groß , als müsse in diesem neu erwachten Leben der Natur nun auch jede Wunde heilen , jede Kette brechen , als könne nichts dort athmen , was nicht der Freiheit , dem Glücke verwandt war . Und doch war der Blick der jungen Frau so seltsam ernst ; ihre Züge waren so schmerzlich gespannt , als läge für sie eine verborgene Qual in all dieser Schönheit ringsum . Sie hätte doch aufathmen müssen bei dem Gedanken an die auch ihr verheißene Freiheit , die ihr zu Theil werden sollte , noch ehe der nächste Frühling die Erde wieder grüßte . Warum konnte sie es denn nicht , warum zuckte bei dieser Vorstellung eine Empfindung durch ihre Seele , die selbst dem Schmerze verwandt war ? Wirkte vielleicht die Pein jener Stunde noch nach , in welcher zuerst das Trennungswort gesprochen und angenommen wurde ? Sie sehnte sich ja so heiß nach dieser Trennung , nach der Rückkehr zu den Ihrigen ; sie litt so schwer unter den Ketten , die sie kaum mehr ertragen konnte ; seit jenem Beisammensein hier oben konnte sie es nicht mehr ! Bis dahin war sie fest und sicher gewesen in ihrer Aufopferung für den Vater , in der Resignation des aufgezwungenen Schicksals , im Haß gegen die , welche es ihr aufgezwungen , aber mit jener Stunde schien sich die ganze Natur ihrer Empfindungen geändert zu haben . Mit ihr hatte der geheime Widerstreit in ihrem Innern begonnen , der Kampf gegen ein Etwas , das dunkel und unausgesprochen im tiefsten Grunde ihrer Seele lag , und das sie nicht Herr über sich werden lassen wollte , um keinen Preis , und doch hatte nur dies Etwas sie heute Morgen hinausgetrieben und sie fast wider ihren Willen fortgezogen bis an diesen Ort , und doch war es allein schuld daran , daß die Tochter des Baron Windeg die Etiquette soweit vergaß , den Diener zurückzulassen , der sie sonst immer auf ihren Ausflügen begleitete . Sie konnte und mochte heut ’ keinen Zeugen haben – und es war gut , daß sie keinen hatte , denn als sie einsam droben auf der Höhe hielt , da überkam es sie mitten in all der sonnigen Frühlingspracht wie eine leise Sehnsucht nach dem geheimnißvollen Reiz jener Stunde , wo Nebel und Wolken um sie her wogten , wo die Tannenwipfel über ihnen rauschten und der Sturm in den Schluchten und Thälern brauste , wo jene großen braunen Augen , die sich zum ersten Mal entschleiert zeigten , ihr auch die erste Ahnung davon gaben , daß aus diesem Mann vielleicht viel , vielleicht Alles hätte werden können , wenn er geliebt worden wäre und geliebt hätte , ehe die Hand des eigenen Vaters ihn in den Strudel riß , in dem schon so manche Kraft zu Grunde gegangen ist . Und mit dieser Erinnerung wachte etwas auf , was Eugenie Windeg nie gekannt hatte und was erst der Gattin Berkow ’ s zu lernen aufbehalten war , ein Weh , viel ruhiger , aber auch viel tiefer als Alles , was sie bisher erlitten , und sie legte die Hand über die Augen , aus denen ein heißer Thränenstrom unaufhaltsam hervorstürzte . „ Gnädige Frau ! “ Eugenie fuhr zusammen und zugleich machte Afra , erschreckt durch die fremde Stimme , einen Sprung seitwärts , aber in demselben Augenblick hatte auch schon eine kräftige Hand den Zügel ergriffen und zwang das Thier zur Ruhe . Ulrich Hartmann stand dicht neben demselben . „ Ich wußte nicht , daß das Pferd so schreckhaft ist , aber ich hatte es auch schnell genug am Zügel ! “ sagte er im Tone der Entschuldigung , während ein Blick halb der Besorgniß und halb der Bewunderung über die junge Reiterin hinglitt , die trotz der Ueberraschung fest im Sattel geblieben war Eugenie fuhr rasch mit der Hand über das Antlitz , um die Thränenspuren schnell zu verwischen , freilich zu spät ; ihr Weinen mußte nothwendig gesehen worden sein , und der Gedanke daran jagte eine tiefe Röthe auf ihre Wangen und gab ihrer Stimme einen Ausdruck von Unwillen , als sie rasch und etwas befehlend sagte : „ Lassen Sie den Zügel los ! “ Afra ist nicht gewohnt , von Unbekannten gehalten zu werden , und scheut leicht bei jeder fremden Berührung . Sie bringen mich und sich in Gefahr mit Ihrer Nähe ! “ Ulrich gehorchte und trat zurück . Eugenie legte mit schmeichelnder Liebkosung ihre Hand auf den Hals des Thieres , das in der That nur schnaubend und ungeduldig die fremde Hand am Zügel ertragen hatte , deren Macht es gleichwohl im ersten Moment erkannte . Allein Afra ließ sich durch die Liebkosung der Herrin in wenigen Secunden beruhigen . Während dessen hingen Hartmann ’ s Blicke unverwandt an der jungen Frau , die sich freilich zu Pferde so vortheilhaft ausnahm , wie nur wenige ihres Geschlechts . Das dunkle Reitkleid , das Hütchen mit dem Schleier auf den blonden Flechten und über dem schönen , noch vom Weinen gerötheten Antlitz , die leichte und sichere Haltung , die sie trotz der Unruhe Afra ’ s keinen Augenblick verlor , zeigten das Ebenmaß der hohen schlanken Gestalt im vollsten Lichte . Die ganze Erscheinung , wie sie , vom hellen Sonnenlicht umflossen , auf dem Rücken des schönen Thieres saß , war ein vollendetes Bild von Kraft und Anmuth . „ Sie waren hier oben , Hartmann ? “ fragte Eugenie , in der leisen Hoffnung , er könne die Höhe erst im Moment seiner Anrede erreicht und ihre Thränen nicht gesehen haben . „ Ich bemerkte Sie vorhin nicht . “ „ Ich stand dort drüben ! “ Er deutete nach dem Ausgange des Waldes hinüber , den sie allerdings nicht beachtet hatte . „ Ich sah Sie heraufreiten und blieb , um auf Sie zu warten . “ Die junge Frau , die im Begriff war , an ihm vorüber in den