empört , daß man ihr zugemutet hatte , einen Choral anhören zu müssen . Der Gouvernante entging dieses fatale Lächeln nicht – ein stechender Blick sprühte aus ihren Augen . » Ich bin übrigens nicht so egoistisch « , fügte sie nicht ohne eine Beimischung von Schärfe hinzu , » bei Benutzung dieser Räume lediglich an das Bedürfnis und das Heil meiner Seele zu denken – das gesamte Schloßpersonal und die Gutsangehörigen sind gezwungen , hier mit mir zu verkehren ... Exzellenz , ich arbeite nicht allein im Weinberge des Herrn , sondern auch – « » O bitte « – unterbrach sie die Baronin , indem sie ihr abwehrend die Hand entgegenstreckte – , » glauben Sie , ich wisse nicht , was uns gegenwärtig nottut ? ... Ich begreife genau so gut wie Sie , meine verehrte Frau von Herbeck , wo der Zügel straff anzuziehen ist , und soweit meine Machtvollkommenheit irgend reicht , sehe ich unerbittlich streng darauf , daß man nicht anders denkt und – glaubt , als ich es wünsche ... Deshalb aber werden Sie mir doch nicht im Ernst zumuten wollen , das , was ich mit Recht von meinen Untergebenen verlange , in eigener Person zu vertreten ? ... Wenn es Ihnen Vergnügen macht , sich zu kasteien , ei , so tun Sie es doch – aber für sich ganz allein , wenn ich bitten darf ! ... Daß Sie mich hierhergeführt haben , sieht ein ganz klein wenig aus wie – die bekannte Herrschsucht der Gläubigen , und deshalb , meine liebe Frau von Herbeck , werde ich den Kaffee nicht hier trinken in diesen Räumen , wo uns der Staub in die Sahne fällt und alle die gequälten und heiligen Augen an den Wänden den Appetit verderben . « Wie das beißend klang von den feinen Lippen , wie diese wundervollen schwarzen Augen funkelten in dem Gemisch von beleidigtem Stolz und eisigem Hohn ! ... Selbst in der graziösen Bewegung , mit der sie abstaubend über den Arm fuhr , der die Stuhllehne berührt hatte , lag eine ironische Demonstration . Sie nahm ihr Kleid auf und verließ den Saal . » Der Kaffee wird im weißen Zimmer , unten bei Seiner Exzellenz getrunken ! « befahl sie im Vorübergehen dem Bedienten , der im Korridor wartete . Frau von Herbeck folgte ihr schweigend und widerspruchslos , aber ihre Wangen glühten , und die Blicke , die sie auf die vor ihr hinschwebende schöne Frauengestalt warf , sprühten nun auch in unverhehlter Bosheit . Möglicherweise gedachte auch sie der Vergangenheit und vielleicht gerade des blauen Samtmantels , den sie einst barmherzig um jene schwellenden Glieder geworfen hatte , damit die jetzige Herrin des weißen Schlosses wenigstens » einigermaßen anständig « ihren Einzug halten konnte . 12 Am anderen Tage waren die Jalousien vor den Fenstern der Gemächer , welche die Baronin Fleury bewohnte , fest geschlossen – die Dame litt an heftigen Nervenkopfschmerzen infolge der gestrigen Fahrt und Sonnenhitze . Sie ließ niemand vor sich ; in den naheliegenden Korridors herrschte Totenstille , und daß nichts , nicht einmal das leise Geräusch einer knarrenden Sohle die Leidende störe , dafür sorgte schon der Minister , der , wie man sich erzählte , seine schöne Gemahlin noch ebenso abgöttisch liebte wie am Hochzeitstage . In dem gegenüberliegenden Schloßflügel , der die Fremdenzimmer enthielt , ging es um so geräuschvoller zu . Am frühen Morgen schon kamen Handwerker aus A. in Begleitung eines großen Möbelwagens . Die seit Prinz Heinrichs Zeiten nicht erneuerten und deshalb sehr verblaßten seidenen Bett- und Fenstergardinen wurden abgenommen – man riß die veralteten Tapeten von den Wänden , um sie neu , und zwar in sehr kostbarer Weise zu ersetzen , vertauschte die unmodernen Kristallkronleuchter mit Bronzelüstern und schaffte die , wenn auch immer noch wertvollen , aber doch altmodisch gewordenen Möbel in entlegene Räume . Seine Exzellenz leitete dies alles selbst mit peinlicher Sorgfalt und Genauigkeit – es handelte sich aber auch um nichts Geringeres als einen fürstlichen Besuch ... In dem prachtvollen , von königsblauem Seidenstoff umrauschten Bette sollte der Landesherr schlafen , die aus Paris mitgebrachten herrlichen Spiegel sollten sein fürstliches Antlitz widerstrahlen , und die Statuetten und Gemälde , die halb ausgepackt umherstanden , seine verwöhnten Augen ergötzen . Dem Fürsten waren auf seiner jüngsten Reise zufällig einige das Regiment seines Ministers in sehr greller Weise beleuchtende Zeitungen in die Hand gefallen – er war tief empört gewesen über diese » Schmähartikel « und das » Lügengewebe « , und um seinem so gehässig angegriffenen Liebling eine augenfällige Genugtuung vor aller Welt zu geben , hatte er sich als Gast auf dem Landsitz des Ministers angemeldet . Das war eine Auszeichnung , deren sich auch nicht eine adlige Familie des Landes rühmen konnte – es mußte mithin alles geschehen , um durch möglichste Glanzentfaltung der seltenen Gnadenbezeigung würdig zu werden ... Wie leicht wurde das Seiner Exzellenz – er brauchte ja nur in seinen französischen Säckel zu greifen ! ... Übrigens schüttelten die Schloßleute die Köpfe – er hatte bei seiner Ankunft außergewöhnlich heiter ausgesehen , und nun war er über Nacht mürrisch und über alle Begriffe übellaunig geworden – ein sorgfältiger Beobachter hätte sogar einen neuen Zug in dem sonst so streng beherrschten Gesicht finden können , den der geheimen Sorge ... Mit der jungen Gräfin und Frau von Herbeck war er nur beim Diner zusammengekommen , und er , der sich sonst bei seinen Besuchen auf Greinsfeld und Arnsberg in Sorgfalt und Aufmerksamkeiten für sein krankes Stieftöchterchen förmlich erschöpfte , er hatte ihr zerstreut und einsilbig gegenübergesessen , während Frau von Herbeck an sich selbst die traurige Erfahrung machen mußte , daß die beißende Satire Seiner Exzellenz während des letzten Pariser Aufenthaltes bedeutend an Schärfe gewonnen hatte . So war der erste Tag verstrichen . Nun lag ein prachtvoller Morgenhimmel über dem Thüringer Wald . Das junge Sonnengold und der leise vorüberziehende frische Morgenwind sogen die letzten Taureste von den