daß er ihn und Thiebold morgen noch in der Stadt fand ... Ueber Terschka erfuhr er , daß in der That dieser und Benno , Thiebold und der Onkel , wie sie gewollt , am Nachmittag das Archiv geordnet hatten ... Vom Hof aus leuchteten die Laternen , die , um Unglücksfällen vorzubeugen , die düstere Brandstätte erhellten ... Klingeln erschallten von da und dort ... Ist Paula - doch nicht - krank ? dachte er bangend und wagte nicht zu fragen , ob dies Klingeln und Laufen der Gräfin gälte - Die Herrschaften sind alle oben ! hieß es ungefragt ... Und Herr von Terschka kleidet sich um ... Und auch Herr von Hülleshoven ... Wozu umkleiden ? dachte er ... Eine Kammerjungfer des Hauses eilte an ihm vorüber , blieb stehen und sagte : Herr Domherr - Sie wissen doch schon ? - Sein Blick deutete das Gegentheil an ... Das Document - die langgesuchte Urkunde - Eine Klingel zwang die Sprecherin , in Eile abzubrechen ... Bonaventura blieb wie mit einem Riß durch sein Herz ... Indem stand ihm plötzlich Onkel Levinus zur Seite ... Da sind Sie ! Nun , Domherr , sprachen Sie schon Ihren Vetter Benno ? ... Was ist ? ... Sie hörten doch ? Die Urkunde ist gefunden ! Beim Räumen des Archivs ! Sehen Sie , so hab ' ich mich umkleiden müssen ! Vor Ruß und Brandgeruch ! Auch Herr von Terschka ! Ein Wunder ist ' s ! Staunen Sie nur ! Unbegreiflich ! Aber Sie wissen doch , die Urkunde , der zufolge Graf Hugo nicht erben soll , wenn nicht die Religion stimmt ! Paula bleibt die Erbin ! Darüber ist jetzt kein Zweifel ... Bei allen Heiligen - Wunderbar ! Aber kommen Sie ! Sehen Sie das Document ! Wir fanden es mitten unter den geretteten Papieren ... Schon stand Bonaventura in der geöffneten Thür des großen Vorsaals