Gedanken des Kardinals . » Es ist nicht anders « , sagte er zu sich , » Richelieu überläßt uns seinen protestantischen Feldherrn , solange der selbst Getäuschte auch uns aufrichtig zu täuschen vermag . – Stirbt des Herzogs Glaube oder unser Glaube , so ruft er ihn plötzlich ab und ersetzt den christlichen Worthalter durch einen Soldaten , der seine Kreatur ist ... Ich aber will Fuß fassen auf dieser hugenottischen Ehre ! Ich stelle mich auf diesen Felsen . Ich halte es fest dieses gute französische Pfand ! « ... und er schloß die eiserne Faust . Er sann nach , wie das möglich wäre – und es trat ein Judasgedanke aus seiner Seele und stand plötzlich in so naher Häßlichkeit vor seinem Angesichte , daß ihn schauderte . Aber er sagte sich mit einem sichern Lächeln : » Der gute Herzog wird mich nicht durchschauen , wie sein Gott den Judas . « Rasch wandte er den Blick weg von dem Verrate an diesem Reinen ; er konnte ihn vollbringen , aber nicht betrachten . Hinüber richtete er das Auge nach dem fernen Frankreich und er forderte den großen Kardinal zum Zweikampf in die Schranken seines Berglandes , Mann gegen Mann , List gegen List , Frevel gegen Frevel . Und sein Herz brannte in wilder Freude , weil in Bünden einer war , der sich der schlauen Eminenz gewachsen fühlte . So durchjagte Jenatsch das Reich der Möglichkeiten mit rastlosen Gedanken . Er achtete des Weges nicht und jetzt eilte er schon im nächsten talabwärts gelegenen Dorfe längs einer langen Kirchhofmauer dahin , als er gewahr wurde , daß ein barfüßiges Bauerkind eilig neben seinen langen Schritten einherlief . Die Kleine hielt schon längst einen Brief in die Höhe , der ihr , wie sie ehrerbietig ausrichtete , von der Schwester Perpetua für Seine Gnaden den Herrn Oberst übergeben worden sei , welchen die Schwester an der Pforte des Klostergartens habe vorübergehen sehn . – Der Oberst blickte um sich , er war in Cazis . Er verabschiedete die Kleine und lenkte , wie vom Finger des Schicksals berührt , in die Dorfgasse ein , wo sich die Lichter entzündet hatten . Er hatte auf dem Umschlage im letzten Dämmerscheine die Handschrift seines alten Freundes , des Paters Pancraz , zu erkennen geglaubt . Am Fenster eines Erdgeschosses sah er ein graues Mütterchen beim Scheine der Ampel spinnen . Er lehnte sich außen an die Mauer , so daß ein spärlicher Strahl auf das Blatt fiel und las : » Hochmögender Herr Oberst , ich erdreiste mich , Euch einiges zu melden , das für Euch und unser Land wichtig sein kann . Der Vertrag von Chiavenna ist ein vergängliches Blendwerk , das uns die Eminenz in Paris vorspiegelt . Seit ich in Mailand verweile , wurde mir zur Gewißheit , was mir schon früher eine in meinem Kloster am Comersee zufällig aufgefangene Rede verriet . Kurz vor der Weinlese herbergte dort ein französischer Ordensbruder , ein beredter Prediger , der zur Erholung seiner abgearbeiteten Lunge und des ewigen Heiles wegen – wozu Gott uns allen in Gnaden verhelfe – den Weg nach Rom angetreten hatte . Beim Nachtessen im Refektorium klagte der Prior mit ihm über die Zeitläufte und bedauerte , daß das Valtelin durch den Vertrag von Chiavenna wiederum zu Bünden geschlagen werde . › Darüber seid ohne Sorgen ‹ , fuhr der Franzose heraus , der nicht wußte , daß ein guter Bündner am Tische saß , daß dieser Vertrag keinen Soldo wert ist , weiß ich aus bester Quelle . Als ich mich in Paris vor meiner Abreise bei meinem Superior , dem Pater Joseph , beurlaubte , kam ich gerade dazu , wie dieser und der Nuntius des Heiligen Vaters den Entwurf besagten Vertrags ihren prüfenden Blicken unterwarfen . Der Nuntius ließ sich hart dagegen aus , der hitzige Pater Joseph aber zerknitterte das Papier in seiner Faust , ballte es zu einer Kugel zusammen und warf es in den Winkel mit den Worten : › Dieser Vertrag eines Ketzers mit Ketzern wird niemals gelten . ‹ – Ich verhielt mich mausestill , aber hatte meine Gedanken ; denn , was der Pater Joseph bedeutet , wißt Ihr besser als ich . – Hier in Mailand , wo ich mich in Ordensgeschäften seit zehn Tagen aufhalte , wurde ich gestern in den Palast des Gubernatore gerufen , um seinem Gesinde wegen eines häuslichen Diebstahls ins Gewissen zu reden . Da beschied mich der Herzog , der meine bündnerische Herkunft erfahren , zu sich und sagte mir halb ernst halb scherzweise : › Wie ich jetzt Euch vor Augen habe , Pater Pancraz , möcht ich wohl den Obersten Jenatsch liedhaft vor mir sehen . Es wäre mir ein leichtes dem verständigen Manne darzutun , daß der Vertrag von Chiavenna nichts ist als ein verdorbenes Pergament , daß euch Frankreich das Veltlin nie zurückgibt und daß Spanien euch Bündnern Bedingungen machen könnte , bei denen ihr euch ganz anders stündet . – Pater Pancraz , Ihr habt mir den gestohlenen Siegelring hervorgezaubert , könntet Ihr mir Euern Jenatsch , den einzigen , mit dem mir zu verhandeln möglich ist , auf dieselbe stille und prompte Weise in dies Kabinett bringen , so solltet Ihr Eurerseits Wunder erleben . ‹ – Da kam es wie eine Erleuchtung über mich , Euch von dieser merkwürdigen Rede Kunde zu geben . Kommt Ihr , so werde ich dafür sorgen , denn ich bleibe einstweilen in Mailand , daß Ihr außer dem hohen Herrn von niemand erblickt werdet . Könnet Ihr Euch daheim nicht frei machen , was ein Unglück wäre , so schickt eine Vollmacht , aber nur durch einen Mann , dem Ihr traut wie Euch selbst , wenn Ihr einen solchen kennt . Vergebt meinen Vorwitz und säumt nicht ! Der für meines Herrn Obersten zeitliches und ewiges Heil täglich betende Pater Pancraz . « Das Schreiben des Kapuziners , dessen menschenerfahrene Klugheit