gesinnten Herrscherin fiel . » Verzeihen Sie , meine Liebe ! Ihre Anschauungen sind so seltener Art , daß sie mir zu meinem alten , lieben Schönwerth zu passen scheinen , als wolle man die Trikolore auf die ehrwürdigen Türme dort pflanzen , « sagte sie schneidend und zeigte nach dem Schlosse . » Ich kann mir nicht helfen , und Sie mögen mir deshalb auch nicht gram sein , aber mir ist immer , als hörte ich irgend eine Gouvernante , irgend eine simple Schulze oder Müller , ihre wunderlichen Ansichten entwickeln – gilt Ihnen das Vorrecht , den glänzenden Namen Mainau zu tragen , so wenig ? « » Hoheit , bis vor wenigen Wochen war ich die Gräfin Trachenberg , « unterbrach sie die junge Frau , mit stolzer Ruhe ihren alten , hocharistokratischen Familiennamen betonend . » Wir sind verarmt , und auf den letzten Trägern des Namens liegt der Makel der Selbstverschuldung – aber der Stolz auf die Heldenthaten und das fleckenlose Verhalten einer langen Ahnenreihe ist trotz alledem mein Erbteil ; ich weiß gewiß , daß ich es nicht schädige , wenn ich menschlich fühle und denke , und deshalb können auch die Mainaus unbesorgt sein . « Die Herzogin klemmte zornig die Unterlippe zwischen ihre feinen , spitzen Perlenzähnchen , und an der wogenden Bewegung der Rockfalbeln sah man , daß ihre kleinen Füße den Kies ungeduldig bearbeiteten – die Hofdame und der Prinzenerzieher bemerkten erbebend dieses Zeichen ausgesprochenster allerhöchster Ungnade . Mainau hatte sich , solange Liane sprach , abgewendet , als wolle er gehen ; jetzt sah er über die Schulter zurück . » Hoheit , ich bin unschuldig , « versicherte er , beide Hände spöttisch beteuernd auf das Herz legend . » Ich kann wirklich nicht dafür , daß Sie im › lieben , alten Schönwerth ‹ eine solche Antwort hören müssen – ich glaubte selbst an schlichten Taubensinn . Diese Dame mit dem sanften Lavallièregesichtchen hat nicht allein den berühmten Namen , sondern auch das Schwert ihrer heldenhaften Vorfahren geerbt – es sitzt ihr in der Zungenspitze – ich weiß ein Lied davon zu singen . « Er zuckte unter höhnischem Auflachen die Achseln . Diese kleine , scharf zugespitzte Szene , bei der jedes Wort der eben zerdrückten Lichtflamme inmitten des Schießpulvers glich , wurde unausgesetzt von dem leisen Weinen der kleinen Prinzen begleitet – der heldenmütige Erbprinz wollte sein geliebtes Karottengericht auf dem Abendbrottisch nicht einbüßen , und sein Bruder weinte um den Pony , den er morgen nicht sehen durfte . Herrn Werthers eifrig geflüstertes Zureden verfing nicht , und als er sie , ohnehin geängstigt durch das sichtbare Zürnen der Herzogin , rasch hinwegführen wollte , da brach das moderierte Klagduett in ein lautes Aufschreien aus . Fast zugleich hörte man den Fahrstuhl des Hofmarschalls eiligst heranrollen . Mit angstbleichem Gesicht kam der alte Herr näher ; als er aber die gesamte Gesellschaft heil und unversehrt erblickte , befahl er dem Jägerburschen , der ihn fuhr , zu halten – er wollte offenbar den nächsten Umkreis des indischen Hauses meiden . Mit ihm kamen auch der Hofprediger und Frau Löhn , beide in sichtlicher Aufregung , die wohl das Weinen der Kinder erhöht hatte . » Um Gotteswillen , Raoul , was gehen hier für unerhörte Dinge vor ? « rief der alte Herr . » Ist es wahr , wie die Löhn sagt , daß die Kinder mit Schießpulver gespielt haben ? « » Ein Spiel mit tieferem Sinn , Onkel – die Lotosblume sollte schließlich doch noch in die Gefahr kommen , als Hexe zu sterben : die Kinder haben sie in die Luft sprengen wollen , « antwortete Mainau mit halbem Lächeln . » Wär ' s nur vor sechzehn Jahren geschehen ! « stieß der Hofmarschall mehr murmelnd heraus , wobei sein Blick scheu das Bambusdach streifte . » Aber nun frage ich , wie kommt das Pulver in die Hände der Kinder ? ... Wer hat es Ihnen gegeben , mein Prinz ? « wandte er sich an den konsequent heulenden Erbprinzen . » Der Mann da ! « sagte er und zeigte nach dem Jägerburschen , der unbeweglich , in dienstlicher Haltung , hinter dem Fahrstuhl stand . Der kleine Feigling hatte nicht den Mut , für seine That verantwortlich zu sein ; er wälzte sie auf die Schultern eines anderen . » Aber das ist ja gar nicht wahr ! « rief Leo aufgebracht – seine unbestechliche Wahrheitsliebe und Geradheit empörten sich gegen diese Lüge . » Dammer hat uns das Pulver nicht gegeben ; er wollte es ja gar nicht leiden – er war nur schrecklich grob und wollte mich zu Boden schlagen , und dabei hat er uns › Brut ‹ geschimpft und hat gesagt , für und alle wäre es besser , wenn ein Schwefelfaden unter uns angesteckt würde . « » Hund ! « fuhr der Hofmarschall wütend nach dem Jägerburschen herum – er schnellte empor , sank aber ächzend vor Schmerz wieder zurück . » Da siehst du nun , Raoul , wohin deine Humanitätsanwandlungen führen ! Man ernährt diese Tagediebe und schützt sie mit unerschöpflicher Güte vor dem Hungertode ; wenn man aber nicht stündlich mit der Hetzpeitsche hinter ihnen steht , da werden sie frech , stehlen , wo sie können , und schließlich ist man nicht einmal seines Lebens vor ihnen sicher . « » Beweisen Sie mir einen einzigen Diebstahl , gnädiger Herr ! « rief der Jäger mit auflodernder Heftigkeit – der Mann war schrecklich anzusehen mit seinen rollenden Augen und der dunklen Zornglut , die seine Wangen bedeckte . » Ein Tagedieb wär ' ich ? Ich arbeite redliche – « » Ruhig , Dammer – entfernen Sie sich ! « gebot Mainau und zeigte nach dem Jägerhause . » Nein , gnädiger Herr , ich habe die Ehre so gut wie Sie , und ich halte vielleicht mehr darauf als die großen Herren , denn