beinahe wehmüthig gelächelt , und ein fragendes „ Zum zweiten Male das gefährliche Experiment ? “ war über seine Lippen gekommen . „ Gott gebe , “ hatte er hinzugefügt , „ daß es diesmal besser ausschlägt ! Uebrigens , Frau Baronin , es ist heutzutage nicht so leicht mehr , wie Sie denken ; die Welt ist [ 788 ] unangenehm praktisch geworden in letzter Zeit ; Väter , die so einen adligen jungen Sausewind mit offenen Armen aufnehmen und es sich zur Ehre anrechnen , seine kolossalen Schulden zu bezahlen , werden immer seltener – das Geld ist knapp , Frau Baronin , sehr knapp , wer heißt aber auch , zum Donnerwetter ! den Leichtsinn gleich Equipagen für das Fräulein Braut anschaffen und seidene Meubel ? Das kam noch lange früh genug ; man soll die Bärenhaut nicht verkaufen , ehe der Bär gestochen ist . Sie , Frau Baronin , die Sie so viel erfahren haben im Leben , Sie hätten den Jungen beim Ohrzipfel nehmen und ihn mores lehren sollen ; er ist doch sonst leicht zu leiten gewesen . “ Die Augen der jüngeren Baronin hatten sich vorwurfsvoll auf die Schwiegermutter , bittend auf den alten Mann gerichtet ; die bittenden Augen hatten diesen doch so weit bezwungen , daß er wenigstens versprach , sein Möglichstes zu versuchen . – – Lieschen war längst wieder heimgekehrt in die elterliche Wohnung , begleitet vom innigsten Dank Nelly ’ s und ihrer Mutter . Sie kam beinahe täglich in ’ s Schloß , und ihr fröhliches Geplauder , ihre helle , freundliche Erscheinung brachte auf Stunden einen Sonnenstrahl in die stillen , hohen Gemächer ; Nelly vergaß dann auf kurze Zeit ihre Traurigkeit , um sich freilich nachher doppelt elend zu fühlen . Wie gut sie es hat ! dachte sie , wenn die schlanke Gestalt der Freundin so leicht durch die Allee der jetzt entlaubten mächtigen Linden nach Hause eilte . Sie malte sich das behagliche Heim Lieschens aus und sah im Geiste , wie sie den Arm um den stattlichen Hausherrn schlang und ihn ihren Herzensvater nannte , auf den sie so stolz , so stolz sein könne – und dann flossen wieder Nelly ’ s Augen über vor bitterem Weh . So war der November gekommen mit seinem düsteren Wetter ; die Stürme brausten wieder um das alte Schloß , wie sie es schon Jahrhunderte gethan ; feucht und schwer hingen die Wolken über der Landschaft , und Regen , untermischt mit Schnee , schlug prasselnd gegen die Fensterscheiben . Solch Wetter übt seinen Einfluß auf die Menschenseele , und nun gar auf eine kranke , der Erheiterung so sehr bedürftige , und es drängt sich unwillkürlich die Frage auf die Lippen : „ Wird wohl je wieder die Sonne scheinen ? Werden je die Stürme wieder schweigen ? “ Wohl dem Menschenherzen , daß ihm die Hoffnung zugesellt ist auch in den Tagen des höchsten Schmerzes ! Sie flüstert doch noch immer tröstende Worte in die verzweifelnde Brust und malt auf den gewitterdunklen Hintergrund leuchtende Arabesken und reizende Blumengewinde , zwischen denen allerhand glückliche , heißersehnte Zukunftsbilder hervorschauen ; die thränenden Augen vermögen dann wieder fester aufzublicken und die bange Brust athmet neu ; es kann ja noch Alles gut werden ! Und die Zeit verging ; einförmig , langsam und bleiern verstrichen die Tage . Allwöchentlich kam ein Brief von dem fernen Sohn , den die Mutter mit heimlicher Angst und Herzklopfen öffnete ; meinte sie doch jedesmal etwas Schlimmes daraus zu lesen ! „ Siehst Du nicht , Mama , wie unglücklich er ist , so zerfahren , so anders wie sonst ? “ seufzte dann Nelly und las immer und immer wieder das Schreiben , hinter dessen Kürze sich ein tief bedrücktes Gemüth zu verstecken schien . „ Es geht ihm gut , “ pflegte die alte Baronin verächtlich zu sagen ; „ er hofft es von uns auch ; er hat viel Dienst – voilà tout ! Er ist kein Mann ; sonst würde er Alles daran setzen , daß es nicht zum Aeußersten kommt . Himmel ! wenn ich an seiner Stelle wäre , das Leben vor mir und so jung ! O diese unselige deutsche Sentimentalität , die vor lauter Schmerz um etwas Verlorenes nicht den Muth finden kann , nach einem neuen Glück zu ringen – Orribile ! Es ist unser Aller Unglück ; ich hätte nie gedacht , daß auch er so sein könnte . “ Und vor Erregung zitternd setzte sich die alte Dame hin und schrieb einen Brief an den Enkelsohn , um ihm Muth zu machen , und einen andern an Hellwig , um ihn anzuspornen , die Schuldenangelegenheit möglichst hinzuhalten . Der November verging , und der December kam mit seinen Stürmen ; sie fuhren in die hohen Schornsteine und drehten kreischend die rostigen Wetterfahnen auf den Thürmen ; sie bogen und schüttelten die alten Bäume des Waldes ; der Regen prasselte wie sonst gegen die Fenster und weichte die Wege des Parkes auf , bis in einer funkelnden Sternennacht der Winter geschritten kam mit klingendem Frost und die Wege so glatt und fest gefrieren ließ wie eine Chaussee ; er überzog den Teich mit einer spiegelblanken Eiskruste , und Frau Holle breitete den ersten feinflockigen Schnee über Weg und Steg . „ Nun wird es bald Weihnacht , “ sagten die Leute im Dorfe und freuten sich . „ Nun wird es bald Weihnacht , Mama , “ sagte auch Nelly zu der kränkelnden Frau , die am Kamine saß und strickte , aber in ihrem Gesichte leuchtete kaum etwas von der holden Vorfreude des schönen Festes ; „ ob wohl Army kommt ? “ setzte sie fragend hinzu , und die Arme um den Hals der Mutter schlingend bat sie : „ Liebe Mama , ich will auch gar nichts geschenkt haben , wenn nur Army kommt . “ „ Nun wird ’ s bald Weihnacht , “