Stunde mußte ja der freche Junge abreisen ! Daß er so bald nicht wiederkomme – der , der Mädchenjäger , dafür würde sie schon Sorgetragen ! I , Gott bewahre ! Hatte sie deshalb ihre Zukunft geopfert , um dem Hauchebild dennoch das Kind zu überlassen ? Und Frau Amtsrat führte diesen Vorsatz durch mit bewundernswerter Taktik und Ruhe . Sie tat ihrem stillseligen , verträumten Töchterlein gegenüber , als wäre sie vollkommen ahnungslos , 213 aber sie zog einen unsichtbaren Kordon um Röschen und um die verhaßte Tante Lotte . Eigentlich war es nie stiller und friedlicher gewesen in dem schönen alten Hause der Spohngasse als gerade jetzt nach der Abreise des jungen Mannes . Die Monate vergingen , die Weihnachtszeit rückte heran , das Städtchen lag tief verschneit und der Hilgendorfer Witwer fuhr im Schlitten mit Schellenklang und Peitschenknall die Gasse entlang und zog respektvoll die Pelzmütze , als er vor dem Hause der Frau Amtsrat vorüber kam . Die blonde Frau saß am Doppelfenster voll blühender Hyazinthen und nähte , das Töchterlein ihr gegenüber . Letzteres tat , als wäre es blind und taub und zog gedankenlos die Nadel durch die feine Damastserviette , die es auf Befehl Mamas besäumen mußte . » Mein liebes Röschen , der Herr Oberamtmann hat eben gegrüßt , « erinnerte die Mutter wohlwollend . » So ? « meinte Röschen gedehnt . » Ich glaube , Mama , er hat mich nicht gegrüßt , er sah dich nur an . « » I , Gott bewahre ! Entschuldige dich nur nicht so töricht , Kind ! « » Wahrhaftig , Mama ! « beteuerte Röschen mit großen , unschuldigen Augen , » er sieht immer nur dich an , auch wenn wir ihn auf der Straße treffen , und schließlich verdenke ich es ihm gar nicht , du bist doch eine sehr hübsche Frau , Mama . « 214 » Seit wann hast du denn das Schmeicheln erlernt ? « » Das Schmeicheln ? Ich ? « antwortete das Töchterlein tief gekränkt . » Ich schmeichle nie ! Sehe ich ' s doch mit meinen Augen alle Tage , und wenn ich nicht von selbst darauf gekommen wäre – so höre ich es ja alle Wochen ein paarmal von deinen Freundinnen und Freunden : Merkwürdig , daß die Töchter nie die Schönheit der Mutter erben ! Oder : Die Mama war in Ihrem Alter doch ein gut Teil hübscher als Sie , kleines Fräulein ! Oder : Wie zwei Schwestern , nur daß die ältere die bei weitem schönere ist . « Sie hatte das mit verschiedenen Tonarten gesagt , offenbar in Nachahmung der betreffenden Persönlichkeitem » Die Leute reden vieles , was sie nicht verantworten können , « antwortete Frau Wendenburg nicht gar zu böse : » es sind eben Redensarten , auf die man nichts gibt , aber hiermit hat das gar nichts zu tun , – wenn der Herr Oberamtmann Bartenstein zu unserem Fenster hinausgrüßt , hast du mit zu danken . Verstanden ? « » Ja , Mama ! « » Ich finde Herrn Oberamtmann Bartenstein sehr nett und höflich , « erklärte die Mutter eifrig , » ein ganz scharmanter Mann ist er . Auf Äußerlichkeiten achten doch nur sehr oberflächliche Menschen ; mir ist er jedenfalls lieber als manch einer mit dem üppigsten Haarwuchs . « » Ich habe aber seinen Wert nicht im geringsten angezweifelt , Mama ! Wie sollt ' ich auch ? Ich kenne ihn ja gar nicht ! « » Und mokierst dich doch über seinen Kahlkopf ? Weißt du auch , bei wem du das Mokieren gelernt hast ? Bei Tante Lotte – red mir nicht dawider – bei Tante Lotte hast du es gelernt , basta ! « » Wirklich nicht , Mama , Tante Lotte sagt keinem Menschen etwas Böses nach : immer hast du etwas auf die arme Tante . « Darauf eine lange Pause . Endlich fragte Röschen , um das gekränkte Gesicht ihrer Mutter wieder freundlich zu sehen : » Wir müssen nun wohl bald mit den Weihnachtsbäckereien anfangen , Mama ? Die Zuckernüsse schmecken wirklich recht gut , wenn sie zwölf bis vierzehn Tage alt sind . « » Wir backen in diesem Jahre nicht , « war die Antwort . 215 » Nicht ? Und Fritz ißt doch so gern unser selbst bereitetes Konfekt ! « » Dann mag nur seine Mutter backen , wir – es ist eigentlich dein Weihnachtsgeschenk , und du solltest es erst kurz vorher erfahren , aber es läßt sich schwer verheimlichen , bist ja auch kein Kind mehr – wir reisen nächsten Sonnabend nach Berlin zu Onkel Richard und bleiben – – « » Und bleiben – ? « stotterte das junge Mädchen , das ganz blaß geworden war . » Wir bleiben bis Anfang des nächsten Jahres , « vollendete Frau Amtsrat gelassen . » Aber , Mama , dann – dann ist die arme Tante ja am Feste allein , und – « » Fritz kommt ja doch , denke ich ? « » Ach ja , Fritz kommt ! « Röschen legte ganz langsam ihre Näherei zusammen und stand auf , um das Zimmer zu verlassen . » Nun , und du freust dich gar nicht ? Du bedankst dich nicht einmal ? « rief Frau Amtsrat ihr nach . » O , ich freue mich ganz gräßlich , und ich danke dir sehr , Mama , « antwortete Röschen mit Aufbietung aller Kräfte , und dann war sie plötzlich aus der Tür und lief so eilig sie konnte über den großen Flur in ihr Stübchen , und wie sie dort die Türe zugeriegelt hatte , fing sie an zu weinen wie ein gestraftes Kind . Und danach wurde sie zornig und zerbiß ihren Taschentuchzipfel und trat mit dem Fuße auf , und endlich weinte sie wieder . Wie hatte sie die Tage gezählt bis zum heiligen Abend , an dem er kommen würde