sie war sehr müde . . . Die kleinen Backfische hatten gekichert , die tüchtigen Lehrerinnen waren lustig gewesen — die frechen angemalten Mädchen , die mit ihren bunten Kleidern das Trottoir einnahmen , lachten laut . . . . Warum konnte sie allein sich nicht freuen ? Niemals wieder ? Warum sah sie überall mehr als andere , die doch klüger waren und schärfer und die Welt besser kannten , die etwas leisteten — die ungeheure Armseligkeit und Abscheulichkeit dieses ganzen Gesellschaftslebens , und trug das heimliche Wissen wie einen Stein auf der Brust ? — Warum hörte sie immerfort vor ihren Ohren ganz aus der Ferne melodische Lust und klingendes Glück ? — — Das war wieder krankhaft . Und sie wollte nicht krank sein . Sie wollte gesund sein . Mit aller Gewalt wollte sie gesund sein ! Was es auch kosten mochte — einmal nur sich an des Lebens Tisch setzen und frisch und fröhlich genießen , was sie nur erraffen konnte . . . War sie denn dazu gar nicht mehr im stande ? Vor Agathe gingen zwei Frauen die Straße entlang . Die eine von ihnen trug ein graues Kleid , ein Reisehütchen und eine Handtasche . Unter dem Hut sah Agathe einen kleinen Knoten rotbraunen Haares . Die andere hielt sich schlecht und ging mit nachlässig schleifenden Schritten . “ Nein , nein , ” sagte die kleine zierliche Reisende , “ jede Frau kann einen Mann in sich verliebt machen , sobald er nicht gerade eine andere große Liebe hat . ” “ Das scheint mir doch gewagt . . . . Damit behaupten Sie ja , daß jedes Mädchen heiraten könnte ? ” “ Das kann sie auch — wenn sie ihren ganzen Willen auf das eine Ziel setzt . Natürlich darf sie nicht . . . . ” Die beiden bogen um die Ecke und Agathe sah sie nicht mehr . Sie hatte nun auf einen daherkommenden Pferdebahnwagen zu achten , in dem sie die letzte Hälfte ihres Weges zurücklegen wollte . Als sie eingestiegen war , machte ein Herr ihr Platz neben sich . Sie erkannte Raikendorf . “ Mein gnädiges Fräulein , so ganz allein in dieser späten Stunde ? ” Raikendorf reichte ihr die Hand mit einem zärtlich zögernden Druck . Da Agathe diese seine Art , Damen die Hand zu geben , seit ungefähr sieben Jahren an ihm kannte , machte sie ihr natürlich nicht den geringsten Eindruck mehr . Jetzt hatte sie Raikendorf lange nicht gesehen . Er war in einer benachbarten kleinen Stadt Landrat . Aber sie freute sich jedesmal , ihm zu begegnen , wenn sie ihn auch im Grunde verachtete . Er verstand es , sie zum Widerspruch zu reizen , sie wurde immer lebhaft und bekam rote Backen , wenn sie mit ihm zusammenkam . “ Ach , ” sagte sie vertraulich zu ihm , “ ich bin sehr schlechter Laune — ganz melancholisch ! Ich war in einem Thee mit alten Jungfern . ” “ Schrecklich ! ” rief er schaudernd . “ Wie kam denn das ? Da gehören Sie doch nicht hin ! ” “ Es waren alles sehr vorzügliche Mädchen , ” seufzte Agathe . “ Nein — es ist schlecht von mir , daß ich so über sie rede . ” “ Ach seien Sie nicht zu gewissenhaft . ” Beide sprachen halblaut , damit ihre Umgebung sie nicht beaufsichtige . “ Nein , wirklich — ich müßte doch Interesse dafür haben , daß sie versuchen , unser Geschlecht weiterzubringen . Es ist oberflächlich und egoistich von mir — aber — ich kann es nicht erklären , was mich so abstößt . Sehen Sie — zum Beispiel : wenn man harmlos sagt : ich habe Veilchen gerne — da heißt es unfehlbar : Ja , würden die Frauen ihre Intelligenz mehr zusammennehmen , dann könnten sie Veilchen-Kulturen gründen , die würden guten Ertrag geben . Macht man die Bemerkung : das Bild dort hängt schief an der Wand , muß man hören : Das kommt davon , daß kein System in der weiblichen Erziehung ist . Haben wir erst Gymnasien , so wird kein Bild in der Welt mehr schief hängen . . ” Raikendorf lachte . “ Ach , mein gnädiges Fräulein — bei uns Männern ist es auch nicht viel anders . Jeder reitet eben sein Steckenpferd — und schließlich — wohl dem , der eins hat . Aber in allem Ernst — gehen Sie nur da nicht wieder hin ! Zu der Gesellschaft , die man frequentiert , wird man schließlich auch gezählt . ” “ Ich gehöre doch dazu ! ” “ Unsinn ! Pardon . . . . Sehen Sie mich einmal an . Na — Fältchen sehe ich vorläufig noch nicht — kein einziges . . . . ! ” “ Was haben Sie da für wundervolle Rosen ! ” “ Nicht wahr ? Frau von Thielen hat sie mir gepflückt — ich war heute Nachmittag draußen auf dem Werder , in ihrem Garten . Jetzt wollen wir einmal eine heraussuchen für Sie ? Eine , die Ihnen ähnlich sieht ? Was ? ” Seine grünlichen Augen waren nur klein und nicht besonders hübsch , aber sie konnten sehr freundlich blicken . Und er hatte so etwas einfach Natürliches beim Sprechen . Er wählte eine schöne , zarte Theerose , gab sie ihr schweigend , und sie nahm die auserlesene Blume mit einem flüchtigen “ O danke sehr . ” Ihre Wangen röteten sich leicht vor Vergnügen . “ Sie werden mir doch gestatten , Sie nach Haus zu begleiten ? ” “ Ja , sehr gern ! Ich fürchte mich des Abends allein auf der Straße . ” “ Es ist auch unangenehm für eine Dame . ” “ Wir sollten nicht so unselbständig erzogen werden . ” “ Aha — die Gymnasien . . . ? — Sie sehen doch , daß Sie zu rechter Zeit einen Beschützer