auch jetzt wieder in dem Tone lag ; er hörte nur die ungewohnte Willenskraft darin , und trotz der Abschiedsstunde leuchtete in seinem Antlitz ein Strahl des Glückes auf . Er hatte nur zu sehr gefürchtet , die Geliebte auch jetzt wieder so kindisch , so sorglos und gleichgültig gegen die Trennung zu finden , wie einst , wo sie seinem Schmerz auch nicht das mindeste Verständniß entgegenbrachte . Es beseligte ihn unendlich , daß auch sie seine Trennung so schmerzlich empfand , daß sie ihn so angstvoll zurückzuhalten strebte , und ihr leidenschaftlich gegebenes Versprechen erfüllte ihn mit nie gekanntem Entzücken Im überströmenden Gefühl beugte er sich nieder und küßte ihre Hand . „ Ich danke Dir , “ sagte er innig . „ Aber Du bist seltsam verändert , seit wir uns nicht gesehen haben . Wo ist denn die sonnige Heiterkeit meiner Gabriele geblieben , die sonst , noch mit der Thräne im Auge , schon wieder lächeln konnte ? Einst sagtest Du mir im Scherze : ‚ Du kennst meine eigentliche Natur noch gar nicht . ‘ Ich habe sie wirklich nicht gekannt – das fühle ich in diesem Augenblicke . “ Das junge Mädchen blieb die Antwort schuldig , aber die rosigen Lippen hatten in der That das Lächeln verlernt ; sie schienen ein geheimes Weh zu verschließen , das sich nicht in Worten erleichtern konnte . „ Verzeih , wenn ich Dich verkannte ! “ fuhr Georg mit steigender Zärtlichkeit fort . „ Ich bekenne es – ich habe oft an Dir gezweifelt und mit Bangigkeit der Stunde entgegengesehen , die den unausbleiblichen Kampf mit Deiner Familie bringen mußte . Jetzt sehe ich , daß Du auch tief und ernst empfinden kannst , und jetzt glaube ich an Dich und Deine Liebe , auch wenn ein Raven mit seinem Machtgebote dazwischen tritt . “ Gabriele zuckte bei den letzten Worten zusammen ; sie hob das gesenkte Auge empor . Es war ein Blick , den Georg nicht zu enträthseln vermochte , ein Blick voll Angst , Schmerz und rührender Bitte , aber schon im nächsten Momente wurde das Alles verdunkelt von einem Thränenstrom , der unaufhaltsam hervorstürzte . „ Meine arme Gabriele , “ flüsterte der junge Mann zu ihr niedergebeugt . „ Du bist so wenig an Leid und Kummer gewöhnt , und gerade ich muß es sein , der sie Dir bringt . Aber wir waren ja darauf gefaßt , für unsere Liebe zu kämpfen ; jetzt ist die Zeit da ; wir müssen ertragen und überwinden . Vielleicht bereut Freiherr von Raven es doch noch einmal , in solcher Weise die Vorsehung gespielt zu haben . Er entläßt einen Feind mehr in die Welt und keinen so unbedeutendem wie er glaubt . “ Gabrielens Thränen stockten ; sie entzog dem Sprechenden die Hand , die er noch in der seinigen hielt . „ Ihr seid – Feinde geworden ? “ „ Ich bin längst der Gegner Ravens gewesen . Frage mich nicht weshalb ! Dir gegenüber kann und will ich Deinen Vormund und Verwandten nicht anklagen ; das gehört vor ein anderes Forum . Aber glaube mir , er hat viel Haß und Feindschaft herausgefordert , hat seine Macht oft genug in einer Weise gebraucht , die unheilvoll geworden ist für seinen Wirkungskreis und einst noch unheilvoll für ihn selber werden wird . Er that nicht gut daran , mich mit eigener Hand aus dem Bannkreise seiner Persönlichkeit zu stoßen , der mich , wie so viele Andere , gefesselt hielt und dem ich mich nicht entziehen konnte , obgleich ich fühlte , daß er meine Willenskraft lähmte . Doctor Brunnow warnte mich nicht umsonst vor der dämonischen Macht dieses Mannes ; auch mich hat sie oft bewundern gelehrt , wo ich hätte verurtheilen sollen . Jetzt ist der Bann gebrochen , und dort in der Residenz fallen auch die Rücksichten die mich meinem unmittelbaren Vorgesetzten gegenüber banden . “ „ Was meinst Du ? “ fragte Gabriele unruhig . „ Ich verstehe Deine Andeutungen nicht . “ „ Du sollst sie auch nicht verstehen , “ sagte Georg fest , „ aber versprich mir eins ! Was Du auch hören magst , glaube nicht , daß persönliche Feindschaft oder niedrige Rache für einen versagten Wunsch mich zum Handeln treibt . Ich hatte längst beschlossen , den Kampf mit dem Gouverneur unserer Provinz aufzunehmen , weil er angenommen werden mußte und weil sich sonst Niemand fand , der es wagte , dem allmächtigen Raven die Stirn zu bieten . Ich hatte meine Waffen bereit – da lernte ich Dich kennen und erfuhr , daß der Mann , den ich auf Tod und Leben bekämpfen wollte , mein ganzes Lebensglück in Händen hielt , und da sank mir der Muth . Es mag unrecht , mag feige gewesen sein , aber ich möchte den sehen , der an meiner Stelle anders gehandelt , der es vermocht hätte , sich selbst all die Liebes- und Lebenshoffnungen zu zerstören , die ihm eben erst erblüht waren . Jetzt sind sie zerstört . Dein Vormund hat mir mit grenzenloser Härte auch für die Zukunft Deine Hand versagt , er , der nicht mehr wie ich zu bieten hatte , als er um die Tochter des Ministers warb . Wir sind als offene Gegner geschieden ; jetzt werde ich mich nur noch von dem leiten lassen , was ich für Pflicht anerkenne . Und nun – lebe wohl ! “ Gabriele hielt ihn zurück . „ Georg , so darfst Du nicht von mir gehen , nicht mit diesen dunklen Drohungen , die mich namenlos ängstigen . Was hast Du vor ? Ich will und muß es wissen . “ „ Erlaß mir das ! “ sagte der junge Mann , sanft , aber entschieden ablehnend . „ Um Deiner selbst willen darf ich Dir die Mitwissenschaft nicht auferlegen . Du bist nicht frei wie ich . Du bleibst hier in der Nähe Deines Vormundes ,