gesetzlose Nomadenvolk festhält . – » Dummes Zeug ! « sagte der Amtmann immer – und jetzt sagte es auch Herr Markus , indem er heftig den Kopf schüttelte und mit dem Fuß einen Stein aus dem Weg schleuderte . Dummes Zeug ! – Dieses züchtig verhüllte , stolze , tapfere Mädchen unter der halbnackten Zigeunerjugend , unter wüsten Spitzbuben- und Hexengesichtern , durch die Welt ziehend ! – Wie war es nur möglich , daß sich diese verrückte Vorstellung immer wieder einschleichen konnte in einen Kopf mit gesundem Menschenverstande ! In verdoppelter Eile schritt er weiter . Im Forstwärterhause mußte ihm Aufklärung werden ; und war das Mädchen fort , nun – so schüttelte er den Staub von den Füßen und ging ihr unverweilt nach , bis er sie fand ... Das grüne Leuchten der sonnenheißen Buchenwipfel war wie weggelöscht – dunkel und regungslos stand der Wald unter dem tiefziehenden Gewitter , als hielte er mit allem , was in ihm lebte und webte , bang den Atem an . Bis in sein Herz hinein war die sengende Glut der letzten Tage gekrochen . Der schmale , sonst immer feuchte Weg sah gebleicht aus , dürres , knisterndes Gras stand an seinen Rändern , und die Farnwedel hingen schlaff und saftlos darüber her . Und das Bächlein , das ihn quer durchschnitt , war nahezu versickert – das lose über das Uferbett gedeckte Brett lag wie zum Hohne da . Herr Markus schritt darüber hin . Zur Rechten lief das Dickicht schnurgerade auf ebenem Boden weiter ; links aber tat sich der schmale , an die Berglehne geschmiegte Wiesengrund auf , in welchem das Waldhüterhaus lag . Ziemlich entfernt durchschnitt ihn die Fahrstraße in sanfter Krümmung , und weiterhin kamen die roten Ziegelwände des einsamen Hauses in Sicht . Bei diesem Anblick blieb der Gutsherr überrascht stehen . Dort trat eben der nächtliche Reiter auf die Türstufen und bestieg sein Pferd , das der Forstwärter hielt ! Und jetzt im Tageslicht schwand alle Romantik ! Der stattliche alte Herr im Sommermantel , mit seinem kurzgeschorenen grauen Haar und den Wildledernen über den Händen , würde sich wohl schönstens bedankt haben für die Rolle eines Zigeunerhauptmanns . – In ziemlich scharfem Trabe ritt er vom Hause weg : Freund Dachs lief voraus , und der Forstwärter marschierte nebenher – nach wenig Augenblicken waren sie im Walde verschwunden . Was nun ? – Im ersten Augenblick stürmte Herr Markus vorwärts – der Grünrock war der einzige , der ihm Auskunft geben konnte ; aber allmählich verlangsamte sich sein Eilschritt ; er konnte doch unmöglich den Mann , der in sichtlicher Eile sein Haus verließ , wie ein Wegelagerer stellen und ihm auf offener Straße eine Erklärung abzwingen ! – In diesem Augenblick sah er , wie eine Katze die Türstufen herabschlich und quer über den Fahrweg in das Dickicht spazierte – die Tür mußte offen sein , und da waren auch Leute im Hause ... Er ging unter den Eckfenstern hin ; die blauen Rollvorhänge hingen noch hinter den Scheiben ; aber die Tür klaffte in der Tat , und Herr Markus zögerte nicht , sie geräuschlos weiter zu öffnen und einzutreten . Die Hausflur hatte keine Fenster , sie war kühl und dunkel : aber da zu seiner Rechten stand die Tür des Eckzimmers – wahrscheinlich der einströmenden Kühle wegen – weit offen , und ein bläuliches Licht floß heraus in den dämmernden Raum . Nun überschlich ihn doch ein widerwärtiges Gefühl – er stand ja selbst wie ein eingedrungener Dieb in dem beargwöhnten Hause ; wie sollte er wildfremden Menschen sein Hiersein beim ersten Entgegentreten genügend begründen ? – Nichtsdestoweniger schloß er die Haustür leise hinter sich und verharrte einen Augenblick beobachtend auf seinem Platze . Im ganzen Hause herrschte Totenstille , und zuerst ließ das ungewisse Licht alle Gegenstände vor dem Auge des Eingetretenen verschwimmen ; aber auch nur für einen Augenblick , im nächsten machte er eine überraschende Entdeckung – Fräulein Erzieherin war da , sie war im Hause ! Da , auf einem Tische , nahe der Tür , lag der graue Schleierhut und die Handschuhe , welche das friedfertige Gemüt der guten Griebel in Wallung gebracht hatten ... Ah , der Vogel war gefangen ! Eine Art Triumph , ein rachsüchtiges Gefühl quoll heiß in ihm auf . Jetzt wollte er dem » Bild von Sais « den Schleier vom Gesicht ziehen ! Die grausame Egoistin sollte beichten und büßen ; sie selbst sollte und mußte ihm dazu verhelfen , das Mädchen wiederzusehen , das sie in Not und Entbehrung mit sich geschleppt hatte , um es dann erbarmungslos seinem Schicksal zu überlassen . Rasch entschlossen trat er unter die Stubentür , aber erschrocken fuhr er zusammen und zog sich unwillkürlich wieder tief in die Hausflur zurück . In der gegenüberliegenden Zimmerecke – es war just die Ecke , aus welcher gestern abend das eintönige Gemurmel der männlichen Stimme gekommen – stand ein Bett , und in den Kissen desselben lag ein Schläfer . Färbte die blaue Dämmerung das stille Antlitz so leichenhaft , oder hielt der wirkliche Todesschlaf die Augen dort geschlossen , das ließ sich schwer entscheiden . Darüber sann auch der bestürzte Mann in der Hausflur nicht – er starrte nach dem wallenden , rötlichblonden Vollbart , der sich über die buntgewürfelte Bettdecke breitete . Wie kam der Mensch , den er und Frau Griebel neulich gleichsam von der Landstraße aufgelesen und eine Nacht im Gutshause verpflegt hatten , hierher , und seit wie lange beherbergte ihn die geheimnisvolle Ecke dort , die ihm , dem Gutsherrn , so viel Kopfzerbrechens verursacht ? ... Was aber vor allem hatte Fräulein Erzieherin , die dünkelhafte , gezierte Weltdame , hier im Waldhüterhaus , am Krankenbett eines Landstreichers zu schaffen ? Ein leises Geräusch , das Hingleiten eines Frauengewandes über die Dielen des Zimmers ließ den Lauscher noch tiefer in das Dunkel zurücktreten – er wollte sich erst klar werden über das Tun und