gebändigtes Herz , ein gefangenes Herz , es glüht auf , es kühlt ab , man hebt ' s empor , man drückt ' s hinunter , wie das Geschick es will . Immer geduldig bleiben , das war das Wichtige , und nichts verraten . Schwesterlein hinter der Maske , so sollte es sein . Marianne sagte : » Kind , das hat Ihnen Gott eingegeben , daß Sie gekommen sind , um mir Nachrichten von ihm zu bringen . Da will ich denn wieder Blumen ins Fenster stellen wie vor Zeiten und das Haustor offen lassen , damit die Schwalben wieder ein Nest drin bauen . Vielleicht gedenkt er dann auch wieder an seine Mutter . « Dann verlangte sie Meta zu sehen . Lenore ging und kehrte nach kurzer Weile mit ihrem Schützling zurück . Mitleidig und streng betrachtete Marianne die Schwangere , die ein verstörtes Wesen zeigte und auf jede Frage eine ungereimte Antwort gab . Sie könne wohl bei ihr wohnen , sagte Marianne , doch müsse sie arbeiten , denn im Hause sei kein Überfluß . Das Mädchen berief sich auf seine vier Dienstjahre und daß es ihr an Fleiß und Willigkeit nie gefehlt . Darauf ermahnte Marianne sie zur Verschwiegenheit , die Leute im Orte seien neugierig , sie dürfe nicht plaudern und sich von keinem ausfragen lassen , sonst sei ihres Bleibens nicht . Als dies vorüber war , verabschiedete sich Lenore . Eine Mahlzeit zu nehmen weigerte sie sich standhaft . Marianne dachte , sie habe Eile , die Rückpost zu benutzen , und geleitete sie über den Platz . Sie versprachen einander zu schreiben , und ehe Lenore in die wacklige Kutsche stieg , küßte Marianne das blühende Geschöpf auf die Wange . Sie schaute dem Wagen nach , bis er durchs Stadttor gefahren war . Ein betrunkener Bauer stieß sie an , der Hufschmied rief ihr einen Gruß zu , die Doktorsfrau lehnte aus dem Fenster und erkundigte sich , wer der städtische Zierbengel gewesen sei , Marianne hörte nichts und ging langsam ihrer Behausung zu . 8 So kam es , daß fünf Wochen später eine Tochter Daniels unter Mariannes Dach das Licht der Welt erblickte . Von seiner Geburt an war Marianne dem Kinde zugeneigt , während sie vorher mit Widerwillen seiner gedacht hatte . Es war ein feines Kreatürchen , zartgliedrig , schmalhäuptig , eigentümlich menschenhaft in seinen frühesten Lebensäußerungen und eine edle Art mit Entschiedenheit verkündend . Die Eschenbacher staunten . Wo kommt das Kind her ? fragten sie ; wer ist die Mutter ? wer der Vater ? Das Standesamtsregister nannte eine Meta Steinhäger als Mutter der unehelich geborenen Eva Steinhäger . Der Vater sei unbekannt , hieß es . Aber die Witwe Nothafft wußte vermutlich Näheres . Deshalb kamen die alten und die jungen Frauen häufiger als früher in Mariannes Laden . Sie wollten in Erfahrung bringen , wie das Kleinchen gedieh , ob es die Milch gut verdaue , ob es schon zahne , ob es deutsch reden werde oder eine ausländische Sprache und Ähnliches mehr . Um sich Ruhe zu verschaffen , sagte Marianne , die Meta Steinhäger sei eine arme Anverwandte , und sie habe das Kind in Kost und Pflege übernommen . Sie konnte diese Mär um so leichter in Umlauf setzen , als sich Meta fast gar nicht um den Säugling kümmerte . Kurz nach der Entbindung war sie zu einem Bäcker nach Dinkelsbühl in Dienst gegangen und kam höchstens einmal im Monat herüber . Das Kind war ihr gleichgültig . Ein Geselle jenes Bäckers vergaffte sich in sie , er wollte sie heiraten und mit ihr nach Amerika auswandern . Um Weihnachten wurden sie getraut und bald danach verließen sie das Land . Marianne war dessen froh ; nun gehörte das Kind ihr allein . Obgleich die Leute sich allmählich an das Dasein ihrer jungen Mitbürgerin gewöhnten , war und blieb Eva das geheimnisvolle Kind von Eschenbach . 9 Nie Wanderoper zog durch die kleinen Städte , deren es zwischen Donau und Main und Saale und Neckar die Fülle gibt , und die Dauer ihres jeweiligen Aufenthaltes hing natürlich von der Teilnahme des Publikums ab . » Die Provinz ist das verzauberte Dornröschen , « sagte der Impresario Dörmaul zu Wurzelmann und Daniel , » die Provinz schläft noch , und ihr müßt sie wecken , indem ihr den Kuß der Muse auf ihre Stirn drückt . « Aber der Impresario hielt dabei die Taschen zu ; die Prinzen , die das Dornröschen aus dem Schlummer reißen sollten , hatten nicht die Mittel zu einem standesgemäßen Auftreten , und um ihren Hofstaat sah es auch ziemlich windig aus . Der Tenor hatte den Zenith des Lebens längst überschritten , und sein Schmerbauch tat der Glaubhaftigkeit der Heldenfiguren , die er zu spielen hatte , großen Abbruch . Der Buffo war ein unverbesserlicher Säufer und wurde wegen nächtlicher Exzesse von der Polizei oftmals hinter Schloß und Riegel gesetzt . Der Bariton führte mit Hilfe zweier Winkeladvokaten einen Erbschaftsprozeß , und aus Ärger über die Finten der Gegenpartei versagte ihm oft die Stimme . Die Sopranistin lag stets mit sämtlichen Kollegen in Zank und Hader , und die Altistin war ein ränkesüchtiger Teufel ohne Talent . Daneben gab es noch ein Dutzend Eleven und Elevinnen , die sich langweilten , Schabernack trieben , Hungerlöhne bezogen und nichts gelernt hatten . Auch die Orchestermitglieder waren traurige Gestalten . Nicht selten hatte einer oder der andere sein Instrument ins Pfandhaus getragen ; einmal mußte eine Vorstellung abgesagt werden , weil sich die Geiger bei einer Dorfkirchweih verspäteten , wo sie zum Tanz aufspielten , um ihr kümmerliches Einkommen zu verbessern . Der Inspizient , der zugleich Kulissenschieber , Souffleur , Billettverkäufer und Besucher der Zeitungsredaktionen war , zeigte sich keinem dieser Ämter gewachsen und ergriff im zweiten Jahr mit einer Elevin und einer Tageseinnahme die Flucht . Einmal waren die Kostüme an einen falschen Ort geschickt worden , und es mußte