ihn nahmen , hoben und wiegten , und die krankhafte Spannung seiner Nerven löste sich . Nach dem Choral las die Baronin den zweiten Psalm in ihrer klagenden , ermahnenden Weise , nur daß die Stimme zuweilen zu zittern begann und in einer aufsteigenden Rührung zu versagen drohte . Den Schluß machte ein gemeinsames Gebet , ein gleichmäßiges Murmeln , das dem kleinen Dietz früher der Inbegriff des Heiligen geschienen hatte . Egloff stand leise auf und ging in sein Zimmer hinüber . Das hatte ihm wohlgetan , es war stiller in ihm geworden . Er aß ein wenig , trank ein Glas Wein und setzte sich in seinen großen Sessel . Das angenehme Gefühl , mit dem wir bemerken , daß ein bohrender Schmerz , der uns quälte , plötzlich nachgelassen hat , erfüllte auch ihn , als er feststellte , daß er nicht mehr an Dachhausen zu denken brauchte . Er schloß die Augen und mußte eine Weile geschlafen haben , denn er träumte eine kurze Traumvision , Fastrade kam in die Auerhahnhütte in ihrem blauen Reitkleide , das Gesicht rund und rosig , das Haar unnatürlich golden , und mit ihr kam viel Sonnenschein in das Zimmer , ein Sonnenschein so gelb , wie er ihn nur als Kind gesehen zu haben glaubte , wenn der kleine Dietz morgens im Bette lag und die Wärterin die Fensterläden öffnete und die Morgensonne hereinließ . Das Gefühl der Freude mußte für den Traum zu stark sein , denn er erwachte . Still saß er da , um das Traumgefühl festzuhalten , bis die Gegenwart unerbittlich und unentrinnbar alles verlöschte . Da empfand er ein Gefühl des Alleinseins , wie es ihn so stark noch nie ergriffen hatte . Menschen waren ihm stets ein Bedürfnis gewesen , allein er hatte es nie recht verstanden , ihnen nahe zu sein , jetzt jedoch schienen alle Fäden , die ihn mit den anderen verbanden , zerrissen , und die eine , in deren Gegenwart er sich nie allein gefühlt , war ihm unendlich fern . Seltsam war es immerhin , daß er mit diesem Dietz Egloff bis an das Ende gehen sollte . Und vielleicht war es ein Aberglaube , die Welt war doch so groß , konnte er nicht dort irgendwo weit fort auftauchen , als ein anderer und Neuer ? Das Leben Dietz Egloffs war zwar verdorben und verspielt , aber das Leben ohne Dietz Egloff war ganz uninteressant . So sank denn die Einsamkeit auf ihn nieder wie etwas Körperliches , wie etwas Kaltes und Hartes , schnürte ihn ein wie eine Rüstung . Die kleine Uhr auf dem Spiegeltisch schlug elf mit ihrem dünnen , hellen Tolle , der einer Kinderstimme glich . Egloff klingelte Klaus und befahl ihm , Ali zu satteln , ging darauf in sein Ankleidezimmer , sich für den Ritt umzukleiden . Als er fertig war und eben hinausgehen wollte , blieb er einen Augenblick vor seinem Schreibtische stehen , auf dem ein Paket Briefe lag , obenauf ein großer Brief von Mehrenstein . Mit Ekel schob er sie beiseite , die sollten nur uneröffnet bleiben . Ali war munterer denn je , und da Egloff ihn laufen ließ , jagte er in vollem Galopp die Landstraße entlang . Wieder kamen sie an Wiesen vorüber , über die der Nebel hinspann , wieder schlug die Nachtigall in den Erlen , und Harmonikaklänge irrten durch die Nacht , aber heute kam das Egloff nicht nahe , es zog vorüber wie das Leben , auf das wir aus dem Kupeefenster mit reisemüden Augen herabsehen . Aber Ali war so ausgelassen , daß Egloff auf ihn achtgeben mußte , und die Arbeit am Pferde zerstreute ihn ein wenig . So jagten sie die Padurensche Birkenallee hinab , und vor dem Parkgitter hielten sie . Dunkel und schweigend mit seinen geschlossenen Fensterläden stand das alte Haus zwischen den großen Kastanienbäumen , die alle ihre Blüten aufgesteckt hatten mitten in dem schwülen Dufte seines Gartens , und der bleiche Reiter vor dem Parktor starrte lange durch die Dämmerung zu ihm hinüber . Ali jedoch war unruhig und ließ sich endlich nicht mehr halten . » Geh « , murmelte Egloff , und in tollem Ritte ging es jetzt über die Landstraße dem Walde zu . Im Walde war es dunkel und so stille , daß die Hufschläge des Pferdes widerhallten wie in verlassenen Kreuzgängen . Vor der Auerhahnhütte blieb All von selbst stehen . Egloff stieg ab und führte das Tier , das ganz in Schaum war , beiseite unter die Zweige einer großen Tanne . » Tüchtig ausgelaufen , was , mein Alter « , sprach er ihm liebevoll zu , er löste ihm den Sattelgurt und den Kopfriemen , bedeckte leicht mit der linken Hand das Auge des Pferdes , zog mit der rechten seinen Revolver heraus , drückte ihn gegen Alis Ohr und schoß ab . Ein Zittern ging durch den ganzen Körper des Tieres , dann brach es mit allen vier Läufen zusammen , zuckte ein wenig und lag still da . Egloff beugte sich zu ihm nieder , strich ihm mit der Hand über die Mähne und murmelte : » So , mein Alter , mehr ist nicht daran , man streckt sich ein wenig und dann ist ' s aus , mehr ist nicht daran . « Er richtete sich auf und ging langsam zur Hütte hinüber . Vor der Tür blieb er einen Augenblick stehen und schaute in die Nacht hinein . Durch die schwarzen Tannenwipfel blitzten Sterne , auf der kleinen Waldwiese lag Nebel , und ein Nachtvogel flog lautlos nahe der Erde durch die weißen Schleier hin . Egloff öffnete die Tür zur Hütte und zog sie hinter sich zu . - Früh morgens wurde Fastrade von ihrem Mädchen geweckt . Der Förster aus Sirow sei da , hieß es , er wolle das gnädige Fräulein sprechen , es sei etwas mit dem jungen Herrn geschehen , vielleicht wolle das