sagen : Ich hab ' die Pflichten , die ich übernahm , erfüllt . « Sie lehnte in dem weißen Korbsessel , in dem der kleine Haimbrugk in seinem weißen Matrosenkleidchen gemalt wurde . Den Ellbogen hatte sie auf die leicht geflochtene Lehne gestützt und sah Sophie nachdenklich an . Und hinter ihr stand das Stück weißgrauer Papierleinwand , das Sophie da hatte hinspannen lassen . Ihr gegenüber , neben der Staffelei , hockte Sophie auf dem Malerschemel und hielt die Hände auf den Knien . » Niemand kann sich vorstellen - ich denke mir , besonders keine natürliche Mutter kann das - , wie ein erworbenes Mutterrecht ist ! Sie werden es nicht glauben , die andern Mütter , daß solche erworbenen Rechte leidenschaftlicher empfunden werden und noch tiefer wurzeln . Wissen Sie , die ersten zwölf Jahre hatte ich sehr gelitten . Mein Mann nicht so sehr . Es gibt ja Söhne bei seinem Bruder , das Haus blüht weiter . Aber ich - ich fühlte durchaus : Ich kann erziehen , bilden , ein junges Wesen ganz und gar mit dem meinen durchwirken , mich hinopfern . Und dann bekam ich Marieluis . Sie war zwei Jahre alt - also ich habe ihre ganze Jugend in der Hand gehabt ! Wollen Sie es wohl glauben : Mit jeder Erziehungsmühe erkaufte ich mir , was andern Müttern von Natur zusteht ! Ich habe alles darangesetzt , aus Marieluis ein kluges , klardenkendes , gerechtfühlendes , hochgebildetes Wesen zu machen . Das kostete Hingabe . Und ich verwuchs ganz mit ihr , ganz ! Ich darf sagen : Mein Ziel ist erreicht . Wenn ich mir so all die andern Mädchen ansehe - keine reicht an meine Tochter . Sie ist ganz mein . Und doch - sehen Sie - da ist dennoch ein Stachel ! Vielleicht scheint sie nur ganz mein . Eines Tages vielleicht wird sie , wenn sie liebt und heiratet , sich daran erinnern , daß in ihren Adern ja nicht mein Blut fließt . Das träfe mich wie ein Schlag . Wenn eigene Kinder sich gegen die Mutter wenden , ist es entsetzlich . Wenn ein so zu eigen gewordenes Kind die Mutter verließe , wäre es furchtbar . « » Das wird Marieluis niemals tun , « sagte Sophie fest . Und fügte nach einer ganz kurzen Pause tastend hinzu : » Auch deshalb wünschen Sie nicht , daß Marieluis heiratet ? « Die Senatorin fuhr auf : » Nehmen Sie es nicht übel , liebe Verehrte , aber Ihr andern Frauen versteht Euch allesamt nicht aufs Zuhören und auf logische Gedankengänge . Wann hätte ich je gesagt , daß Marieluis nicht heiraten soll ? Ich sagte nur , sie ist so erzogen , daß sie es nicht braucht ! Aber natürlich wünsch ' ich es ihr . Gott , Liebste , wenn ich denke , ich bekäme Enkelkinder - erlebte da das Wunder , das mir selbst nicht beschieden ward « - - - Sie stockte . Und wahrhaftig : die scharfen Züge bekamen den Glanz einer wunderbaren Weichheit . Aber das durfte nicht sein : Fassung , Selbstbeherrschung , Haltung - und wieder ganz überlegene , sichere Dame . » Ja - aber die Wahl des Mannes ! Natürlich - sie soll frei wählen ! Das versteht sich . Ihr Herz und ihr Verstand sollen wählen . Und können es , mit Bewußtsein - können prüfen - sich bedenken . Denn Marieluis ist ja sexuell aufgeklärt - weiß in jeder Richtung , was sie tut . Ich weiß auch , hoffe wenigstens , ihr wird nie eine Leidenschaft über dem Kopfzusammenschlagen und sie blind machen . Ich weiß auch , sie wird nie einen Mann nehmen , der sie zurückschrauben will , der alles ausstreicht und weglöscht , was ich sie an Erkenntnissen und Pflichten gelehrt . « Sie besann sich einen Augenblick . Nun kam ja erst das , was eigentlich gesagt werden sollte . Und sie fuhr fort : » Ein Weilchen dachte ich an John Vierbrinck . Sie wissen , den älteren Bruder der allerliebsten kleinen Dory . Ich bin eine geborene Vierbrinck - wie gern hätte ich Marieluis in meine Familie eintreten sehen . Aber John ist ganz rückständig . Er hat es ja sogar durchgesetzt bei meinem Vetter , daß Dory nicht mehr für meinen Verein tätig sein darf . Er hat den törichten Ausspruch getan , seine Schwester sei nicht dazu berufen , die soziale Frage zu lösen . Das sollte witzig sein . Also ja - ich denke : Söhne , die eine Mutter haben , die arbeitet , die wirtschaftlich auf sich selbst gestellt ist - die wissen , daß eine Frau heute nur bestehen kann , wenn sie gelernt hat , dem Leben allein Trotz zu bieten - ja , solche Söhne sind Männer , die unsere soziale Arbeit verstehen werden . « » O gewiß - gewiß ! « murmelte Sophie . Und sie raffte sich , ihren spannungsvollen Vorgefühlen zum Trotz , sogar zu der Bemerkung auf : » Es würde ja wohl bei den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen keinem vernünftigen Menschen mehr einfallen , die Frau unter allen Umständen im Rahmen der Familie festhalten zu wollen . « Die Senatorin nickte befriedigt . Und war sich schließlich doch nicht bewußt , daß diese allgemeinen Redensarten und Gemeinplätze hier gar nichts zu bedeuten haben mochten . Sie änderte ihre Haltung nicht , sondern sah immerfort fest in Sophiens Gesicht . » Ihr Sohn ist meinem Mann und mir vom ersten Augenblick an sehr angenehm gewesen , « begann sie , gleichsam in einen neuen Abschnitt des Gespräches tretend . » Aber seit dem großen Brande seiner Fabrik haben wir viel Respekt vor ihm bekommen . Der fröhliche Mut , der in ihm ist , diese klare Uebersicht , die er hat , die zähe Energie , mit der er trachtet , den Schaden auszugleichen - ja , mein Mann sagt ,