böse und blutig . Er hielt einen Mantel von sich ab und schüttelte ihn , als sollte etwas herausfallen ; aber der Mantel war leer . So ging man daran , nach Kennzeichen zu suchen , und es fanden sich einige . Man hatte ein Feuer gemacht und wusch den Körper mit warmem Wasser und Wein . Die Narbe am Halse kam zum Vorschein und die Stellen der beiden großen Abszesse . Der Arzt zweifelte nicht mehr . Aber man verglich noch anderes . Louis-Onze hatte ein paar Schritte weiter den Kadaver des großen schwarzen Pferdes Moreau gefunden , das der Herzog am Tage von Nancy geritten hatte . Er saß darauf und ließ die kurzen Beine hängen . Das Blut rann ihm noch immer aus der Nase in den Mund , und man sah ihm an , daß er es schmeckte . Einer der Diener drüben erinnerte , daß ein Nagel an des Herzogs linkem Fuß eingewachsen gewesen wäre ; nun suchten alle den Nagel . Der Narr aber zappelte , als würde er gekitzelt , und schrie : » Ach , Monseigneur , verzeih ihnen , daß sie deine groben Fehler aufdecken , die Dummköpfe , und dich nicht erkennen an meinem langen Gesicht , in dem deine Tugenden stehn . « 5 ( Des Herzogs Narr war auch der erste , der eintrat , als die Leiche gebettet war . Es war im Hause eines gewissen Georg Marquis , niemand konnte sagen , wieso . Das Bahrtuch war noch nicht übergelegt , und so hatte er den ganzen Eindruck . Das Weiß des Kamisols und das Karmesin vom Mantel sonderten sich schroff und unfreundlich voneinander ab zwischen den beiden Schwarz von Baldachin und Lager . Vorne standen scharlachne Schaftstiefel ihm entgegen mit großen , vergoldeten Sporen . Und daß das dort oben ein Kopf war , darüber konnte kein Streit entstehen , sobald man die Krone sah . Es war eine große Herzogs-Krone mit irgendwelchen Steinen . Louis-Onze ging umher und besah alles genau . Er befühlte sogar den Atlas , obwohl er wenig davon verstand . Es mochte guter Atlas sein , vielleicht ein bißchen billig für das Haus Burgund . Er trat noch einmal zurück um des Überblicks willen . Die Farben waren merkwürdig unzusammenhängend im Schneelicht . Er prägte sich jede einzeln ein . » Gut angekleidet « , sagte er schließlich anerkennend , » vielleicht eine Spur zu deutlich . « Der Tod kam ihm vor wie ein Puppenspieler , der rasch einen Herzog braucht . ) Man tut gut , gewisse Dinge , die sich nicht mehr ändern werden , einfach festzustellen , ohne die Tatsachen zu bedauern oder auch nur zu beurteilen . So ist mir klar geworden , daß ich nie ein richtiger Leser war . In der Kindheit kam mir das Lesen vor wie ein Beruf , den man auf sich nehmen würde , später einmal , wenn alle die Berufe kamen , einer nach dem andern . Ich hatte , aufrichtig gesagt , keine bestimmte Vorstellung , wann das sein könnte . Ich verließ mich darauf , daß man es merken würde , wenn das Leben gewissermaßen umschlug und nur noch von außen kam , so wie früher von innen . Ich bildete mir ein , es würde dann deutlich und eindeutig sein und gar nicht mißzuverstehn . Durchaus nicht einfach , im Gegenteil recht anspruchsvoll , verwickelt und schwer meinetwegen , aber immerhin sichtbar . Das eigentümlich Unbegrenzte der Kindheit , das Unverhältnismäßige , das Nie-recht-Absehbare , das würde dann überstanden sein . Es war freilich nicht einzusehen , wieso . Im Grunde nahm es immer noch zu und schloß sich auf allen Seiten , und je mehr man hinaussah , desto mehr Inneres rührte man in sich auf : Gott weiß , wo es herkam . Aber wahrscheinlich wuchs es zu einem Äußersten an und brach dann mit einem Schlage ab . Es war leicht zu beobachten , daß die Erwachsenen sehr wenig davon beunruhigt wurden ; sie gingen herum und urteilten und handelten , und wenn sie je in Schwierigkeiten waren , so lag das an äußeren Verhältnissen . An den Anfang solcher Veränderungen verlegte ich auch das Lesen . Dann würde man mit Büchern umgehen wie mit Bekannten , es würde Zeit dafür da sein , eine bestimmte , gleichmäßig und gefällig vergehende Zeit , gerade so viel , als einem eben paßte . Natürlich würden einzelne einem näher stehen , und es ist nicht gesagt , daß man davor sicher sein würde , ab und zu eine halbe Stunde über ihnen zu versäumen : einen Spaziergang , eine Verabredung , den Anfang im Theater oder einen dringenden Brief . Daß sich einem aber das Haar verbog und verwirrte , als ob man darauf gelegen hätte , daß man glühende Ohren bekam und Hände kalt wie Metall , daß eine lange Kerze neben einem herunterbrannte und in den Leuchter hinein , das würde dann , Gott sei Dank , völlig ausgeschlossen sein . Ich führe diese Erscheinungen an , weil ich sie ziemlich auffällig an mir erfuhr , damals in jenen Ferien auf Ulsgaard , als ich so plötzlich ins Lesen geriet . Da zeigte es sich gleich , daß ich es nicht konnte . Ich hatte es freilich vor der Zeit begonnen , die ich mir dafür in Aussicht gestellt hatte . Aber dieses Jahr in Sorö unter lauter andern ungefähr Altersgleichen hatte mich mißtrauisch gemacht gegen solche Berechnungen . Dort waren rasche , unerwartete Erfahrungen an mich herangekommen , und es war deutlich zu sehen , daß sie mich wie einen Erwachsenen behandelten . Es waren lebensgroße Erfahrungen , die sich so schwer machten , wie sie waren . In demselben Maße aber , als ich ihre Wirklichkeit begriff , gingen mir auch für die unendliche Realität meines Kindseins die Augen auf . Ich wußte , daß es nicht aufhören würde , so wenig wie das andere erst begann . Ich sagte