Pfarrhof , doch plötzlich blieb sie stehen . Was wollte sie eigentlich hier ? Dem Herrn Pfarrer und seiner Frau Lebewohl sagen ! Wenn sie nun aber der gute fromme Greis etwa wie immer ermahnte , recht gottesfürchtig zu sein ? Oder wenn er sie gar fragte , ob sie noch an Gott glaube ? Was sollte , was konnte sie ihm dann antworten ? Durfte sie , die Ab ­ gefallene , Zweifelnde , den Diener Gottes aufsuchen ohne sich einem peinlichen Gericht auszusetzen — oder zu lügen ? Da stand sie nun wie eine Büßende vor der Tür , die sich ihr so oft gastlich aufgetan uno wagte nicht , einzutreten . Zweimal hatte sie die Glocke in der Hand und ließ sie immer wieder los , ohne daran zu ziehen . Sie wußte , daß es dem alten Herrn leid tun würde , wenn sie ohne Abschied fortginge , aber sie wußte auch , daß es ihn noch tiefer schmerzen würde , wenn sie ihm verriete , wie es in ihr aussah . Vielleicht verachtete er sie dann gar , das konnte sie nicht ertragen und wie sie sich vor dem Onkel ihres immer wiederkehrenden Glaubens schämte , so schämte sie sich jetzt vor dem Priester ihrer immer wiederkehrenden Zweifel . Wie oft hatte er ihr gesagt — es sei eine Sünde , zu grübeln — und sie hatte diese Sünde be ­ gangen , sie beging sie noch in diesem Augenblicke . Nein — sie konnte mit solch bösem Gewissen weder seinen Blick aushalten , noch die weichen , stets gefalte ­ ten Hände der Frau Pfarrerin küssen , — und sie schlich fort hinter dem Hause vorbei , damit sie Niemand bemerke und trat in den Friedhof ein , wo es einsam und still war und sie ihr schuldbeladenes kleines Herz an den Gräbern ihrer Eltern bergen konnte . Sie kniete bei den Kreuzen nieder und rang nach Tränen , die sie erleichtern sollten ; — aber kein Segen stieg für sie aus den Grüften auf , die der Geist den Eltern nicht umwallte , die — wie Onkel Leuthold sagte — nur Knochen bargen . Und dennoch sehnte sie sich so sehr , Buße zu tun . „ Wenn ich nur jetzt noch schnell glauben könnte , wenn ich den lieben Gott recht inbrünstig um Verzeihung bäte , dann könnte ich auch noch zum Herrn Pfarrer , “ dachte sie . Ratlos blickte sie um sich ; da stand ja die Kirche und die Tür war offen . Da hinein in das Haus Gottes wollte sie , — vielleicht fand sie an der heiligen Stätte wieder , was sie verloren . In tiefer Zerknirschung trat das Kind ein , es warf sich vor dem Altar auf die Kniee und schloß die Augen . „ Jetzt — jetzt wirst Du beten können ! “ dachte es , aber wie in jener furcht ­ baren Nacht , wo ihm Frieden und Religion geraubt ward — die Andacht nahte sich ihm , wie ein scheuer Vogel und wenn es sie bannen wollte , entschlüpfte sie ihm . Da lag die kleine schuldlos Büßende , die Seele voll Frömmigkeit und konnte nicht beten , das Herz voll Tränen und konnte nicht weinen . Verzweifelnd sprang sie auf — auch hier war Gott nicht . Im Sturm hatte sie ihn zu fühlen gemeint , den Sturm für sei ­ nen Atem gehalten , aber der Onkel hatte ihr ja auf dem Heimweg bewiesen , jener sei nichts als eine Luft ­ strömung , veranlaßt durch die wechselnde Erwärmung der Erdoberfläche oder starke Regengüsse , und sie hatte nieder gesehen , wie sehr sie sich geirrt , wie viel mehr der Oheim wisse , als der Pfarrer , und hatte ihm ver ­ traut . Wenn sie aber dem Oheim glaubte , konnte sie nicht an Gott glauben — sie konnte nichts dafür und doch lastete dieser Abfall auf ihr als das erste Ver ­ brechen ihres Lebens . Ihre treue Seele glich dem Eisen , das noch lange fortglüht , auch wenn das Feuer , das es erhitzte , ausgebrannt ist : ihr Glaube war erloschen , aber die Wirkung des Glaubens dauerte fort und wurde in ihr zum Strafgericht . — Es be ­ gann zu dunkeln und noch immer stand sie da mit gesenktem Haupte und niedergeschlagenen Augen ; der Christus , der sich für seinen „ Wahn “ , wie es der Oheim nannte , ans Kreuz schlagen ließ , sah sie so vorwurfsvoll an — sie wagte nicht , zu ihm auf ­ zublicken . Er hatte für das geblutet , was sie verleugnete — es war ihr , als müsse er die Hand mit dem Nagel vom Holze reißen und drohend gegen sie aufheben ; — ein unerklärlicher Schauder überrieselte sie , sie stürzte wieder auf die Kniee . „ Vergib , vergib ! “ rief sie und nun plötzlich löste ein Strom von Tränen das Band , das ihr Herz zusammenschnürte . Da faßte sie etwas an der Schulter und zog sie in die Höhe — war es der Oheim oder der Teufel , der sie angrinste ? „ Also hier finde ich Dich ! “ spottete er , „ im Dunkeln — weinend und knieend ? Ei , ei , ich suchte meine kleine stolze Philosophin und finde ein wimmerndes Kind , das zu einer Holzpuppe betet ! Kannst Du mir nicht sagen , wo Ernestine Hartwich ist ? “ „ Onkel , “ rief Ernestine mit schmerzlichem Trotz , „ warum verfolgst Du mich heute überall ? Kann ich denn keine Stunde allein sein , muß ich über jeden Gedanken Rede stehen . Du hast mir Alles genommen , woran ich noch hing , bist zwischen mich und den lieben Gott getreten , daß ich nun nicht einmal mehr zum Herrn Prediger gehen kann und mich ums Pfarrhaus schleichen muß , als hätte ich gestohlen — meinst Du denn , so